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Aus: Ausgabe vom 05.03.2019, Seite 4 / Inland
Anschluss der DDR

Keine Reindustrialisierung des Ostens

Studie empfiehlt Stärkung von Dienstleistungen in Städten zur »Ost-West-Annäherung«
Von Marc Bebenroth
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Seltene Ware: Weil Industriearbeit stark zurückging, soll sich die Politik auf Dienstleistungsjobs konzentrieren

Am Montag hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) eine Studie über den Entwicklungsstand der Bundesrepublik »im internationalen Vergleich« sowie über den Stand der »inneren Einheit« der BRD veröffentlicht. Empfehlungen der Autoren, aktive Wirtschaftsförderung zur Steigerung der Produktivität und nicht zur Senkung der Arbeitslosigkeit zu betreiben (siehe jW vom 4.3.), sind bereits vorab bekannt geworden. Im Ergebnis stellt die Studie fest, dass die »regionalen Muster« in »vielerlei Hinsicht« bis heute die Teilung zwischen DDR und Bonner Republik nachzeichnen, wie das IWH am Montag mitteilte.

Das Leibniz-Institut rät bei der Frage politischer Stadt- und Regionalplanung nicht zur Reindustrialisierung Ostdeutschland. Die Studie empfiehlt statt dessen eine Stärkung der Städte, um die »Wirtschaftskraft in Ost und West« einander anzunähern. Denn Konzernzentralen seien häufig »in den (westdeutschen) Städten angesiedelt« und drei Viertel der im Westen Beschäftigten gingen in den Städten einer Erwerbsarbeit nach. Ziel der politischen Gestaltung soll deshalb Raum sein, wo »jene hochwertigen Dienstleistungen« entstehen, »die die Wirtschaft mehr und mehr bestimmen«. So sei im »Zeitraum nach der Wiedervereinigung« der Dienstleistungssektor, gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen, bundesweit der »bedeutendste Jobmotor«.

Allerdings, so konstatiert die Studie, fiel im Osten der Beschäftigungszuwachs im Dienstleistungsbereich im Zeitraum von 1991 bis 2005 »nicht groß genug aus«, um die Rückgänge in den übrigen Bereichen zu kompensieren. In Westdeutschland dagegen konnte die rückläufige Zahl der Industriebeschäftigten »mehr als kompensiert« werden, wie das IWH feststellt. Ostdeutschland verzeichnete einen absoluten Zuwachs bei den Dienstleistungsjobs bei »fast dem Sechsfachen im Vergleich zur Industrie«.

Mit Blick auf die absehbare Entwicklung der Bevölkerung, stellt das Leibniz-Institut fest, dass selbst bei einer jährlichen Zuwanderung von 200.000 Personen das »Fachkräfteproblem« nicht entschärft wird. Der Rückgang der »Erwerbsfähigenzahl im Jahr 2060 im Vergleich zum Ausgangsjahr 2015« fällt demnach im Osten doppelt so hoch aus wie im Westen.

Politik kann aus Sicht der Autoren durch das Schaffen »exzellenter Bedingungen« dafür sorgen, »exzellentes Personal« dorthin zu lotsen, wo es bislang fehlte. So könne der Strukturwandel in Ostdeutschland dadurch vorangebracht werden, dass sich die Regionen im Osten »als weltoffen und attraktiv für qualifizierte Zuwanderung profilieren«. Denn, so eine Erkenntnis der vorgelegten Studie, »für mehr Fortschritt braucht es hinreichend Fachkräfte«.

Die ostdeutsche Wirtschaft habe nicht nur durch Abwanderung, sondern auch durch »Zwangsverstaatlichung und Eingliederung in große Kombinate« in der DDR einen »großen Teil ihres kreativen innovativen Unternehmertums« verloren, heißt es in der IWH-Studie. Der Erläuterung des »langen Schattens der DDR-Zentralverwaltungswirtschaft« ist ein ausführlicher Infokasten gewidmet. Hinzu kam, dass »auswärtige Investoren« häufig nur am Kauf der Produktionsstätten, und nicht an Forschungskapazitäten interessiert gewesen seien.

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