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Aus: Ausgabe vom 11.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Nach dem Ende

Wagenknechts Rückzug von »Aufstehen«
Von Georg Fülberth
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Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag

Häme über Sahra Wagenknechts Rückzug aus »Aufstehen« sollte Leuten überlassen bleiben, denen sonst nichts einfällt. Frühere, wohl zutreffende Einschätzungen – zum Beispiel: Man könne Bewegungen nicht von oben nach unten gründen – müssen nicht wiederholt werden. Das ist jetzt alles schon Vergangenheit. Allenfalls könnte man sich ansehen, was danach bleibt. In der Linkspartei wird der Einfluss von Sahra Wagenknecht wohl zurückgehen. Wie es in dieser Organisation aussieht, ließ sich an der kuriosen Erregtheit ablesen, die nach der Gründung von »Aufstehen« ausbrach. Einige Zeit konnte man mit ihren Funktionär(inn)en über kaum etwas anderes reden und sah sich in der Vermutung bestätigt, in der Partei Die Linke hätten sich Leute zusammengefunden, die einander ohnehin noch nie leiden konnten und sich mit ihr einen Ort gesucht haben, wo sie das unter politischem Vorwand ausleben können.

Katja Kipping wird durch Wagenknechts Niederlage nicht stärker. Einst wollte sie eine innerparteiliche Mitte zwischen dem »Forum demokratischer Sozialismus« und der Lafontaine/Wagenknecht-Richtung gründen. Doch dann landete sie dort, wo sie nicht hinwollte: Sie wurde zur Exponentin eines Flügels. Gewonnen haben diejenigen, die die Füße still hielten: Bartschs Leute. Mal sehen, was sie daraus machen können. Die SPD gewinnt an sozialpolitischem Profil, und Die Linke müsste mal wieder um ihre Unverwechselbarkeit bangen, wäre sie zumindest in den Städten nicht inzwischen eine intellektuelle Milieupartei geworden, deren Klientel einige Zeit noch zu ihr halten wird, weil ihr die anderen Parteien noch weniger gefallen.

Sahra Wagenknecht sagt: »Wir brauchen eine Neuaufstellung an der Spitze von ›Aufstehen‹«. Damit wiederholt sie einen Gründungsfehler ihrer Bewegung. Es kommt nicht darauf an, was an der Spitze geschieht, sondern in den verbleibenden Teilen der Basis. Noch wichtiger: Darüber hinaus gibt es Menschen, die bereit gewesen wären, an einer linken Massenbewegung teilzunehmen, aber nicht an dieser. Warum nicht? Weil sie teilweise schon existiert, aber eben nicht zentral und mit allgemeinpolitischem Auftritt, sondern anlassbezogen. Die gegenwärtige Bewegung gegen Wohnungsspekulation ist ein Beispiel. Es gibt andere, darunter antirassistische sowie antifaschistische Initiativen und die »Seebrücke«. Wer etwas tun will, findet es. Die »Interventionistische Linke« dürfte viel zu schlau sein, um sich selbst zum Muster aufzuwerfen. Selbst kleinste Organisationskerne, auf sich selbst bezogen bedeutungslos, können etwas leisten, wenn sie sich überlegen, wie ihre grundsätzlichen Einsichten sich in solche Bewegungen einbringen lassen. Falls die größeren Parteien unter Druck geraten, ist das gut und nicht schlecht. Also müssen sie sich auch nicht auflösen, sogar Die Linke nicht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Carl Schulz, Nahetal-Waldau: Jetzt erst recht Ich verfolge schon eine ganze Weile die Diskussion um die Partei Die Linke und ihre »Reformer« und komme zum Schluss: Je mehr wir uns von der Partei abwenden, desto mehr kapitulieren wir vor diesen. N...
  • Horst Jäkel, Potsdam: Nichts Gutes Einige Linke (in der Partei Die Linke, aber nicht nur dort) bekämpfen Verbündete (z. B. in dieser Partei und darüber hinaus in der »Aufstehen«-Bewegung, in den Mahnwachen für Frieden und Menschenrecht...
  • Siegfried Kotowski: Schwächung der Linken Der erste Satz von Georg Fülberth ist völlig fehl am Platze. (…) Damit hat er schon mal die dummen Leser ausgeschaltet, glaubt er. Seine Meinung: Das muss man lediglich zur Kenntnis nehmen, nicht mehr...

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