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Aus: Ausgabe vom 26.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
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Beklopptenkapitalismus funktioniert: »Duftnote Ozean«

Von Iven Einszehn
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Wie riechen eigentlich Ausrufezeichen?

Scheuermilch. Bereits der vierte oder fünfte Einkauf und es gibt keine Scheuermilch. Ist die denn plötzlich begehrt? Schon frag’ ich mich, ob ich ein EU-Verbot nicht mitbekommen habe. Allzweckreiniger, Essig, Scheuermilch – mehr braucht es nicht. Ich kann den Mangel spüren. Sollte es eines Tages wieder Scheuermilch geben, werde ich eine ganze Kiste kaufen.

Ersatzweise kaufe ich eine Flasche WC-Reiniger. Duftnote: Ozean. Ich habe zwar nie an den Ozeanen gerochen, eins weiß ich aber definitiv: So riechen sie nicht. Würde ein Ozean diesen Duft verströmen, ich würde das nicht genießen, ich würde Ausschau halten nach einem havarierten Tanker, der eine komplette Ladung WC-Reiniger verloren hat.

Ozeane riechen nicht besonders, schon gar nicht penetrant. Außer, die Fische sind tot. Diese sachlich korrekte Note ist im Ozeanduft des WC-Reinigers aber nicht enthalten. (Beim Begriff Ozean habe ich bislang ja zuerst an Plastikabfälle gedacht. Jetzt mischt sich der Gedanke mit dem Gestank des WC-Reinigers. Artverwandte Komponenten!)

Der Beklopptenkapitalismus funktioniert prima. Niemand wehrt sich gegen die Erfindung von Düften. Wir lassen uns da gern belügen. Vor längerer Zeit ist mir in einer Fernsehwerbung eine neuartige Geschmacksrichtung aufgefallen. Irgendwas schmeckte da »knisprig«. Waren das Faserplatten mit Glassplittern? Wie schmecken die ­eigentlich? Welchen Geruch hat Glas? Duftnote: Glas – wäre das was?

Duftnote: Freiheit. Duftnote: Sicherheit. Duftnote: Total. Duftnote: Egal. Zu befürchten ist allerdings die Duftnote »vegan«. Ich kenne bis zu fünf Personen, die das sofort kaufen würden und keine Zweifel hätten, deswegen bessere Menschen zu sein …

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