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Aus: Ausgabe vom 07.03.2019, Seite 7 / Ausland
Internationaler Frauenkampftag

Alles lahmlegen

Vorbereitungen für Frauenstreik in Spanien. Hunderte Aktionen geplant. Gewerkschaften rufen zu Arbeitsniederlegungen auf
Von Carmela Negrete
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»Wenn wir streiken, steht die Welt still«: Frauenkampftag am 8. März letzten Jahres in Madrid

Am Freitag findet in Spanien zum zweiten Mal ein Frauenstreik statt. Anlass der Proteste am internationalen Frauenkampftag sind die noch gravierende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sowie die von Männern ausgeübte Gewalt gegenüber Frauen im Land. Feministische Gruppen haben zu einem 24stündigen Generalstreik aufgerufen. Sie wollen wie 2018 nicht nur die Arbeit niederlegen, sondern rufen auch zu einem Studien- und Pflegestreik sowie zum Konsumverzicht auf. Damit wollen sie die Aufmerksamkeit auf alle Bereiche von Arbeit lenken, die Frauen in der Regel häufiger als Männer verrichten, aber nicht als solche anerkannt und verstanden werden.

Hunderte von Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionsprotesten sind bereits in großen wie kleine Städten im Land angemeldet. Die anarchosyndikalistischen Gewerkschaften CNT sowie CGT haben offiziell zu einem 24-Stunden-Streik aufgerufen, während die zwei größten Gewerkschaften, CCOO und UGT, zu einem zweistündigen Warnstreik aufgerufen haben. In manchen Regionen, wie Kastilien-La Mancha, haben UGT und CCOO jedoch ebenfalls zu einem ganztägigen Generalstreik der Frauen im öffentlichen Dienst aufgerufen.

Gemäß der spanischen Gesetze können sich alle Frauen an einem der offiziell ausgerufenen Streiks beteiligen, auch wenn die Gewerkschaften an ihrem Arbeitsplatz keine Vertreter haben und sie nicht Mitglied sind. Theoretisch können sich auch Männer an den Streiks beteiligen, da das Gesetz einen Streik nur für Frauen nicht erlaubt. Die feministischen Organisationen haben die Männer aber gebeten, es nicht zu tun, damit der Sinn der Proteste erhalten bleibt.

Die sozialdemokratische Regierung unterstützt den Streik offiziell, und die Frauen in der Partei werden sich an dem Zwei-Stunden-Streik beteiligen. Die linke Wahlkoalition Unidos Podemos hat alle Frauen zum Generalstreik aufgerufen. Pablo Iglesias ist zur Zeit in Elternzeit, ein Novum für einen Politiker an der Spitze einer Partei und ein Zeichen dafür, wie stark der Feminismus in Teilen Spaniens ist. Die Sprecherin von Podemos, Iglesias’ Lebensgefährtin Irene Montero, hat derweil die Führung übernommen. Ihr erster Auftritt nach dem Mutterschaftsurlaub war nicht von ungefähr eine Veranstaltung, zu der nur Zuhörerinnen eingeladen waren. Dort betonte sie, eine der Wahlstrategien der Partei sei es, feministische Positionen zu stärken und damit verlorene Stimmen zurückzugewinnen. In Valencia wird die Hälfte der Regierung in den Streik treten, darunter auch die Vizepräsidentin der Region, Mónica Oltra, von der linken Partei Compromís, die dort zusammen mit der PSOE regiert.

Der Chef der rechtsliberalen Partei Ciudadanos, Albert Rivera, erklärte dagegen, dass seine Partei den Streik nicht unterstütze, »weil wir keine Antikapitalisten sind«. Die ultrarechte Partei Vox, die innerhalb kürzester Zeit ein wichtiger Akteur in der spanischen Politik geworden ist und einen offenen Krieg gegen das führt, was sie »Genderdiktatur« nennt, behauptet, die Frauen »sind bereits gleichberechtigt in Spanien«.

In Katalonien fand bereits am 21. Februar ein Generalstreik statt, der sich gegen die Unterdrückung Kataloniens richtete. In Barcelona wird nun eine größere Beteiligung erwartet als in anderen Orten der Region. Im Stadtviertel Sants gibt es ein Netzwerk von rund 120 Frauen für die Vorbereitungen. Manche drucken und kleben Plakate, andere informieren die Nachbarinnen. Sie haben auch Gelder gesammelt für den Fall, dass Protestierende Strafen bekommen. So wie im letzten Jahr, als Frauen die Straße Gran Via oder andernorts Züge blockierten.

Vorbild für die Spanierinnen sind die Mobilisierungen gegen Frauenmorde in Lateinamerika. Obwohl in Katalonien bereits 2014 und 2015 zu Frauenstreiks aufgerufen worden war, verbreitete sich der Protest erst 2018 im ganzen Land. Unter den Motto »wenn wir streiken, steht die Welt still« fanden Versammlungen und große Demonstrationen in zahlreichen Städten statt. Laut CCOO und UGT beteiligten sich rund 5,9 Millionen Frauen – der größten Mobilisierung von Frauen in der Geschichte Spaniens.

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