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Aus: Ausgabe vom 26.02.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Nordwestdeutsche Stahlindustrie

Hochöfner wollen mehr

Auch Stahlkocher fordern Arbeitszeitverkürzung. Unternehmerverband verweist auf angeblich schlechtes Geschäft. Tarifverhandlungen stocken
Von Bernd Müller
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Ein Stahlkocher nimmt am Hochofen im Werk Schwelgern von Thyssenkrupp eine Probe (Duisburg, 10.12.2018)

Die Tarifverhandlungen in der nordwestdeutschen Stahlindustrie stocken. Letzte Woche Montag ist die vierte Verhandlungsrunde ergebnislos zu Ende gegangen. Nun wollen Gewerkschaft IG Metall und Unternehmer in einer Arbeitsgruppe über Details einer möglichen Einigung beraten. Am Mittwoch sollen dann Verhandlungs- und Tarifkommission der Gewerkschaft über das weitere Vorgehen entscheiden.

Die Kapitalseite hatte vergangene Woche Montag ihr erstes Angebot vorgelegt. Dies sah eine Lohnerhöhung um 2,5 Prozent bei einer Laufzeit von 27 Monaten vor, wie aus einer Erklärung des Arbeitgeberverbandes Stahl e.V. hervorging. Ab Juli nächsten Jahres sollte es zudem für einen begrenzten Personenkreis eine in Freizeit umwandelbare Vergütung in Höhe von 600 Euro im Jahr geben, die für 2020 anteilig gezahlt würde.

»Das angebotene Volumen bei Entgelt und Urlaubsvergütung ist angesichts der guten Situation in der Stahlindustrie bei weitem nicht ausreichend«, begründete der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef und Verhandlungsführer Knut Giesler die Ablehnung. Die Gewerkschaft verlangt für die rund 72.000 Stahlkocher in NRW, Niedersachsen und Bremen sechs Prozent mehr Geld. Darüber hinaus fordert sie ein Urlaubsgeld von 1.800 Euro für alle Beschäftigten, das auch in freie Tage umgewandelt werden kann.

Auch die Tarifverträge zur Altersteilzeit, über den Einsatz von Werkverträgen und zur Beschäftigungssicherung sollen verlängert werden. Um Fachkräftemangel in der Branche zu verhindern, wurde auch eine überproportionale Erhöhung der Ausbildungsvergütung gefordert. Auszubildende sollen zudem eine Urlaubsvergütung von 600 Euro im Jahr erhalten.

Für die »Arbeitgeber« ist das zu viel des Guten. Sie argumentieren, dass die Unternehmen dadurch überfordert würden. Wenn alle Beschäftigten in den Genuss des Urlaubsgeldes kämen, bedeute dies eine Arbeitszeitverkürzung von 1,5 bis zwei Stunden in der Woche. Andreas J. Goss, Vorsitzender des Unternehmerverbandes der Stahlindustrie forderte die Gewerkschaft auf, »eine realistische Beurteilung der Gesamtumstände« vorzunehmen. Er sagte, die »jüngsten Ergebnisse der meisten unserer Mitgliedsunternehmen waren alles andere als erfreulich«. Eine Verbesserung der Lage sei auch nicht in Sicht.

Dem widerspricht die IG Metall. In der Aachener Zeitung sagte Giesler am 14. Februar, wenn man die Unternehmerseite reden höre, wähne man sich in der Rezession. »De facto haben wir ein Wachstum von einem Prozent.« Gäbe es die oft behaupteten Überkapazitäten, dann müsste die Auslastung viel niedriger sein als die derzeit knapp 90 Prozent. Die EU habe Schutzmaßnahmen erhoben, damit Stahl aus China nicht mehr so einfach in den Markt gedrückt werden könne. Und die Maßnahmen zum Klimaschutz seien erträglicher ausgefallen als ursprünglich angenommen. Die Branche befinde sich in einer stabilen Seitwärtsbewegung, und »da bekommt man auch ordentliche Tarifabschlüsse hin«.

In einer Erklärung vom Dezember letzten Jahres betonte Giesler, die Auslastung der Produktionskapazität näherte »sich dem Durchschnittswert von vor der Krise (91 Prozent) an«. Auch die Preise, die erzielt werden könnten, würden deutlich steigen. Der mittlere Stahlpreis für Warmband, ein Zwischenprodukt der Stahlerzeugung, habe bei 568 Euro gelegen, was 80 Prozent mehr seien als 2015.

Die Möglichkeit, mehr freie Tage zu bekommen, sei eine dringende Forderung vieler Beschäftigter, hob Giesler in dieser Erklärung hervor. Für sie sei wichtig, die berufliche Anstrengung kompensieren zu können. »70 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Schicht«, was zu hohen gesundheitlichen Belastungen führe. Bei ihnen treten »Erschöpfung, Müdigkeit, Schlafstörungen und Rückenschmerzen häufiger auf als bei Beschäftigten mit Arbeitszeiten zwischen 7 und 19 Uhr«. Wer längere Zeit Schicht arbeite, habe zudem ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, sei anfälliger für Depressionen und Angstzustände und laufe Gefahr, an Burnout zu erkranken.

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