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Aus: Ausgabe vom 26.02.2019, Seite 7 / Ausland
Faschisten in Polen

Banditen zu Helden gemacht

Polnische Faschisten ehren Terroristen. Polizei räumt Sitzblockade von Gegendemonstranten
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Faschistischer Aufmarsch: Am Samstag kam ein antikommunistischer Mob in Hajnowka zusammen, um einem Kriegsverbrecher zu huldigen

Mehrere hundert polnische Faschisten haben am Sonntag in der ostpolnischen Kleinstadt Hajnowka einen Marsch zu Ehren des Antisozialisten und Terroristen Romuald Rajs, Kampfname »Bury«, veranstaltet. Sie zogen mit Transparenten, die ihn und Gleichgesinnte zu »unseren Helden« erklärten, durch die Ortschaft. Der Bürgermeister hatte vergeblich versucht, den Marsch zu verbieten. Zwei Gerichtsinstanzen hatten dagegen den Anspruch der Faschisten bestätigt, ihre »Meinungsfreiheit« genau an diesem Ort auszuleben. Eine kleine Gegendemonstration von Bewohnern von Hajnowka und aus Warschau angereisten Unterstützern wurde von der Polizei von der Straße geräumt; 79 Teilnehmer müssen mit Geldbußen rechnen.

Der Marsch der Geschichtsrevisionisten wird auch deshalb so scharf kritisiert, weil die Wahl des Ortes eine gezielte Provokation der ansässigen Bevölkerung ist. Hajnowka und Umgebung sind Siedlungsschwerpunkt der belorussischen Minderheit. Rajs und seine aus mehreren hundert Mann bestehende Gruppe hatten 1945/46 in mehreren umliegenden Dörfern orthodoxe Einwohner, die damit für sie als Belorussen definiert waren, ermordet. Insgesamt fielen ihrem Terror 79 Menschen, darunter Kinder, zum Opfer. Ziel des Terrors war, die Minderheit zur Emigration in die Sowjetunion zu veranlassen. Selbst das der rechtskonservativen Regierung zuarbeitende »Institut für Nationales Gedenken« (IPN) war in einer Ermittlung Anfang des Jahrhunderts zu dem Ergebnis gekommen, die Aktivitäten von Rajs und Genossen seien »kein Kampf für die Befreiung Polens, sondern ein Kriegsverbrechen« gewesen.

Nach Kriegsende hatten einige zehntausend Männer, die im Untergrund erst gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatten, den Krieg gegen die neue Staatsmacht fortgesetzt. Sie ignorierten damit den Befehl des Oberkommandos der »Heimatarmee«, den bewaffneten Kampf einzustellen und sich am Wiederaufbau des Landes zu beteiligen. Sie kampierten in Wäldern, trieben Lebensmittel von Bauern ein und terrorisierten von der Lehrerin bis zum Kassierer ländlicher Genossenschaften alle, die mit der neuen Staatsmacht zusammenarbeiteten. Ein Fall ereignete sich 1946 im Gebiet Kielce, wo der Küster einer Dorfgemeinde innerhalb einer solchen Terrorabteilung gegen Bauern vorging, die Land aus vormaligem Kirchenbesitz zugeteilt bekommen hatten. Die Staatsmacht machte mit festgenommenen Angehörigen dieser Banden ebenfalls wenig Federlesens. Etwa 1947 ging der Bürgerkrieg mit dem Sieg der Staatsmacht zu Ende.

Selbst renommierte bürgerliche Historiker in Polen weisen darauf hin, dass die Angehörigen dieses nationalistischen Untergrundes im formalen Sinne Befehlsverweigerung betrieben hätten und sich insofern nicht auf die patriotische Legitimation der von der polnischen Exilregierung aufgebauten »Heimatarmee« berufen könnten. Dies hindert die heutige polnische Regierungspartei PiS und ihr intellektuelles Umfeld aber nicht, diese »verstoßenen Soldaten« zu Polens neuen Nationalhelden aufzubauen. Der Erinnerungskult bildet das ideologische Bindeglied zwischen der Regierungspartei und dem rechten Rand in Gestalt von Faschisten und organisierten Fußballfans.

Immerhin trifft dieser Kult vereinzelt auch auf nichtakademischen Widerstand. Das Bezirksgericht im südpolnischen Nowy Targ wies Anfang dieses Monats die Klage des Sohnes von Jozef Kuras, Anführer einer in den südpolnischen Bergen aktiven Bande, auf eine Million Zloty Entschädigung für den Tod seines Vaters 1947 aus formalen Gründen zurück: Der Vater habe sich, als seine Einheit eingekreist war, selbst umgebracht. Damit sei er aber nicht von der »kommunistischen Staatsmacht ermordet« worden, wie der Kläger vorgetragen hatte. Der Entschädigungsanspruch entfalle somit.

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