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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 8 / Inland
Stadtteil Dietenbach in Freiburg

»Bauwahn hilft nur denen, die daran verdienen«

Freiburg: Bürgerentscheid am Sonntag über geplanten neuen Stadtteil Dietenbach. Gespräch mit Susanne Schlatter
Interview: Kristian Stemmler
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Landwirte leisten Widerstand: Ein Traktor mit Protestschild auf dem Acker, auf dem der neue Stadtteil Dietenbach entstehen soll (16.2.2019)

Am Sonntag findet in Freiburg im Breisgau ein Bürgerentscheid über den am Stadtrand geplanten Stadtteil Dietenbach statt. Auf 110 Hektar sollen rund 6.500 Wohnungen für 15.000 Menschen errichtet werden. Warum kämpft Ihre Initiative dagegen?

Dietenbach steht als natürliches Überschwemmungsgebiet unter absolutem Bauverbot, was durch kostspielige technische Maßnahmen umgangen werden soll. Natur- und Vogelschutzgebiete grenzen direkt an, das Offenland ist Jagdrevier von mehr als 50 Brutvogelarten. An unserer Initiative »Rettet Dietenbach!« sind 16 Vereinigungen beteiligt, zum Beispiel Nabu, BUND und ­Landesnaturschutzverband. Zudem sind viele Landwirte sowie Bürger dabei, für die Klimaschutz und Ernährungssouveränität wichtige Themen sind.

Die Stadt verweist auf Wohnungsnot, hohe Mieten und viele Zuzüge. Sind das nicht nachvollziehbare Gründe für das Projekt?

Es gibt in Freiburg viel hochpreisigen Wohnraum, wenig bezahlbaren. Vor 20 Jahren entstanden zwei neue Stadtteile – die zählen heute zu den teuersten. Je mehr gebaut wurde, desto teurer wurde der Wohnraum.

Freiburg gilt im Rest der Republik als ökologische Vorzeigemetropole. Wie kommt es, dass ausgerechnet hier ein solches Megaprojekt auf die grüne Wiese geklotzt werden soll?

Einst heimste Freiburg Preise und Titel ein. Seither pflegt man dieses Image, vermarktet sich gut und setzt auf Leuchtturmprojekte, grüne Technologie und expansive Wachstumspolitik. Wichtiger als das Schaffen von bezahlbarem Wohnraum scheint den Verantwortlichen zu sein, Gewerbe anzusiedeln und für kaufkraftstarke Bürgerschichten attraktiv zu sein. Das rächt sich jetzt. Ein großer Wurf auf der grünen Wiese soll bisherige Versäumnisse kompensieren.

Bei einer Umsetzung der Pläne müssten Landwirte enteignet und Ersatzflächen bereitgestellt werden. Wie viele sind davon betroffen?

Betroffen sind neun Haupt- und drei Nebenerwerbslandwirte, teils als Pächter, teils als Eigentümer. Von 70 Hektar benötigter Ersatzfläche hat die Stadt nach Jahren erst 44 aufgetrieben, von zum Teil minderwertiger Qualität.

Es heißt, die Hälfte der Wohnungen soll öffentlich gefördert sein und der ganze Stadtteil »super ökologisch« werden. Daran glauben Sie nicht?

Im Wahlkampf wird auf soziale und pseudoökologische Slogans gesetzt. Klimaneutral, bezahlbar, inklusiv, nachhaltig, ökologisch, sozial, innovativ… jede Menge hohler Versprechungen. Gegen die 50-Prozent-Quote von sozialem Mietwohnungsbau sprechen sich schon jetzt Finanzbürgermeister, Sparkasse, Baubranche sowie einige Gemeinderäte aus. Wieso also sollte in Dietenbach plötzlich klappen, was vorher nicht gelang? Bezahlbarer Wohnraum auf der Basis teuren Baugrunds und »super ökologischer« Standards? Für wie dumm sollen wir verkauft werden?

Welchen Bedarf an Wohnraum sehen Sie?

Gebetsmühlenartig werden überzogene Bedarfsprognosen propagiert. Seit 2014 entstanden 4.000 Wohnungen, etwa 10.000 weitere sind bereits in Planung, jetzt noch diese 6.500 Wohnungen in Dietenbach. Das ist für diese kleine Stadt reiner Bauwahn, der nur denen hilft, die daran verdienen. Alternativen gäbe es eine Menge: vorhandenen Wohnraum besser nutzen, aufstocken, Einliegerwohnungen, höher bauen oder Gewerbe, Parkplätze und Straßen überbauen.

Die Frage, die beim Bürgerentscheid beantwortet werden muss, ist irritierend. Wer gegen das Projekt ist, muss mit Ja abstimmen.

Nach gängiger Rechtsprechung waren wir als Initiatoren des Bürgerbegehrens angehalten, die Frage auf eine Ja-Antwort hin zu formulieren. Ich sehe das gelassen, weder als Vor- noch als Nachteil. Falls es Leute geben sollte, die falsch ankreuzen, wird das beide Seiten betreffen und sich so wieder aufheben.

Susanne Schlatter engagiert sich in der Freiburger Bürgeraktion »Rettet Dietenbach!«

rettet-dietenbach.de

Debatte

  • Beitrag von Werner S. aus Freiburg (22. Februar 2019 um 20:19 Uhr)
    Schade dass Frau Schlatter nur Gebetsmühlenartig wiederholt was längst wieder legt ist. Schade vor allem dass die Protagonisten der Gegner nirgends in der freiburger Mieterbewegung zu finden sind. Fakt ist, dass in Freiburg mindestens 10 000 bezahlbare Wohnungen fehlen und die können eben nur gebaut werden auf Grund und Boden, der der Stadt gehört. Und das Gelände das mit bezahlbarem Wohnraum bebaut werden soll, wir derzeit mit Pestizid vergiftetem Mais und Weizen beglückt. Ein breites Freiburger Bündnis aus Mieterinitiativen, Gewerkschaften, Parteien, Sozialverbänden usw. kämpft für eine andere Wohnungspolitik. Auf der anderen Seite sind Freiburg Lebenswert und die AFD. Ein Grund mehr um nachzudenken und Nein zu sagen.

    Werner Siebler, Freiburg

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