Gegründet 1947 Dienstag, 26. März 2019, Nr. 72
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.02.2019, Seite 2 / Inland
Universitäres Prekariat

»Streiks wären geeignetes Druckmittel«

Fehlendes Klassenbewusstsein im akademischen Mittelbau. Initiative organisiert Angestellte. Ein Gespräch mit Florian Kappeler
Interview: Carmela Negrete
Hoersaalbesetzung_Tu_59751741.jpg
Wissenschaftliche Mitarbeiter können von Formen studentischen Aufbegehrens viel lernen

Weshalb hat sich das »Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft« gegründet?

Wir sind die erste bundesweite Vernetzung von Initiativen des sogenannten akademischen Mittelbaus und kämpfen seit unserer Gründung 2017 gegen prekäre Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft. In Deutschland sind über 80 Prozent der Stellen, die Professuren eingeschlossen, befristet. Das ist deutlich mehr als in allen anderen EU-Ländern. Bei den übrigen Beschäftigten hierzulande sind es keine zehn Prozent. Bisher ist diese Gruppe von Lohnabhängigen jedoch kaum organisiert. Das versuchen zahlreiche lokale Gruppen und wir als Vernetzungsinitiative zu ändern.

Mit welchen Mitteln?

Wir haben zum Beispiel im Herbst 2017 auf einem Go-in bei der Hochschulrektorenkonferenz, HRK, unsere Forderungen vorgestellt. Unsere nächste Aktion ist die Kampagne »Entfristungspakt«, die am 7. März startet. Hier fordern wir die Entfristung aller Stellen, die aus den Mitteln des Hochschulpakts finanziert werden. Dieser wird Anfang Mai von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz, GWK, des Bundes und der Länder neu aufgelegt und macht ein Zehntel der Grundmittel der Hochschulen aus. Wir befürchten, dass ein Ausbau unbefristeter Stellen, den selbst staatliche Institutionen wie der Wissenschaftsrat fordern, dort reines Lippenbekenntnis bleiben wird.

Wie groß ist der Anteil der Prekären im Wissenschaftsbetrieb?

Das Privileg einer Professur auf Lebenszeit genießen nicht viel mehr als zehn Prozent. Wer wie der Rest auf wenige Jahre und in einer bedeutenden Zahl von Fällen auf ein Jahr oder weniger befristet ist, überdurchschnittlich lange arbeitet und oft Jahrzehnte lang immer wieder den Arbeitsort wechseln muss, kann mit gutem Recht als prekarisiert bezeichnet werden.

Gewiss gibt es Unterschiede zwischen nach Tarifvertrag bezahlten Angestellten auf sechs Jahre und Lehrbeauftragten für jeweils ein Semester, die unter Tarif bezahlt werden. Ein Problem ist, dass einige Kollegen sich immer noch mit den Privilegierteren zu identifizieren scheinen, statt sich mit den gleichfalls oder noch stärker von Prekarität Betroffenen politisch zu organisieren. Aber immer mehr begreifen, dass nur das Verbesserungen bringen kann.

Wer schafft es auf jene privilegierten Positionen?

Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass auf Professuren in Deutschland mehrheitlich Männer aus Unternehmer- oder Politikerfamilien berufen werden – und zwar ganz besonders in den Geisteswissenschaften. Die meisten Angestellten ohne einen solchen Klassenhintergrund, besonders die Frauen, fallen hingegen langfristig aus dem Wissenschaftssystem heraus. Auf die wenigen entfristeten Beamtenprofessuren wird man in Deutschland im Schnitt mit über 40 berufen. Finanzielle Ressourcen im Hintergrund helfen, die Durststrecke bis dahin zu überstehen.

Welche Druckmittel haben die Beschäftigten im Arbeitskampf?

Bevor sich nicht deutlich mehr Kollegen zumindest gewerkschaftlich organisieren: Gar keine. Die Initiative »Uni Kassel unbefristet!«, die Teil unseres Netzwerks ist, hat in relativ kurzer Zeit eine starke Organisierung an ihrer Universität erreicht und setzt damit die Leitung dort zunehmend unter Druck. Das ist vorbildlich, aber bisher noch die Ausnahme. Die Gewerkschaften Verdi und GEW haben es in der derzeitigen Tarifrunde nicht vermocht, den Zuständen in der Wissenschaft etwas entgegenzusetzen. Wir arbeiten mit diesen Gewerkschaften aber gut zusammen und hoffen, dass die nächste Tarifrunde prekäre Beschäftigung verstärkt zum Thema machen wird.

Wie ausgesprägt ist die Solidarität der Studierenden?

Die, mit denen wir uns solidarisieren, wie die studentischen Beschäftigten, die in Berlin einen monatelangen Arbeitskampf geführt haben, sind hartnäckig. Das können sich die wissenschaftlichen Angestellten gerne zum Vorbild nehmen. Es ist allerdings richtig, dass bundesweite studentische Streiks seit 2009 nicht stattgefunden haben. Solche wären, gerade wenn sie mit allen Gruppen von prekär Angestellten koordiniert würden, zumindest ein öffentlich wirksames Druckmittel.

Florian Kappeler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Göttingen

Ähnliche:

  • Zeit für einen neuen Tarifvertrag und höhere Gehälter: Studentis...
    19.05.2018

    Kopierer standen still

    Letzte Lohnerhöhung vor 17 Jahren: Studentische Beschäftigte der Berliner Hochschulen traten für eine Woche in den Ausstand
  • Sie sind viele: Stundentische Hilfskräfte streikten Ende Januar ...
    05.02.2018

    Durch die Uni geht ein Ruck

    Studentische Hilfskräfte in Berlin planen die Ausweitung ihres Arbeitskampfs. Schon jetzt ist die Auseinandersetzung weit über die Hochschule hinaus bekannt
  • Etwa 1.000 studentische Hilfskräfte beteiligten sich an einer Pr...
    29.01.2018

    Über die Uni hinaus

    Warnstreikwoche studentischer Hilfskräfte endet mit großer Demonstration. Aktivisten betonen gesamtgesellschaftliche Dimension des Arbeitskampfs

Mehr aus: Inland