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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 1 / Titel
Venezuela wehrt sich

Stoppt die Putschisten

Internationaler Aktionstag zur Solidarität mit Venezuela. Russland und China warnen vor Aggression aus Kolumbien
Von André Scheer
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Kundgebung für Venezuela am 8. Februar in Berlin. Auch am Sonnabend soll hier wieder demonstriert werden

Unter der Losung »Hände weg von Venezuela« sind für den Sonnabend Kundgebungen und Demonstrationen in mehr als 100 Städten der Welt angekündigt. Vor allem in den Vereinigten Staaten mobilisieren Friedensaktivisten zu dem internationalen Aktionstag gegen eine drohende Intervention der USA in dem südamerikanischen Land. »Unter US-Führung auferlegte Sanktionen sowie Währungsmanipulationen sind für das Leid in Venezuela verantwortlich«, heißt es in dem mehrsprachig verbreiteten Aufruf. Die USA wollten nicht zulassen, »dass irgendein Land auf dem Planeten seinen natürlichen Reichtum oder die Früchte seiner Arbeit unabhängig von der Wall Street und dem Pentagon genießen kann. Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt und ist reich an Gold und anderen Mineralien.«

Zu den Erstunterzeichnern des Appells gehören Pink-Floyd-Mitbegründer Roger Waters, die afroamerikanische Bürgerrechtlerin Pam Africa, die US-Friedensaktivistin Cindy Sheehan und zahlreiche weitere Gewerkschafter, Journalisten und Politiker. Die Regierungen Chinas und Russlands bekräftigten am Freitag ihre Warnungen vor einer Eskalation der Lage. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, warf den USA vor, unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe eine Militärintervention in Venezuela zu planen. Für Sonnabend sei eine »gefährliche Provokation großen Ausmaßes« geplant.

Venezuelas Opposition hat für das Wochenende angekündigt, »so oder so« die von den USA nach Kolumbien gebrachte »humanitäre Hilfe« über die Grenze bringen zu wollen. Ein Konvoi von Oppositionspolitikern, unter ihnen der selbsternannte »Übergangspräsident« Juan Guaidó, hatte sich am Donnerstag (Ortszeit) auf den 1.000 Kilometer langen Weg von Caracas in die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta gemacht. Vor deren Toren begann am Freitag ein Konzert unter dem Titel »Venezuela Aid Live«, zu dem der britische Milliardär Richard Branson zahlreiche Popstars eingeflogen hatte. Offizielles Ziel der Veranstaltung war es, Geld für »humanitäre Hilfe« zu sammeln, die den Notleidenden in Venezuela geleistet werden sollte. Tatsächlich begann es direkt mit Parolen gegen die »Diktatur« in Venezuela. Während die Veranstalter schließlich 317.000 Besucher bei dem Konzert gezählt haben wollten, sprachen andere Beobachter von »nicht mehr als 20.000«. Wie auf Luftaufnahmen zu erkennen war, stand die Bühne mehrere hundert Meter von dem mäßig gefüllten Feld entfernt, auf dem sich die Zuschauer versammelt hatten. Der Zwischenraum war offenbar als Sicherheitszone ausgewiesen worden und Gästen wie Kolumbiens Staatschef Iván Duque und dem chilenischen Präsidenten Sebastian Piñera vorbehalten. Auch der venezolanische Putschist Juan Guaidó zeigte sich dort – eine offene Provokation der venezolanischen Justiz, die ihm wegen eines laufenden Ermittlungsverfahrens das Verlassen des Landes untersagt hatte.

In Venezuela wird befürchtet, dass in den Reihen der von Guaidó mobilisierten »Freiwilligen« und im Schatten der »Hilfe« auch Terroristen über die Grenze gelangen wollen. In Kolumbien tummeln sich ganze Gruppen desertierter venezolanischer Soldaten, die schon mehrfach zum Sturz von Präsident Maduro aufgerufen hatten, und auch den kolumbianischen Paramilitärs gilt Venezuela als Feindbild.

Um ihnen den Weg zu versperren, kündigte Venezuelas Vizepräsidentin Delcy Rodríguez in der Nacht zum Sonntag die zeitweilige Sperrung von drei Grenzbrücken an. Grund dafür seien die »Drohungen der kolumbianischen Regierung gegen den Frieden in Venezuela«, teilte sie über Twitter mit. Schon zuvor hatte Caracas die Grenzen nach Brasilien und zu den Karibikinseln Aruba, Bonaire und Curaçao geschlossen, weil von dort illegale Aktivitäten vorbereitet würden.

Am Freitag begann zudem auf der venezolanischen Seite der Las-Tienditas-Grenzbrücke, nur rund 300 Meter vom kolumbianischen Konzert entfernt, ein auf drei Tage angesetztes Friedensfestival unter dem Motto »Nichts für den Krieg – Hände weg von Venezuela«. Rund 45 Gruppen und Künstler sollten daran teilnehmen – ursprünglich hatte Informationsminister Jorge Rodríguez sogar von 150 Musikern aus Venezuela und anderen Ländern gesprochen. Zu den von rund 3.000 Zuschauern bejubelten Künstlern, die am Freitag auf der Bühne spielten, gehörten der venezolanische Hardrocker Paul Gillman und die argentinische Band Bersuit.

Kundgebungen am Sonnabend

Berlin: 14 Uhr, Pariser Platz (Brandenburger Tor) / Hamburg: 14 Uhr, Sternschanze / Osnabrück: 10 Uhr, Theatervorplatz / Düsseldorf: 12 Uhr, US-Konsulat, Willi-Becker-Allee 10 / Frankfurt am Main: 16.30 Uhr, An der Hauptwache

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