Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
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Aus: Ausgabe vom 09.03.2019, Seite 12 / Thema
Weimarer Republik

Rückkehr zur »Ordnung«

Vor 100 Jahren schlug die Reichsregierung mit beispielloser Gewalt einen Generalstreik in Berlin nieder – mindestens 1.200 Menschen wurden dabei von Freikorpsangehörigen umgebracht
Von Leo Schwarz
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Widerstand gegen Noskes Mördertruppe – eine Barrikade an der Großen Frankfurter Straße, der heutigen Karl-Marx-Allee (o.D.)

Das Berliner Tageblatt, notierte Harry Graf Kessler, nachdem er am 10. März 1919 die größte liberale Zeitung Berlins durchgeblättert hatte, »heult gegen Spartakisten und Unabhängige wie ein Derwisch, dem der Schaum vor dem Munde steht: Blutdurst-Exhibitionismus, berechnet auf die Bourgeoisie von Berlin W«. Den Blutdurst der Bourgeoisie mag Gustav Noske gemeint haben, als er im Oktober 1920 – seine Parteifreunde hatten den nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch als Reichswehrminister unhaltbar gewordenen »Bluthund« unterdessen als Oberpräsident in die preußische Provinz Hannover abgeschoben – als Zeuge in einem Verfahren gegen zwei Angehörige des Freikorps Lützow, die in Lichtenberg ohne den mindesten Anlass mehrere Menschen erschossen hatten, auf die spezielle »Stimmung« des Frühjahrs 1919 verwies: »Nach ehrlicher Prüfung muss ich auch heute sagen, dass vieles, was heute in ruhigen Zeiten grauenhaft wirken mag, damals noch von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus betrachtet werden musste. Damals inmitten der Kämpfe musste man auch die Stimmung berücksichtigen.«

Die »Stimmung« war wegen der Welle politischer Massenstreiks, die seit Mitte Februar 1919 das oberschlesische, das rheinisch-westfälische und das mitteldeutsche Industriegebiet sowie – seit dem 3. März 1919 – auch Berlin erfasst hatten, aufgeheizt: Die Arbeiter kämpften um die Räte und die Sozialisierung, das Bürgertum pochte auf die Rückkehr zur »Ordnung«, wollte also weder Räte noch Sozialisierung, und die stärkste Regierungspartei, die SPD, konnte täglich dabei zusehen, wie ihr Einfluss auf die Massen dahinschwand – eben weil sie den bürgerlichen Ordnungsstandpunkt zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Politik gemacht hatte. Regierung und Nationalversammlung wurden in dem vom Umland abgeriegelten Bürgerstädtchen Weimar zwar durch das Freikorps des Generals Maercker geschützt, waren aber durch den mitteldeutschen Streik de facto von der Außenwelt abgeschnitten. Die Regierung, hieß es hier und da, stehe, kaum gebildet, bereits wieder vor dem Sturz. Es ging also um viel: Darum, mit welchen Kompromissen sich die bürgerliche Herrschaft vorläufig würde belasten müssen, und um das Überleben einer Regierung, die dazu unbedingt ihre Nützlichkeit beweisen musste.

»Ganz nationalliberal«

Ein ernstes Alarmzeichen für die sozialdemokratischen Mitglieder des Kabinetts war, dass Ende Februar sogar im Berliner »Zentralrat der deutschen sozialistischen Republik« über die »Regierungssozialisten« geflucht wurde. Der Zentralrat war Ende 1918 vom ersten Reichsrätekongress geschaffen worden, um als verkleinertes Revolutionsparlament die Regierung zu beaufsichtigen. Das hatte er aber bislang nicht eine Minute lang getan: Er bestand, da die USPD seine Wahl boykottiert hatte, nur aus Mitgliedern oder Anhängern der SPD und wurde von rechten Funktionären gesteuert. Nun, nachdem die Nationalversammlung Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt hatte und die von Philipp Scheidemann geführte rechtssozialdemokratisch-bürgerliche Koalitionsregierung gebildet worden war, zeigten die Genossen im Zentralrat auf einmal Verständnis für die Unzufriedenheit der Arbeiter: Denn »die Leute unserer Partei, die in der Regierung sitzen«, seien offensichtlich »ganz nationalliberal«. Ebert und Scheidemann hätten eigentlich gar keinen Grund mehr, »sich Sozialisten zu nennen«.

Am 1. März musste der Zentralrat der Einberufung eines zweiten Reichsrätekongresses zustimmen. Diese Forderung hatte besonders nachdrücklich die Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlins bzw. deren Vollzugsrat erhoben. Dessen Vorsitzender Richard Müller hatte in der Vollversammlung am 28. Februar darauf hingewiesen, dass sich das ganze Land »in einem Zustand revolutionärer Gärung« befinde. Die Regierung weigere sich aber beharrlich, die Arbeiterräte »in irgendeiner Form, sei es in die Verfassung, sei es in den Verwaltungsapparat einzubeziehen«. Normal gearbeitet aber würde in Deutschland erst wieder, wenn die Arbeiter die Garantie bekämen, dass »das sozialistische Rätesystem aufgebaut wird«. Die entsprechende Änderung der Regierungspolitik sollte ein zweiter Reichsrätekongress herbeiführen. Gegen Ende der Versammlung erschien eine Delegation des AEG-Werkes in Hennigsdorf, deren Sprecher verlangte, für die Anerkennung der Arbeiterräte und die Sozialisierungsforderungen in den Generalstreik zu treten: »Unsere Arbeiterschaft ist nicht mehr zu halten.« Müller, der in diesen Tagen mehrfach eine merkwürdige Rolle spielte, verhinderte eine Abstimmung über diesen Vorschlag mit dem Hinweis, dass dafür keine Zeit mehr sei, da der Saal für eine Tanzveranstaltung geräumt werden müsse. Die Resolution, über die er schließlich abstimmen ließ, forderte die vom Zentralrat am nächsten Tag zugestandene Einberufung des Reichsrätekongresses und beklagte die »in der Nationalversammlung zu Tage getretenen Bestrebungen, den Arbeiter- und Soldatenräten jedes Lebensrecht« zu rauben. Im neu gewählten Vollzugsrat erhielten USPD und SPD jeweils sechs und die KPD zwei Sitze.

Die Streikgegner im Vollzugsrat konnten eine Abstimmung der Vollversammlung über den Generalstreik nicht unbegrenzt hinauszögern. Die Regierungskoalition versuchte deshalb nach dem inzwischen mehrfach erprobten Verfahren, sich in letzter Minute in die laufende Bewegung einzuschalten. Am 1. März kam ihr Aufruf »Die Sozialisierung marschiert!« heraus. Darin wurde behauptet, dass in Weimar an einem »Gesetzbuch der wirtschaftlichen Demokratie« gearbeitet werde. Ziel sei die »konstitutionelle Fabrik auf demokratischer Grundlage«, ergänzt durch eine »Sozialisierung der Wirtschaftszweige, die sich, wie vor allem Bergwerke und Erzeugung von Energie, zur Übernahme in öffentliche oder gemischtwirtschaftliche Bewirtschaftung eignen oder der öffentlichen Kontrolle unterstellt werden können«. Verbunden damit war die unmissverständliche Drohung, »wilde Sozialisierungsversuche (…) rücksichtslos (zu) bekämpfen«. Dieser Vorstoß war darauf berechnet, zumindest einen Teil der Sozialisierungsbewegung an die Regierungspolitik zu binden und sie so zu schwächen. Der Vorwärts jubelte am 2. März, dass der »Ausbeutung des Menschen durch den Menschen« damit bald schon »ein Ende bereitet« sein werde. In den folgenden Tagen ließ die Regierung eine Flut von Plakaten und Flugblättern auf die »unruhigen« Städte und Industriegebiete los: Auf mehreren Bildern, die in Berlin im März 1919 aufgenommen wurden, sieht man Regierungssoldaten, die mit einem Maschinengewehr oder einem Granatwerfer neben Litfaßsäulen in Stellung gegangen sind, die mit Parolen wie »Die Sozialisierung ist da!« oder »Und das ist Sozialismus!« beklebt worden waren. Die Wirkung dieser Kampagne sollte nicht unterschätzt werden; viele schwankend gewordene Sozialdemokraten beruhigte der verlogene Aufruf vom 1. März, schien er doch anzuzeigen, dass die »sozialistische« Regierung anfing, auf die Arbeiter zu hören. Noch am 23. Januar hatte August Müller (SPD), Staatssekretär im Reichswirtschaftsamt, vor Pressevertretern erklärt, dass die Bildung der Sozialisierungskommission Anfang Dezember 1918 ein Fehler gewesen sei – eigentlich beabsichtige die Regierung nur, eine staatliche »Kontrolle« über die Kohle- und Energieerzeugung einzuführen. Das klang nun auf einmal ganz anders.

Noskes Vorbereitungen

Gleichzeitig und in aller Stille traf Reichswehrminister Noske Vorbereitungen für die militärische Zerschlagung des erwarteten Generalstreiks in Berlin. Die Republikanische Soldatenwehr (RSW), die der Kommandantur unterstand und auf 14 verschiedene Standorte – »Depots« – im Stadtgebiet verteilt war, betrachtete er als dafür unbrauchbar. In die RSW war auch die Volksmarinedivision eingegliedert worden, die den Regierungstruppen bei den Kämpfen um das Berliner Schloss in den Weihnachtstagen erfolgreich getrotzt hatte. Während nach dem Ende der Januarkämpfe im Stadtzentrum als – im Sinne Noskes – »zuverlässige« Truppe nur die Brigade Reinhard verblieb, trieb das zuständige Generalkommando Lüttwitz im Berliner Umland den Auf- und Ausbau weiterer Freikorpsformationen voran. Tank- und Flammenwerferabteilungen wurden aufgestellt, Minenwerfer und schwere Geschütze zusammengezogen. Die Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD) stellte eine sogenannte Technische Abteilung unter Leitung des Leutnants Otto Lummitzsch auf, die bestreikte Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke besetzen und wieder in Betrieb nehmen sollte – die Keimzelle des heutigen Technischen Hilfswerks. Auch zwei Fliegerstaffeln warteten auf den Einsatzbefehl. Berlin und seine Industrievororte im Norden, Osten und Südosten wie Neukölln, Weißensee, Hohenschönhausen und Lichtenberg wurden in sieben Sektoren aufgeteilt. Anfang März 1919 standen knapp 32.000 Mann für den sofortigen Einmarsch bereit. Auch die Szene dafür wurde gerichtet: Am 28. Februar verbot der Stadtkommandant Albert Klawunde alle Demonstrationen und Ansammlungen unter freiem Himmel.

Als die Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte am Nachmittag des 3. März 1919 im Gewerkschaftshaus am Engelufer wieder zusammentrat, war der politische Streik in einigen Berliner Großbetrieben – ohne zentralen Beschluss – bereits im Gange. Das Zentralorgan der KPD, die Rote Fahne, hatte an diesem Morgen zum Generalstreik unter der Losung »Nieder mit Ebert-Scheidemann-Noske, den Mördern, den Verrätern! Nieder mit der Nationalversammlung! Alle Macht den Arbeiterräten!« aufgerufen, aber ausdrücklich davor gewarnt, den »Schießprügelhelden« zu folgen, die sofort zum bewaffneten Aufstand schreiten wollten. Gestreikt werden sollte für fünf konkrete Teilforderungen: sofortige Wahl von Betriebsräten in jedem einzelnen Betrieb, Wiederherstellung des Vereins- und Versammlungsrechts, Entwaffnung der Freikorps und Bewaffnung der Arbeiter, Befreiung der politischen Gefangenen und Einrichtung eines Revolutionstribunals, Friedensschluss und Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Sowjetrussland. Der Vorwärts versuchte in seiner Morgenausgabe vom gleichen Tag nach Kräften, zu bremsen. Die Berliner SPD habe eine Delegation zu Verhandlungen nach Weimar entsandt, ein Streik sei überhaupt nicht nötig. Die USPD-Führung nahm unterdessen ihre übliche Zuschauerhaltung ein. Der von der innerparteilichen Opposition seit Dezember 1918 vehement geforderte außerordentliche Parteitag hatte zufälligerweise am 2. März in Berlin begonnen. Er bekundete die »wärmste Sympathie« für den politischen Streik gegen das Treiben »der pseudosozialistischen Regierung« in Weimar, lehnte es aber ab, sich an seiner Führung zu beteiligen oder zu seiner Ausdehnung auf ganz Deutschland aufzurufen.

Die wichtigen Entscheidungen traf am 3. März, einem Montag, die Rätevollversammlung. Auch ihr Verlauf zeigt, wie stark die Bewegung von einzelnen Akteuren an der Spitze abgebremst wurde. Nachdem die Versammlung unter der Leitung Müllers fast zwei Stunden über technische Details des bevorstehenden Rätekongresses diskutiert hatte, erzwangen nacheinander eintreffende Abordnungen einzelner Großbetriebe eine Abstimmung über die Proklamation des Generalstreiks. Die wurde schließlich mit etwa 400 gegen 120 Stimmen – bei rund 200 Enthaltungen – gebilligt. Müller konnte mit Unterstützung der sozialdemokratischen Fraktion verschiedene Abschwächungen des Aufrufs durchsetzen, etwa die Streichung der Forderung nach einem Revolutionstribunal und die Ersetzung von »Alle Macht den Räten« durch »Anerkennung der Arbeiter- und Soldatenräte«. Als die Forderung auftauchte, zur Leitung des Streiks ein Streikkomitee aus der Versammlung heraus zu wählen, bezeichnete er das als »Misstrauensvotum« gegen sich. Er bestand – am Ende mit Erfolg – darauf, dass die Streikleitung dem Vollzugsrat übertragen wurde, obwohl mindestens die Hälfte von dessen Mitgliedern den Streik offen oder insgeheim ablehnte.

Selbstausschluss der KPD

Daraufhin beging die KPD einen schweren Fehler: Sie zog sich, die Kraft und den Einfluss der Partei weit überschätzend, aus dem Vollzugsrat zurück und bildete eine eigene Streikleitung. Das kam einer Selbstausschaltung gleich, die durch den Umstand verschärft wurde, dass die Partei auch in der Öffentlichkeit vorübergehend »verstummte«: Am Abend des 3. März hatten Soldaten der Brigade Reinhard Redaktion und Druckerei der Roten Fahne verwüstet und die Druckmaschinen mit Handgranaten gesprengt. Eine »Streifkompanie« dieser Brigade machte in der Stadt Jagd auf bekannte Kommunisten. Am 10. März fiel ihr der KPD-Vorsitzende Leo Jogiches in Neukölln in die Hände. Er wurde noch am gleichen Tag ermordet.

Schon am 4. März begann die Vollversammlung zu schwanken. Mit knapper Mehrheit (289 gegen gegen 284 Stimmen) beschloss sie, Verhandlungen mit der Regierung aufzunehmen. Am 5. März kippte die Stimmung wieder nach links – auch ein Verdienst des Vorwärts, dessen schamlose Lügenmeldungen für große Empörung sorgten. Die SPD-Fraktion musste sich in aller Form von dem Blatt distanzieren und versichern, dass sie selbstverständlich nicht die Absicht habe, den Streik zu sabotieren. An diesem Tag tauchte die Forderung auf, den Streik auch auf die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung auszudehnen. Immer mehr Kleinbetriebe schlossen sich an, der gesamte öffentliche Verkehr ruhte, die bürgerlichen Zeitungen mussten ihr Erscheinen einstellen. Am 6. März beantragte die kommunistische Fraktion die Übernahme der »obersten Kommandogewalt« über die Truppen in Berlin durch die Vollversammlung und den Abbruch der Verhandlungen mit der Regierung – ohne Erfolg. Allerdings beantragte nun die USPD-Fraktion, den Streik auf die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung auszudehnen. Müller gelang es nicht, diesen Antrag seiner eigenen Fraktion zu blockieren: Die Mehrheit der Vollversammlung stimmte dafür. Daraufhin traten die Sozialdemokraten aus der Streikleitung aus, ihre Fraktion verließ den Saal. Auch Müller erklärte, die Streikleitung, die damit eigentlich aufhörte zu existieren, niederzulegen. Am 7. März beschloss die Vollversammlung auf Initiative Ernst Däumigs, den Streik »unter Bedingungen« (unter anderem: Rückzug der Regierungstruppen aus Berlin, Freilassung aller Gefangenen, Aufhebung des Belagerungszustandes) abzubrechen. Noske lehnte das rundheraus ab. Die SPD und der Berliner Gewerkschaftsausschuss verbreiteten unterdessen Flugblätter in der Stadt, in denen zum Abbruch des Streiks aufgerufen wurde. Am 8. März beantragte das – mit Erfolg – auch die USPD-Fraktion in der Vollversammlung, deren resignierte Mehrheit folgte. Nur eine Minderheit stimmte für die Fortsetzung des Streiks bis zum Abzug der Freikorps. Damit war der Generalstreik, an dem sich im Großraum Berlin mehr als eine Million Arbeiter beteiligt hatten, innerhalb von nur fünf Tage zusammengebrochen. Aber dabei blieb es nicht.

Provokateure in Aktion

Schon am Vormittag des 3. März hatte die preußische Regierung sich auf die Verhängung des Belagerungszustandes über Berlin verständigt und die vollziehende Gewalt an Gustav Noske, der dafür zum Oberbefehlshaber in den Marken ernannt wurde, übertragen. Bereits am 2. März waren alle Verbände im Umland in Alarmbereitschaft versetzt worden. Was noch fehlte, war ein Vorwand für die öffentliche Verkündung des Belagerungszustandes und den sorgfältig vorbereiteten Einmarsch der Truppen. Und der fand sich natürlich prompt. Was an den Vorfällen am Nachmittag und Abend des 3. März authentischer Ausbruch der Wut der Massen und was inszenierte Provokation war, lässt sich heute nicht mehr klären.

Insbesondere auf dem Alexanderplatz und in dessen Umfeld waren trotz des Versammlungsverbots an diesem Tag tausende Menschen zusammengeströmt. In der Weinmeisterstraße kam es zu einem ersten Zusammenstoß mit der Polizei. Bei der Räumung des Alexanderplatzes kam ein Angehöriger der RSW ums Leben. In der Nacht erfolgten – nicht nur, aber vor allem in der Stadtmitte – mehrere, ganz offensichtlich koordinierte bewaffnete Angriffe auf insgesamt 32 Polizeiwachen. In Lichtenberg starben bei einem Schusswechsel in der Müggelstraße drei Polizisten und mehrere Angreifer. Wer diese Überfälle veranlasst und gesteuert hat, ist nie überzeugend geklärt worden. Davon, dass sie von Provokateuren vorbereitet und ausgelöst wurden, war unter anderem der USPD-Politiker Adolph Hoffmann überzeugt. Die Vorfälle vom 3./4. März erfüllten einen Zweck: Sie gaben der preußischen Regierung die Möglichkeit, von einem »spartakistischen Aufstandsversuch« zu sprechen und damit die in der Nacht erfolgte Verhängung des Belagerungszustandes zu rechtfertigen. Selbst das Generalkommando Lüttwitz musste allerdings am 10. März in einer kleinlauten Stellungnahme einräumen, dass die KPD-Führung den »Putschismus« ablehne. Die Überfälle schob man deshalb dem mit der Partei verbundenen Roten Soldatenbund in die Schuhe. Ein Prozess gegen 90 Mitglieder des Bundes im Juli 1919 endete mit Freisprüchen, nachdem sich (nicht nur) der Hauptbelastungszeuge als Spitzel der GKSD entpuppt hatte.

Bereits am frühen Morgen des 4. März erreichten bedeutende Kräfte der GKSD das Stadtzentrum. Hier riegelten sie zunächst zusammen mit der Brigade Reinhard das Regierungsviertel an der Wilhelmstraße ab. Auf dem Alexanderplatz strömten an diesem Tag wieder viele Menschen zusammen, am Polizeipräsidium kam es zu Zusammenstößen. Funktionäre von KPD und USPD versuchten, die Menge zu beruhigen. In einer Erklärung der KPD hieß es: »Lasst euch nicht in unnütze Schießereien ein, auf die der Noske nur lauert, um neues Blut zu vergießen. Bleibt in den Betrieben beieinander, damit ihr aktionsfähig seid in jedem Augenblicke!« Als Soldaten aus der Alexanderkaserne in die Menge schossen, erwiderten Bewaffnete aus den umliegenden Häusern das Feuer. An diesem Tag gab es mindestens 13 Tote. Am Abend trafen zwei Regimenter der sogenannten Deutschen Schutzdivision, eines Freikorps, dessen Stab im Osten von Berlin bei Wilhelm von Siemens im Herrenhaus des Gutes Biesdorf Unterschlupf gefunden hatte, am Alexanderplatz ein und besetzten das Polizeipräsidium, ein Polizeigebäude in der Magazinstraße und das Realgymnasium.

Dieses Manöver führte am 5. März zur vollständigen Eskalation der Kämpfe. An diesem Tag erhielt das 15. Depot der RSW – die ehemalige Volksmarinedivision – aus der Kommandantur den Befehl, den Alexanderplatz zu räumen. Etwa 800 Mann zogen über die Jannowitzbrücke heran. Auf der Höhe der Magazinstraße wurden sie plötzlich aus den von der Schutzdivision besetzten Gebäuden unter Feuer genommen. Der Anführer einer zur Klärung in das Polizeipräsidium entsandten Abordnung wurde beim Verlassen des Gebäudes von hinten niedergeschossen. Daraufhin wechselten die Matrosen die Seiten: Sie gaben Waffen an die Arbeiter aus und versuchten am Abend und in der Nacht, das Polizeipräsidium zu stürmen. Sie erlitten dabei schwere Verluste und scheiterten.

Am 6. März griff die GKSD mit Minenwerfern in die Kämpfe am Alexanderplatz ein. Über dem Stadtzentrum kreisten Flugzeuge, die Ziele für die Artillerie aufklärten und kleine Bomben abwarfen. Die Reste der Volksmarinedivision zogen sich mit einigen hundert leicht bewaffneten Arbeitern über die in Richtung Osten vom Alexanderplatz abzweigenden Straßen langsam nach Lichtenberg zurück, das damals noch eine selbständige Stadtgemeinde war. Hier war der Generalstreik auch nach dem 8. März nicht abgebrochen worden. Unterwegs errichteten die Matrosen und Arbeiter hier und da Barrikaden. Das alles war sporadisch und unorganisiert; zwar konstituierte sich in einem alten Pferdeomnibusdepot ein »Kampfausschuss«, aber das war ein eher symbolischer Akt.

Der Arbeiter Kurt Nettball hat später die politische Zusammensetzung dieser kleinen Truppe beschrieben: »Die mit der Waffe in der Hand kämpfenden Arbeiter waren nicht alle Kommunisten und linke USPD-Genossen, es waren nicht wenige SPD-Mitglieder und parteilose Arbeiter, aber auch viele Anarchisten und Syndikalisten.« Das ausschlaggebende Motiv sei der »Kampf gegen die verhassten Militaristen« gewesen, die »der Bourgeoisie wieder zur alten Macht verhelfen wollten«. Die Regierungstruppen stießen zunächst nur zögernd nach Osten vor. Sie konzentrierten sich beinahe drei Tage lang auf die Entwaffnung der im Stadtzentrum verbliebenen Einheiten der RSW. Nun wurde auch der verhandlungsbereiten Mehrheit in der Vollversammlung der Arbeiterräte mulmig. Der USPD-Mann Fischer fragte: »Warum geht man gegen unsere Soldatenwehr vor? Aus ganz guten Gründen: Solange wir noch diese Macht hier haben, sind wir noch nicht vogelfrei. Sobald man uns diese Waffe genommen hat, verlassen Sie sich darauf, tagen wir hier keine fünf Minuten mehr.«

Der Schießbefehl

Am 9. März verlief die »Front« etwa auf der Höhe der heutigen Kreuzung Frankfurter Allee/Warschauer Straße. An diesem Sonntag erschien die B.Z. am Mittag mit der frei erfundenen Meldung, in Lichtenberg seien mehr als 60 Polizeibeamte von »Spartakisten« nach ihrer Gefangennahme umgebracht worden. Am Tag darauf war bereits von mehr als 150 Toten die Rede. Diese von allen bürgerlichen Zeitungen und dem Vorwärts aufgegriffene Falschmeldung hatte einen einfachen Zweck: Sie bot Noske den Vorwand für einen Befehl zur Gefangenentötung, den er sich am 9. März von Waldemar Pabst zur Unterschrift vorlegen und am nächsten Tag in den Zeitungen veröffentlichen ließ: »Die Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten zwingen mich zu folgendem Befehl: Jede Person, die mit der Waffe in der Hand gegen die Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist zu erschießen.« Pabst erließ am 10./11. März zwei geheime Zusatzbefehle, in denen es unter anderem hieß: »Wer sich mit Waffen widersetzt oder plündert, gehört sofort an die Mauer, dass das geschieht, dafür ist jeder Führer mit verantwortlich.« Er befahl, auch Menschen zu erschießen, bei denen Waffen lediglich »gefunden« wurden.

Dem Lichtenberger Bürgermeister Oskar Ziethen, der dem Stab der GKSD angeboten hatte, die seinem Augenschein nach lediglich 300 bewaffneten Arbeiter durch Zureden zu zerstreuen, falls sich die Truppen zurückzögen, wurde mitgeteilt, es gebe jetzt »kein Pardon« mehr. Zwischen dem 9. und dem 16. März errichteten die Noske-Truppen nicht nur in Lichtenberg, sondern in allen Berliner Arbeiterquartieren ein beispielloses Terrorregime. Am 11. März ließ ein Leutnant der Brigade Reinhard in der Französischen Straße 29 Angehörige der ehemaligen Volksmarinedivision erschießen, die man mit dem Versprechen der Auszahlung noch ausstehender Löhnung angelockt hatte. Lichtenberg wurde am 12. März vollständig besetzt. Hier brachten die Regierungstruppen binnen weniger Tage mindestens 1.000 Menschen, darunter Frauen, Kinder und alte Männer, ums Leben. Den meisten dieser Toten wurde nicht die aktive Teilnahme an den Kämpfen, sondern der Mitgliedsausweis einer Arbeiterpartei, »verdächtiges« Verhalten bei einer Durchsuchung oder irgendeine Denunziation zum Verhängnis. Sie wurden erschlagen, erschossen, zertrampelt oder von der Brücke über die Ostbahn auf die Eisenbahngleise geworfen. 1.200 tote »Aufständische« in den Märztagen räumten offizielle Stellen später ein. Gezählt hat man allerdings lediglich die identifizierten Toten, also die, deren Tod – in den meisten Fällen von Familienangehörigen – bei den Standesämtern angezeigt worden war. Viele unbekannt gebliebene Erschossene und Erschlagene wurden einfach verscharrt oder in die Spree geworfen. Noch Wochen später wurden im spreeabwärts gelegenen Berlin Leichen angeschwemmt.

Am 13. März, auf dem Höhepunkt der Terrorwelle in den Arbeiterquartieren des Berliner Ostens, verkündete Noske vor der Nationalversammlung in Weimar unter dem stürmischen Beifall der »demokratischen« Regierungsmehrheit und der Rechten den Sieg der »Ordnungskräfte«: »Getan habe ich, was ich gegenüber dem Reiche und dem Volke für meine Pflicht hielt. Ich scheue das Urteil unserer Nation nicht.« Er wollte damit gesagt haben: Ich habe mit der nötigen Rücksichtslosigkeit einen »spartakistischen« Aufstand niedergeschlagen. Aber das war, wie so vieles andere auch, gelogen. Die militärische Repression im März 1919 richtete sich gegen einen politischen Generalstreik und eine radikaldemokratische Massenbewegung, der es im Kern um die Anerkennung der politischen Arbeiterräte und die Umsetzung der Sozialisierungsforderungen ging – das war für diejenigen, die in Weimar »Demokratie« spielten, eben vollkommen inakzeptabel. Und man ging auf Nummer sicher: Der am 3. März über die Reichshauptstadt verhängte Belagerungszustand wurde erst am 5. Dezember 1919 wieder aufgehoben. Fragen wurden bald keine mehr gestellt. Die von der preußischen Landesversammlung mit der Untersuchung der Berliner »Unruhen« beauftragte Kommission löste sich im Frühjahr 1920 auf, ohne einen Abschlussbericht vorgelegt zu haben.

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