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Aus: Ausgabe vom 12.03.2019, Seite 6 / Ausland
Niederlande vor den Wahlen

Shootingstar von rechts

Neben Geert Wilders macht in den Niederlanden ein weiterer Reaktionär von sich reden
Von Gerrit Hoekman
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Thierry Baudet macht Geert Wilders zunehmend Konkurrenz (Wahlabend am 21. März 2018 in Amsterdam)

Die Niederlande haben einen neuen Rechtsaußen. Der 36 Jahre alte Thierry Baudet aus Heemstede, Chef der Partei »Forum voor Demokratie« (FVD), macht neuerdings Geert Wilders Konkurrenz. Der Inhalt ihrer Positionen ist fast identisch, nur die Verpackung ist verschieden. Baudet gibt sich deutlich smarter.

Am 20. März finden in den zwölf niederländischen Provinzen Wahlen statt. Sie entscheiden über die Zusammensetzung der Ersten Kammer, die mit dem deutschen Bundesrat vergleichbar ist. Einer aktuellen Wahlprognose des Ipsos-Instituts von Ende Februar zufolge bekäme Baudets Forum acht Sitze im Senat – in dem die Partei bisher überhaupt nicht vertreten ist.

»Yes! Yes! Ich spüre es! Wir werden die Niederlande verändern! Yes!« jubelte Baudet laut Algemeen Dagblad angesichts der vielversprechenden Zahlen seinen Anhängern auf einer Wahlveranstaltung in Rotterdam zu. Der studierte Jurist sieht gut aus, trägt schicke Anzüge, spielt Klavier und lässt in seine Reden gerne lateinische Floskeln einfließen. »Baudet ist einfach ein richtiger Snob«, kommentierte das der Politikwissenschaftler Koen Vossen von der Universität Nijmegen schon vor gut einem Jahr gegenüber dem Deutschlandfunk.

»Alle wollen eine Abrechnung mit dem jahrelangen Versagen der Landespolitik, den Lügen und dem Selbsthass«, erklärt Baudet die ausgezeichneten Prognosen für seine Partei. Er wettert gegen die Migrationspolitik der Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte und fordert, dass niederländische IS-Kämpfer nie wieder einen Fuß auf das Staatsgebiet setzen dürfen. Baudet will außerdem den »Nexit«, den Austritt der Niederlande aus der Europäischen Union.

Besonders angetan hat es ihm auch der »Klimawahn«. Die Maßnahmen, mit denen die Erderwärmung eingedämmt werden sollen, sind für den rechten Jungstar herausgeworfenes Geld. »Lasst uns bitte mit dieser Idiotie aufhören. Dann behalten wir noch genug Geld über, um die Deiche ein bisschen zu erhöhen«, zitiert ihn das Algemeen Dagblad. Große Teile der Niederlande liegen schon jetzt mehrere Meter unter dem Meeresspiegel. Fielen für einen Tag sämtliche Pumpen aus, würde das Land volllaufen wie eine Badewanne.

In einem Punkt unterscheidet sich Baudet allerdings deutlich von Geert Wilders: Er will weder die Moscheen schließen noch den Koran verbieten. Das sei »einfach nicht realistisch«, wurde Baudet im vergangenen Jahr vom Deutschlandfunk zitiert.

»Er ist pragmatischer und kann deshalb liefern«, beschreibt Parteikollege Bas Berkhof im Algemeen Dagblad den Vorsitzenden. Wilders dagegen habe überhaupt nichts erreicht. Zwei Drittel der Baudet-Fans sind übrigens Männer – was bei seinem reaktionären Frauenbild wenig überrascht. So glaubt er, dass Frauen im Bett »übermannt« werden wollen.

Stimmen die Umfragen, dann liegen Wilders’ PVV und Baudets Forum im Moment beide auf dem dritten Platz, knapp hinter Ruttes VVD und Groenlinks. Dabei gehen Baudets Zuwächse offenbar nicht zu Lasten von Wilders, dem nur ein verschmerzbarer Verlust von einem Sitz vorhergesagt wird. Das rechte Lager wächst also. Ein Grund dafür: Beide jagen in verschiedenen Revieren. Wilders spricht die unteren Schichten der Gesellschaft an, Baudet ist der Mann der Ober- und Mittelschicht, der sogenannten Eliten.

Das NRC Handelsblad berichtete am Dienstag, Wilders’ Büro werbe neuerdings in den Fernsehredaktionen um Einladungen zu Talkshows. Bislang hatte er – anders als Baudet – die Quasselrunden so gut es ging gemieden, weil er den meisten Moderatoren unterstellt, links zu sein. Deshalb war das halbe Land elektrisiert, als Wilders kürzlich bei RTL 5 auftauchte. Die Quoten schossen nach oben. Dennoch ist sich NRC-Kommentator Tom-Jan Meeus sicher: »Wilders’ Verfallsdatum ist in Sicht.«

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