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Aus: Ausgabe vom 08.03.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Spekulanten

Touristenkolonie Athen

Airbnb verdrängt Einwohner der griechischen Hauptstadt aus ihren Wohnungen. Investoren nehmen ihren Platz ein
Von Efthymis Angeloudis
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Stadtlandschaft Athens mit den typischen Wohnhäusern Polykatoikia (24. Oktober 2018)

Die Athener können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten. Schuld ist nicht nur die nicht enden wollende Krise, die Hungerlöhne oder die hohe Arbeitslosigkeit. Die Hauptstadt Griechenlands ist seit 2010 zu einer riesigen Touristenkolonie mutiert und drängt seine Bewohner durch Mieterhöhungen und Zwangsräumungen aus ihren Häusern. Maßgeblich daran beteiligt ist die Onlinebuchungsbörse für Ferienwohnungen, Airbnb. »Lebe wie ein Einheimischer, mache eine einzigartige Erfahrung«, verspricht das Unternehmen aus dem Silicon Valley in seiner Werbung. »Mach die wahre griechische Erfahrung. 500 Euro Gehalt, 400 Euro Miete«, antworten Einwohner in den Athener Nachbarschaften.

Die Wohnungssuche in Athen gleicht einem Alptraum: Eine Einzimmerwohnung in Pangrati mit 28 Quadratmetern kostet 450 Euro Miete, eine 49-Quadratmeter-Wohnung im linken Szeneviertel Exarchia 500 Euro. Was für deutsche Verhältnisse als Schnäppchen erscheinen mag, ist mit griechischen Löhnen fast unerreichbar. Erst vor einem Monat erhöhte die Regierung in Athen den Mindestlohn von 586 auf 650 Euro im Monat. Allerdings wurde gleichzeitig auch das steuerfreie Einkommen gesenkt – von 650 Euro bleiben letztendlich nur 515 Euro übrig. Von diesen 515 Euro (und 33,5 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung verdient tatsächlich nur das) kann man sich kaum eine 450-Euro-Einzimmerwohnung leisten.

Auf Wohnungssuche

Auch Nikos spürt die Auswirkungen von Airbnb und Co. am eigenen Leib. Seit drei Monaten sucht er schon nach einer Wohnung, wird aber nicht fündig. »Die Mieten sind in den Vierteln, in denen Airbnb-Wohnungen beliebt sind, also Koukaki, Petralona, Pankrati, Exarchia und Metaxourgeio, durch die Decke geschossen. Wenn du, wie ich, nur den Mindestlohn bekommst, braucht du dich im Stadtzentrum gar nicht mehr umzuschauen«, erzählt der 32jährige Aktivist gegenüber jW.

Seit seiner Gründung 2008 hat Airbnb eine neue Kategorie von Mietwohnungen geschaffen und dabei das Bild vieler europäischer Großstädte maßgeblich verändert. Diese neue Kategorie, die als »kurzfristige Vermietung« bezeichnet wird, ist ein Paradebeispiel für ein softwaregesteuertes, plattformkapitalistisches Geschäftsmodell, das die Lücke zwischen herkömmlichen Mietwohnungen und Hotelunterkünften einnimmt.

Insbesondere in Griechenland wurde Airbnb in Zeiten von Krise und anhaltender Armut als »Weg der Milderung« für die Eigentümer von Wohnungen in beliebten Stadtteilen gepriesen. Der Wohnungsmarkt – so argumentierten die Befürworter der kurzfristigen Vermietung – würde sich schon selbst regulieren. Sehr zu ihrem »Entsetzen« mussten sie feststellen, dass dem nicht so war. Mittlerweile stehen in der griechischen Hauptstadt mehr als 12.000 (im historischen Zentrum mehr als 1.200) Wohnungen als Ferienwohnungen zur Verfügung. Das enorme Wachstum der kurzfristigen Vermietung zum Nachteil der langfristigen Mietverträge führte in den gefragten Stadtteilen Athens zu einem Anstieg der Mieten von bis zu 30 Prozent.

Und während der Onlinegigant behauptet, dass der kurzfristige Mietmarkt den Tourismus ankurbelt und zusätzliche Einnahmen für die Gastgeber schafft, die ihre Wohnungen oder Zimmer andernfalls nicht an längerfristige Mieter vergeben würde, profitieren vor allem Hotelgruppen und Investoren weltweit von dem Geschäft mit den Ferienwohnungen. Wie die griechische Tageszeitung Kathimerini am Montag berichtete, kaufen griechische sowie ausländische Investoren aus dem Nahen und Fernen Osten Wohnungen oder ganze Apartmentgebäude und vertreiben sie über die Onlineplattform. Demnach sind 58 Prozent aller über Airbnb gemieteten Immobilien in Griechenland von solchen Unternehmen erhältlich.

Goldene Visa

Die Auslandsinvestitionen in Immobilien stiegen 2017 nach Angaben der Bank Griechenlands im Vergleich zu 2016 um 91 Prozent auf 287 Millionen Euro. Auch die Steuereinnahmen aus Immobilienverkäufen stiegen laut den Zahlen der griechischen Behörde für öffentliche Einnahmen (AADE) in den ersten sieben Monaten des Jahres 2018 um 41 Prozent auf 204,7 Millionen Euro. Ein wichtiger Grund für den Zufluss von ausländischen Investmentfonds ist auch das seit 2013 eingeführte Goldene-Visa-Programm. Demnach erhalten Drittstaatsangehörige, die mehr als 250.000 Euro in eine Immobilie investieren, eine fünfjährige Aufenthaltserlaubnis für Griechenland. Mit dieser kann der Inhaber alle 26 Schengen-Staaten frei bereisen.

Nach Angaben des griechischen Wirtschaftsministeriums wurden 2018 1.578 Visa an Immobilieninvestoren vergeben, wobei chinesische Investoren mit 664 Aufenthaltsgenehmigungen an erster Stelle stehen, gefolgt von Russen (348), Ägyptern (77), Libanesen (73) und Ukrainern (67). Diese Wohnungen werden von ihren Eigentümern kaum selbst genutzt, sondern landen meistens schnell auf den Onlinebörsen von Airbnb oder Booking.com.

Für Nikos sind diese Investoren Welten entfernt, auch wenn sie Wohnungen in seiner Nachbarschaft besitzen. Für die Touristen, die auch aus Deutschland vermehrt nach Athen kommen, hat er schon eher Verständnis: »Ich weiß nicht, ob die Touristen das wahre Problem sind. Sie sollten sich aber auch darüber Gedanken machen, was sie mit der ganzen Reiserei erzielen, und sich dort engagieren, wo sie ansässig sind«, sagt Nikos. Auf jeden Fall sollten sie aufhören Airbnb zu nutzen und das Leben der Einheimischen als Touristenattraktion zu bestaunen.

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