Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Freitag, 24. Mai 2019, Nr. 119
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 25.02.2019, Seite 5 / Inland
Schifffahrt

Trickkiste am Kai

Hamburger Hafen schönt Jahresergebnis. Umschlag über Land hervorgehoben. Trotz Überkapazitäten bestellen Reedereien Großfrachter
Von Burkhard Ilschner
Warenverkehr_mit_Gro_60045334.jpg
Der Containerumschlag im Hamburger Hafen geht zurück. Landseitiger Verkehr mit Volksrepublik China wächst. Verladung beim Logistikunternehmen Eurokombi (Hamburg, 12.2.2017)

Aktuelle Studien rechnen mit rückläufigem interkontinentalen Containerverkehr (siehe jW vom 27. Februar). Sie sehen gar bei »traditionellen Verbrauchern containerisierter Waren in Europa« eine »Sättigung«. Die aktuellen Zahlen der großen kontinentalen Häfen Nordwesteuropas für 2018 lassen davon bislang aber nichts erkennen: Während die einen boomen, dümpeln andere leicht im Minus.

Jüngst hatte Hamburgs Hafen die Branche beeindruckt, weil er ein eigentlich schwaches Ergebnis mit viel Chuzpe als »Rekord« zu verbrämen versuchte. »Der gesamte Seegüterumschlag bleibt mit 135,1 Millionen Tonnen stabil«, titelte die Marketingorganisation des Hafens »Hamburg Hafen Marketing e. V.« (HHM) in ihrer Mitteilung vom 18. Februar. Mit »stabil« meinte sie einen Rückgang des Gesamtumschlags um 1,4 Millionen Tonnen gegenüber 2017. Zwar nahm der konventionelle Stückgutumschlag – Maschinen oder Projektladung – um rund 80.000 Tonnen geringfügig zu. Zugleich verzeichnete man jedoch Rückgänge beim Massengut (minus 500.000 Tonnen) und im Containerumschlag (minus 90.000 TEU – Twenty-Foot Equivalent Unit, Standardmaß für Container).

Um doch noch einen »echten« Erfolg vorweisen zu können, griff der HHM e. V. in die Trickkiste und fokussierte sein Jahresergebnis nicht auf die Kais, sondern auf die Schiene: Man habe »2018 mit 46,8 Millionen Tonnen ein Rekordergebnis« beim Hinterlandverkehr per Bahn erzielt. Ein beträchtliches Segment davon entfällt übrigens auf den wachsenden landseitigen China-Verkehr: Von den rund 4,8 Millionen TEU, die Hamburg mit der ostasiatischen Großmacht austauscht, werden inzwischen knapp 50 Prozent über die Eisenbahnverbindung der Neuen Seidenstraße via Nowosibirsk und Moskau transportiert; Hamburg sei in Europa mittlerweile »mit großem Abstand der führende Hub für China-­Ladung«.

Natürlich darf in einer Hamburger Hafenbilanz das Stichwort »Elbvertiefung« nicht fehlen: Obwohl die jetzt mit ersten Vorarbeiten begonnene 900-Millionen-Euro-Maßnahme frühestens 2021 abgeschlossen sein soll, will man schon heute positive Zusagen großer Reederei-Allianzen für die Zeit danach bekommen haben. Aber der HHM-Vorstand »erwartet bereits in diesem Jahr ein Wachstum zwischen drei und vier Prozent im Containerverkehr«. Das ist angesichts anhaltender Überkapazitäten, Erfolgen der Konkurrenz oder der oben erwähnten möglichen Marktverschiebungen eine mutige Prognose.

Aktuell weist die globale Statistik einen Bestand von knapp 5.300 Vollcontainerschiffen mit einer Kapazität von knapp 22,5 Millionen TEU aus. In den Bestelllisten der 20 führenden Reedereien stehen weitere 250 Schiffe mit 2,05 Millionen TEU Kapazität, darunter rund 90 sogenannte »Ultra Large Container Vessels« (ULCV) mit je 19.000 TEU und mehr Kapazität: Diese Schiffe haben – voll abgeladen (voll beladen) – Tiefgänge von mehr als 15 Metern. Das ist selbst für eine vertiefte Elbe deutlich zuviel. Die Opposition in der Hamburger Bürgerschaft übt Kritik an der HHM: CDU und FDP sehen den Vorsprung von Rotterdam und Antwerpen »auf beängstigende Weise größer« werden, die Linke fordert seit Jahren eine strategische Diskussion über die Weiterentwicklung des Hamburger Hafens.

Bei nur mäßigem Wachstum des Gesamtumschlags um 0,3 Prozent auf knapp 470 Millionen Tonnen bilanziert etwa Rotterdam, unangefochten größter Umschlagplatz Europas, für 2018 eine Steigerung des Containerumschlags um stolze 5,7 Prozent auf 14,5 Millionen TEU. Der holländische Mammuthafen setzt nicht nur auf weiteren Ausbau in Fläche und Digitalisierung. Er etablierte jüngst sogar eine eigene Vertretung in Hamburg, um an der Elbe »die Interessen des Rotterdamer Hafens« zu vertreten. Auch die belgische Konkurrenz freut sich über das sechste Rekordjahr in Folge: Der Hafen von Antwerpen meldete für 2018 ein Gesamtwachstum von 5,1 Prozent auf rund 235 Millionen Tonnen – und im Containerumschlag eine Zunahme um 5,5 Prozent auf rund elf Millionen TEU.

Zur langfristigen Schwächung vor allem Hamburgs, aber auch der Weser- und Jadehäfen, trägt übrigens die Entwicklung des Ostseeraums bei: Nach dem Ausbau großer Containerterminals etwa in Göteborg oder Gdansk schicken viele große Reedereien selbst extragroße Containerschiffe, die ULCVs, via Skagen, die Nordseepassage im Norden Dänemarks. Das hat in Hamburg den einst wichtigen Zubringerverkehr (Feeder) via Nord-Ostsee-Kanal (NOK) von 30 auf neun Prozent schrumpfen lassen. Hinzu kommt, dass die Größe der eingesetzten Feeder zunimmt, so dass diese nicht mehr durch die NOK-Schleusen passen.

Ähnliche: