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Der Scheck ist weg

Von Helmut Höge
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Kennt garantiert jeder Postbote: Die Suchstelle für verlorengegangene Sendungen

Am nächsten Tag setzte ich die Suche nach meinem Rentenverrechnungsscheck fort – und ging in das riesige Gebäude in der Skalitzer Straße. Doch »mein« Kreuzberger Postamt gab es dort gar nicht mehr, auch die Schilder waren abmontiert. Hinten an einer Rampe stand ein DHL-Lastwagen. Der Fahrer sagte, er würde hier nur ein Paket abliefern für die »Milchmädchen«. Auch wusste er nicht, wo sich die nächste Post befand. Er riet mir, einen Briefträger zu fragen.

So einen – mit Fahrrad – traf ich auf der Oranienstraße. Er meinte, ich solle bei der Post anrufen, die hätten dort eine Suchstelle für verlorengegangene Sendungen. Bei DHL? Ja. Erst einmal machte ich mein Handy mit 20 Euro wieder fit. Dann rief ich noch einmal die 0180-Nummer der DHL-Rentenüberweisungsstelle an. Diesmal war eine ältere Schwäbin dran. Nachdem sie meine Daten in ihren Rechner eingegeben hatte, sagte sie: »Sie müssen zur nächsten Postbankfiliale. Die können Ihnen das auszahlen.« Ich fuhr zu einer Filiale in Mitte. Dort gab es vor den drei besetzten Schaltern lange Schlangen mit Brief- und Päckchenaufgebern, ferner eine kleine vor zwei Postbankschreibtischen und eine noch kleinere vor einem »Philatelie«-Schalter.

Als ich endlich dran war bei der Postbank, sagte der junge Angestellte, ich sei hier falsch. Ich müsse mich auf der anderen Seite, wo »Post, DHL und Postbank« dran stehe, anstellen. Das tat ich zähneknirschend, die Warteschlange dort war immer noch lang, die meisten vor mir waren alte Leute, die sich umständlich beschwerten, weil man ihnen etwas falsch oder gar nicht zugestellt hatte. Endlich war ich dran – bei einer grauhaarigen Mitarbeiterin, früher hätte man gesagt: Postbeamtin. Bevor sie sich mir zuwandte, las ich an einem Plakat der Postbank hinter ihr: »Meine gönn-ich-mir Bank – 1,99 Prozent Zinsen bei einjähriger Laufzeit«. Is nich auf knapp zwei Prozent im Jahr geschissen?, fragte ich mich.

Doch dann musste ich mich auf mein Begehr konzentrieren, um es der Dame kurz und bündig vorzutragen. Erst mal fragte sie, warum ich die Rente nicht auf mein Konto überweisen lasse. Als ich sagte, ich hätte keins, und sie ihr Gesicht leicht verzog, erinnerte ich mich, dass die Deutsche Rentenversicherung es nicht gerne sieht, dass ich meine Rente noch per Post mit Scheck bekommen möchte. Das hatte man mir gleich zu Anfang schriftlich gegeben, mir aber dennoch eine Scheckzahlung eingeräumt. Der DHL-Mitarbeiterin erklärte ich nun: »Ich war mal ein halbes Jahr arbeitslos, ein Postbote hat mir das Geld immer an die Wohnungstür gebracht und jedesmal hatte er eine neue Arbeitsstelle für mich mit dabei. Seitdem die Bankangestellten sich Banker nennen, möchte ich nichts mehr mit ihnen zu tun haben.« Die Postbeamtin nickte mitfühlend. Und ich dachte mir: Dieses ganze Theater ist also eine Erziehungsmaßnahme für eine unbelehrbar-rückständige Rentnersau! Nun gut.

Die DHL-Frau nahm ihr Diensthandy und verschwand hinter einem Regal. Als sie endlich wiederkam, hatte sie eine Telefonnummer von der DHL-Rentenüberweisungsstelle, aber keine 0180-Nummer, sondern anscheinend eine interne Dienstnummer. Von dort wurde sie mit jemandem verbunden, der sich mit Rentenauszahlungen auskannte. Er sagte ihr, was für ein Feld sie auf ihrem Computerbildschirm anklicken solle. Das tat sie auch und sagte dann: »Da brauch’ ich ja die IBAN-Nummer. Es geht aber doch nicht um eine Überweisung auf ein Konto, sondern um einen nicht zugestellten Rentenverrechnungsscheck. Der Kunde steht vor mir.« Ich nickte ihr zu.

Sie bekam neue Anweisungen, klickte und klickte noch mal – bis sie ins Telefon sagte: »Ah, jetzt habe ich’s.« Dann, nach einer Pause: »Aber hier steht ›Betrag nicht auszahlen‹.« Und anschließend: »Dann kann ich auch nichts machen.« Sie griff unter ihren Schalter und reichte mir ein weißes Blatt Papier mit den Worten: »Also, wir wissen nicht, wo der Scheck abgeblieben ist. Er muss gesucht werden. Dazu müssen sie eine formlose Verlusterklärung schreiben. Das können sie gleich hier vorne machen – und mir dann geben. Ich stecke sie hier in den Umschlag …« Sie hielt ein großes Couvert hoch. »Und dann geht das seinen Gang.« So geschah es auch, d. h., ich schrieb in klaren Sätzen das Problem auf, gab ihr den Schrieb, den sie kurz überflog und ihn dann mit den Worten »Ja, gut!« in den Umschlag steckte.

Zufrieden verabschiedeten wir uns voneinander. Sie, weil sie mich endlich los war, und ich, weil ich auf den Geschmack der Recherche gekommen war. Innerlich stellte ich mich schon mal – leicht euphorisiert – darauf ein, noch bis Herbst mit der Suche nach diesem blöden Januarscheck und dem Abfassen meiner Sucherlebnisse als Kolumne beschäftigt zu sein. Grinsend ging ich an der Warteschlange vorbei. Eine Rentnerin mit Krückstock sagte: »Was grinsen Sie so unverschämt? Sie haben hier den ganzen Betrieb aufgehalten ...« Das stimmte, meine Abfertigung hatte den Schalter mit der grauhaarigen Dame mindestens 20 Minuten blockiert. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen, denn ich rege mich innerlich auch immer auf über vereinsamte alte Säcke, die den Schalterbeamten ihr Leben erzählen.

Am 24. Februar lag der Januarscheck in meinem Briefkasten und ich wandte mich anderen Dingen zu. Es gibt so viel zu recherchieren – z. B. über die millionenschweren Hintermänner meiner absolut schweinösen Vermieter.

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