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Aus: Ausgabe vom 07.03.2019, Seite 2 / Ausland
Italien

Flüchtlingslager abgerissen

Italien: Zukünftige Unterbringung hunderter Bewohner unklar
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Ein Migrant fährt mit dem Fahrrad an dem Lager San Ferdinando vorbei (15.2.2018)

Die italienische Regierung hat am Mittwoch ein improvisiertes Flüchtlingslager im Süden des Landes abreißen lassen. Hunderte Menschen mussten ihre Behelfsunterkünfte in San Ferdinando verlassen, während Bulldozer unter den Augen von rund 600 Polizisten das Lager niederrissen, wie Innenminister Matteo Salvini mitteilte. »Wie versprochen... haben wir Worten Taten folgen lassen«, sagte der Vorsitzende der neofaschistischen Lega-Partei.

In San Ferdinando waren im vergangenen Jahr vier Flüchtlinge bei Bränden ums Leben gekommen. Nach dem Tod des 29jährigen Senegalesen Moussa Ba hatte die Regierung in Rom angekündigt, das Lager abreißen zu lassen. Bas Leiche war nach einem Feuer in einem Wohnwagen gefunden worden.

Das Flüchtlingslager, das am Rande der kalabrischen Stadt Rosarno liegt, hatte zwischenzeitlich mehr als 1.500 Bewohner. Die meisten von ihnen arbeiteten ohne Papiere und unterbezahlt in Olivenhainen und Orangenplantagen.

Salvini hatte zwar angekündigt, die Menschen würden umgesiedelt, italienische Medien zitierten dagegen Lagerbewohner, die noch nicht wussten, wo sie künftig leben sollten. Viele von ihnen hatten Angst, von dort nicht mehr zur Arbeit kommen zu können. Die italienische Organisation Ärzte für Menschenrechte (Medu) kritisierte die Räumung des Lagers als rücksichtslos. Ohne einen genauen Plan für die Unterbringung der Menschen werde das Problem in San Ferdinando aber nicht gelöst. Es entstünden ansonsten immer neue »Ghettos«.

Unterdessen hat die Europäische Kommission Italien am Mittwoch aufgefordert, eine Entscheidung über die Zukunft des EU-Mittelmeer-Einsatzes »Sophia« zu treffen. »Es liegt bei den Italienern zu entscheiden, ob wir Operation ›Sophia‹ fortsetzen sollen«, sagte EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos in Brüssel.

»Sophia« war 2015 gegründet worden und dient nach eigenen Angaben der Bekämpfung von Schlepperbanden vor Libyen. Dabei wurden in den vergangenen drei Jahren auch rund 45.000 Menschen aus Seenot gerettet.

Rom will, dass die bei den Einsätzen geretteten Flüchtlinge nicht mehr automatisch nach Italien gebracht werden. Dies lehnen die anderen EU-Staaten bisher ab. Deshalb droht das Land, die Verlängerung des noch bis zum 31. März laufenden »Sophia«-Mandats zu blockieren. (AFP/dpa/jW)

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