Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 25.02.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Gefahr im Netz

»Man muss auch über Verbote reden«

Welche Auswirkungen der »Digitalpakt« haben kann. Ein Gespräch mit Julia von Weiler
Von Ralf Wurzbacher
Kind_mit_Smartphone_58731047.jpg
Ein Junge spielt in seinem Kinderzimmer auf einem Smartphone (Berlin, 10.4.2012)

Sie haben sich als Sprecherin der »Konzeptgruppe Internet« im Beirat des »Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs« der Bundesregierung (UBSKM) unlängst öffentlich für ein Smartphoneverbot für unter 14jährige ausgesprochen. Braucht es eine so drastische Maßnahme?

Durch unsere Arbeit an Schulen komme ich mit zahllosen Kindern, Jugendlichen und auch Lehrkräften ins Gespräch und höre allen gut zu. Seit 2007 sagen uns Kinder und Jugendliche: »Es ist der Job der Erwachsenen, uns zu beschützen. Wir können das nicht alleine.« Die Ergebnisse der Ende 2018 vorgelegten U25-Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) zeigen, dass immer mehr Kinder mit diesen Geräten total überfordert sind. Wenn es uns offensichtlich nicht gelingt, die Technologien so zu konzipieren, dass sie Kindern einen sicheren Raum bieten, dann ist es an der Zeit, andere Fragen zu stellen. Dazu gehört auch die nach Verboten.

Wobei für Sie der Schutz vor Kindesmissbrauch im Fokus steht?

Prävention bedeutet, altersentsprechend aufzuklären und das gesamte Kind wahrzunehmen. Wenn wir etwa über Strategien von Tätern und Täterinnen aufklären, müssen wir uns fragen, was kann ein Kind von sieben, zehn oder 14 Jahren verstehen und umsetzen und was nicht? Die digitale Kommunikation ist dabei mit am schwierigsten zu erklären und spürbar zu machen. In unserer Auseinandersetzung damit haben wir uns mit allem möglichen auseinandergesetzt: den Erkenntnissen der Hirnforschung, der Psychologin Jean Twenge, die meint, Kinder wären nie unglücklicher gewesen, mit der Soziologin Sherry Turkle, die sagt, Digitaltechnik mache uns einsamer, oder auch den Aussagen von Silicon-Valley-Managern, die ihren Kindern frühestens mit 14 Jahren ein Smartphone in die Hand geben.

Während heute schon Sechsjährige ein eigenes Gerät besitzen …

Ein Kind in der Grundschule hat gerade gelernt, ohne Stützräder Rad zu fahren. Ihm ein internetfähiges Smartphone zu überlassen, ist so, als würde man ihm den Schlüssel für einen Ferrari in die Hand drücken und sagen: Jetzt fahr mal los!

Welche Gefahren drohen ihm im Internet, gerade mit Blick auf Ihr Thema Kindesmissbrauch?

Sexualstraftätern bietet das Netz eine Plattform, auf der sie einen völlig unbeobachteten und ungestörten Kontakt zum Kind haben. Zum Beispiel können sie über den Chat bei Spielen wie »Clash of Clans« oder »Fortnite« sehr einfach mit Kindern ins Gespräch kommen. In der analogen Welt lässt sich ziemlich rasch spüren, ob sich der Gegenüber komisch benimmt, schneller atmet, nervös oder erregt ist. In der digitalen Kommunikation bleibt all das verborgen. Deshalb müssen wir Kindern sagen: Alles, was andere digital mit euch teilen, müsst ihr leider mit einer großen Portion Misstrauen betrachten. Wir müssen sie stark machen für eine digitale Beziehungskompetenz, denn diese Techniken verändern das soziale Beziehungsgeflecht sofort und fundamental. Das erzählt Ihnen jede Lehrerin, in deren Klasse sich eine Whats-App-Gruppe gegründet hat.

In der Vorwoche haben Bund und Länder grünes Licht für den »Digitalpakt« gegeben, mit dem Smartphones und Tablets zum Lernwerkzeug in den Schulen werden sollen. War Ihre Wortmeldung auch darauf gemünzt?

Natürlich müssen wir Kinder auf das digitale Zeitalter vorbereiten. Aber es ist doch nicht damit getan, Kindern diese Geräte so früh wie möglich an die Hand zu geben. Zuerst muss man doch überlegen, welche Fertigkeiten sie dazu brauchen und wie und ab welchem Alter sich diese fördern lassen. Dann kann man darüber nachdenken, ob und wann der Einsatz eines digitalen Endgeräts in einem kontrollierten, geschützten Raum sinnvoll ist. Wenn man Tablets im Unterricht einsetzt, muss dies nach bestem Wissen und Gewissen und unter der Voraussetzung passieren, dass es dem Kindeswohl dient. Im Zweifel heißt das dann auch, es bis zu einem gewissen Alter sein zu lassen.

Was müsste daraus für den »Digitalpakt« folgen?

Es braucht zunächst einmal Lehrkräfte mit den entsprechenden didaktischen Fähigkeiten im Umgang mit den neuen Medien. Besonders wichtig ist, alle Betroffenen an der Diskussion zu beteiligen, also Kinder, Lehrkräfte und Eltern. Wir wissen aus unseren zahllosen Gesprächen mit Lehrern, dass sie nichts gegen Digitalisierung an sich haben. Ihnen fehlt es aber an Unterstützung und professioneller Hilfe im Umgang mit Fällen von Cybergewalt, Cybermobbing und ungewollt verbreiteten intimen Aufnahmen. Diese Hilfe von außen gibt es bisher einfach nicht.

»Digital first. Bedenken second.« Wird FDP-Chef Christian Lindner mit seinem Slogan recht behalten?

Hoffentlich nicht. Als ich besagte U25-Studie las, war ich traurig und ärgerlich zugleich: Wir haben eine ganze Generation sehenden Auges und mit Ansage gegen die digitale Wand kacheln lassen. Ich wünschte mir, dass wir das den kommenden Generationen ersparen, aus den Erfahrungen anderer Länder lernen und eine kontroverse, aber differenzierte und sachliche Diskussion über Sinn und Unsinn der digitalen Technologien führen.

Statt dessen haben Sie für Ihren Vorstoß öffentlich nur Schelte bezogen …

Dass ich von Politikern und Industrievertretern derart abgebügelt werde, habe ich genauso erwartet. Andererseits waren die vielfältigen Reaktionen, die mich und »Innocence in Danger« erreicht haben, zu 98 Prozent total positiv. Das macht mir Hoffnung.

Julia von Weiler ist Geschäftsführerin der deutschen Sektion von »Innocence in Danger«, eines weltweiten Netzwerks, das sich gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern wendet.

Mehr aus: Schwerpunkt