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Aus: Ausgabe vom 11.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Sprachkritik

Eine Nummer! Sophie Passmann, für Metaebenen bekannt

Von Jürgen Roth
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»Einfach sehr viel im Raum«: Kai Diekmann

Unklar war lange, warum es die Leipziger Volkszeitung geben muss. Nun wissen wir’s: um ein Interview mit Sophie Passmann zu drucken, am Frauenbundtag nämlich, am 8. März 2019, an einem Tag, der dereinst als jener Tag feierlich begangen werden wird, an dem sich das Menschengeschlecht aufmachte, seiner Vollendung entgegenzuschreiten, seiner totalen Vervollkommnung, seiner Angelus Silesiusschen Wesentlichkeitswerdung. Der 8. März 2019 – es war der Tag, an dem die Wahrheit auf uns kam.

Die Frage, wie dumm man sein muss, um in die Zeitung zu kommen, ist beantwortet. Man muss Sophie Passmann heißen und ein Buch geschrieben haben, das stramm nonkonformistisch wider den Zeitgeist röhrt und »Alte weiße Männer« heißt. »Alte weiße Männer« – es ist schier ingeniös. »Alte weiße Männer«. Leck mich anne Täsch. Damit kommt man in die Zeitung. Gesegnet sei die Leipziger Volkszeitung, und das Volk ist froh. Denn jetzt weiß es, woran es hakt. »Der alte weiße Mann sieht sich als Mittelpunkt des Universums«, lautet die Überschrift des Interviews. Es folgt der redaktionelle Vorspann: »Sophie Passmann ist schnell, radikal und feministisch.« Schnell, radikal und feministisch – das kann in Zeiten des schnellen, radikalen und feministischen (setze ein: identitätspolitischen) Nichtdenkens keinesfalls verkehrt sein. Wer sinniert, verliert. Wer quasselt, reüssiert. »Die 25jährige hat Twitter und Instagram erobert und will jetzt die politische Debatte kapern mit ihrem Buch ›Alte weiße Männer – Ein Schlichtungsversuch‹. Viel zu sagen hat sie jedenfalls.«

Weiß Gott. Um sich selber reden zu hören, hat die mutige Öffentlichkeitsguerillera alte weiße Männer angeschrieben: »Obwohl ich feministisch bin, habe ich großen Spaß daran, mit jemandem zu sprechen, der meine Positionen nicht sofort teilt. Alles, was nach dieser Mail kam, ist der Mut der Männer. Es ist schon eine Nummer, jemandem, der hauptsächlich für Krawall, Metaebenen und Feminismus bekannt ist, zu vertrauen und ihr zuzusagen.«

Nach der Mail kam der Mut, einer Narzisstin zu antworten, die für Metaebenen bekannt ist (eine: Nummer! Hoho!). Man fragt sich schon hier, während der ersten Stellungnahme, ob Sophie Passmann nicht einfach vollkommen weggetreten ist. Aber das beantwortet sie selber. Denn über den Wichsbold Kai Dieckmann erzählt sie, er sei »sehr viel im Raum« (vermutlich wie Matthew McConaughey in dem Film »Interstellar«): »Kai Diekmann ist einfach sehr viel im Raum. Der ist jahrzehntelang der Boulevardkönig gewesen und strahlt immer noch dieses unglaubliche männliche Selbstbewusstsein aus. Das Treffen war anstrengend, weil ich mir immer wieder versichern musste: Ich bin gar nicht in der Defensive, ich darf im Interview auch offensiv sein.«

Und das ist ja die vornehmste menschliche Eigenschaft: offensiv zu sein (sofern man nicht auf den Namen Thomas Müller hört). Bloß keine Dezenz, bloß keine Zurückhaltung, bloß keine Verweigerung, bloß kein Stil. Immer dolle druff und mitmischen im kulturindustriellen, sprachverkrüppelnden Krawall – und fortschrittsforsch auf einer hotten Metaebene, von der man nicht mal ahnt, was eine solche sein könnte, weiterplappern: »Ich bin als weißer Mensch systematisch rassistisch, denn ich profitiere von einer rassistischen Gesellschaft. Um etwas zu ändern, muss ich aktiv antirassistisch sein. Genau so kann ich sagen: Jeder Mann, also auch Sie, ist sexistisch, weil Sie davon profitieren, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen benachteiligt werden. Sie müssten aktiv antisexistisch sein. Jeder ist das Problem, wenn er ein Privileg hat und es nicht einsehen möchte. Auf der individuellen Ebene ist es viel schwieriger. Ich habe sehr viele weiße Männer in meinem kurzen bis mittellangen Leben gefunden, die mich stark gefördert haben. Das heißt aber nicht, dass die alle einen Persilschein bekommen.« Entnazifizierung – nicht leichtgemacht.

»Ich habe niemandem Rechenschaft abzulegen außer meinem eigenen Intellekt«, sagt Sophie Passmann. Das ist schnell erledigt. Die Meinungsführer dieser Tage merken nichts mehr. Sie wissen nichts, sie haben keine Ahnung von irgendwas, sie machen keine Erfahrungen, sie kennen keine Widersprüche und keine Misslichkeiten, aber dafür haben sie Meinungen. Das einzige, was sie am Leben interessiert, ist daher, »dass mir spannende Leute zuhören«.

Meine Freundin, eine rattenscharfe weiße Büchs, meinte kürzlich, sie müsse demnächst mal einen turkmenischen 180-Kilo-Mann mit Akne am Hodensack bumsen, aus antirassistischen Gründen.

»Spannendes Projekt«, sagte ich. »Und don’t forget the Metaebene.«

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