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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 7 / Ausland
Befreiungstheologie

Späte Rehabilitation

Papst nimmt Verurteilung des nicaraguanischen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal zurück
Von Gerhard Feldbauer
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Fortschrittlicher Denker: Der Theologe und Schriftsteller Ernesto Cardenal auf der Buchmesse im mexikanischen Guadalajara (5.12.2014)

Papst Franziskus hat die Verurteilung Ernesto Cardenals zurückgenommen. Das berichteten das Nachrichtenportal Vatican News und die staatliche italienische Nachrichtenagentur ANSA. Der nicaraguanische Priester und Schriftsteller, ein führender Vertreter der Befreiungstheologie, hatte die sandinistische Befreiungsbewegung im Kampf gegen die Diktatur Anastasio Somoza Debayles unterstützt und war nach deren Sturz 1979 in der Regierung Daniel Ortegas Kulturminister. Nach der Weigerung, von seinem Amt zurückzutreten, erteilte ihm Karol Wojtyla, alias Papst Johannes Paul II., 1984 Berufsverbot. Sein 2016 verstorbener Bruder Pater Fernando SJ, der Erziehungsminister war, wurde aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen. Ernesto Cardenals Beitrag zur Weltliteratur würdigte die Universität Wuppertal 2017 mit der Ehrendoktorwürde. Zu weiteren Ehrungen gehörte 1980 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Der 94jährige Priester lag wegen einer schweren Niereninfektion im Krankenhaus, wo ihn der Botschafter des Vatikans in Nicaragua, Stanislaw Waldemar Sommertag, die Botschaft überbrachte. Danach besuchte ihn der Weihbischof von Managua, José Báez Ortega, der niedergekniet den Abtrünnigen um seinen »priesterlichen Segen« gebeten habe.

Während Cardenal in Nicaragua vorgeworfen wird, mit der Kritik am Regierungskurs Ortegas 2009 rechte Positionen bezogen zu haben, hat er sich laut ANSA nicht vom Marxismus und seiner revolutionären Vergangenheit distanziert. Die spanische Zeitung El País schrieb, Cardenal habe sich jedoch mit Franziskus identifiziert: »Er ist besser, als wir ihn uns hätten erträumen können.« Außerdem habe es vorher ein Briefwechsel zwischen Franziskus und Cardenal gegeben.

Wie Ernesto Cardenal wurden von Wojtyla und seinem Chef der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, dem späteren Benedikt XVI., Hunderte Befreiungstheologen wegen ihres Einsatzes für die Armen und Unterdrückten gemaßregelt. Sie wurden aus ihren Ämtern entfernt und einer neuzeitlichen Inquisition unterworfen. Ratzinger hat als Großinquisitor, wie der frühere Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, Hubertus Mynarek, in dem Buch »Papst ohne Heiligenschein« berichtet, etwa 150 Theologen nach einem solchen Prozess verurteilt. Zu ihnen gehörten Leonardo Boff aus Brasilien und der brasilianische Erzbischof Hélder Câmara.

Die Maßregelungen wurden damit begründet, dass das katholische Kirchenrecht Priestern die Ausübung politischer Ämter untersagt. Die Kurie hatte jedoch nie etwas dagegen einzuwenden, dass Mitglieder ihres klerikalfaschistischen »Opus Dei« (Werk Gottes) der Regierung des Franco-Regimes angehörten oder unter Augusto Pinochet Minister waren. Während eine protestierende Menge Wojtyla 1987 bei einem Besuch in Santiago de Chile aufforderte, den Mörder »zu verfluchen«, segnete er Pinochet und dessen Regime.

Wenn Franziskus erneut Befreiungstheologen rehabilitiert, will er in Lateinamerika, wo die Hälfte der Katholiken der Welt lebt, verlorenen Einfluss zurückgewinnen. Von der von seinen Vorgängern betriebenen Verfolgung der Befreiungstheologen, vom Festhalten an den Doktrinen zur Unantastbarkeit der Ehe, zu Homosexualität, Frauenpriestertum, Zölibat oder um welche Fragen der klerikalen Moral und Ethik es auch immer geht, hat er keine Abstriche gemacht. Im Gegenteil, nachdem Ratzinger 2011 Wojtyla seliggesprochen hatte, zeigte auch Franziskus keine Skrupel, den Polen 2014 im Schnellverfahren heiligzusprechen.

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