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Aus: Ausgabe vom 22.02.2019, Seite 7 / Ausland
Eskalation befürchtet

Spiel mit dem Feuer

Konzertduell an Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela. Washington und Bogotá drohen mit militärischer Aggression
Von Modaira Rubio, Caracas
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Bühnenaufbau für das kolumbianische Konzert am Mittwoch nahe der Las-Tienditas-Brücke

Venezuela steht vor einem dramatischen Wochenende, das zwischen Krieg und Frieden entscheiden könnte. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Grenze zu Kolumbien, aber auch im Norden und Süden sind die Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt worden.

Für den heutigen Freitag sind auf den beiden Seiten der 2016 fertiggestellten, aber nie in Betrieb genommenen Grenzbrücke Las Tienditas zwischen Kolumbien und Venezuela zwei große Konzerte geplant. In Cúcuta, auf der kolumbianischen Seite, hat der britische Unternehmer und Multimilliardär Richard Branson Musiker zu einem »Venezuela Aid Live« eingeladen, mit dem – so die offizielle Darstellung – Geld für »humanitäre Hilfe« gesammelt werden soll, die dann der »notleidenden Bevölkerung Venezuelas« zukommen soll. Profitiert von dem Konzert hat jedenfalls bereits ein Reisebüro in Caracas. Es bot seinen Kunden in den Vierteln der gehobenen Mittelschicht Venezuelas ein Schnäppchen an: Für 60 US-Dollar gab es eine Busreise nach Cúcuta. Im Preis inbegriffen waren Fahrt, Hotel und eine »Erfrischung« im Bus, aber kein Essen.

Parallel zu dem Konzert in Cúcuta soll auf der venezolanischen Seite ein Musikfestival unter der Losung »Hände weg von Venezuela« beginnen, das bis Sonntag dauern soll und für das nach Angaben der Regierung in Caracas rund 150 Künstler zugesagt haben. Unausgesprochenes Ziel dieser Veranstaltung ist es, Eindringlingen aus Kolumbien den Weg zu versperren. Zudem sollen dabei 20.000 Lebensmittelpakete an die Bevölkerung Cúcutas verteilt werden. Dort leben nach offiziellen Angaben mehr als 40 Prozent der Einwohner in Armut – doch die Aufmerksamkeit der Medien und der kolumbianischen Regierung richtet sich auf die andere Seite der Grenze.

Die Anhänger des Putschisten Juan Guaidó, der sich am 23. Januar bei einer Kundgebung selbst zum »Übergangspräsidenten Venezuelas« erklärt hatte, wollen am Samstag mit einer Menschenkette die von den USA nach Kolumbien gebrachte »Hilfe« über die Grenze nach Venezuela bringen – auch ohne Genehmigung der Behörden. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, denn nicht zuletzt die offenen Invasionsdrohungen aus Washington haben Venezuelas Armee in Alarmbereitschaft versetzt. Am vergangenen Montag hatte US-Präsident Donald Trump in Miami erklärt, dass »die Tage des Sozialismus« in Venezuela, Kuba und Nicaragua gezählt seien. Doch die Opposition will offenbar die 200.000 Menschen, die als Zuschauer zu dem Konzert in Cúcuta erwartet werden, als »menschliche Schutzschilde« missbrauchen.

Von seiten der venezolanischen Opposition ist nur die Rede davon, dass es um »Hilfspakete« gehe, die von »Freiwilligen« über die Grenze gebracht werden sollen. In Kolumbien halten sich allerdings auch ehemalige venezolanische Soldaten auf, die desertiert waren und aus dem sicheren Exil wiederholt zu einem Staatsstreich aufgerufen hatten. In Venezuela wird deshalb befürchtet, dass diese Kräfte im Schutz wohlmeinender Aktivisten bewaffnet die Grenze passieren oder die Situation eskalieren lassen wollen.

Am Mittwoch (Ortszeit) kamen in Miami US-Admiral Craig Faller, Befehlshaber der in Südamerika stationierten nordamerikanischen Streitkräfte, und der kolumbianische General Luis Navarro zusammen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz forderten sie Venezuelas Militär auf, einer Verletzung der Grenze keinen Widerstand entgegenzusetzen. Sollte es zu Gewalt kommen, würden die Truppen der USA und Kolumbiens »zum Schutz der Zivilbevölkerung« eingreifen, drohten sie.

Die Bolivarischen Streitkräfte Venezuelas bekräftigten dagegen am Dienstag erneut ihre Loyalität zur gewählten Regierung von Präsident Nicolás Maduro. Verteidigungsminister Vladimir Padrino López warnte, Angreifer müssten »über die Leichen« der Kommandierenden gehen. Am Mittwoch schloss die Armee die Grenze zu den Karibikinseln Aruba, Bonaire und Curaçao. Auf der letzteren, die niederländisches Staatsgebiet ist, war ein weiterer Sammelpunkt für »humanitäre Hilfe« eingerichtet worden, ebenso wie in Brasilien. Offiziell nicht bestätigt wurde zunächst ein Bericht der Nachrichtenagentur AFP, wonach Venezuelas Streitkräfte Schiffen in allen Häfen das Auslaufen verboten hätten.

Gegen die drohende Aggression haben die hinter der Regierung stehenden Parteien und Organisationen zu Großkundgebungen aufgerufen. Mobilisiert wird nach Táchira an der Grenze zu Kolumbien, nach Falcón an der Seegrenze zu Curaçao sowie nach Santa Elena de Uairén nahe der Übergänge nach Brasilien. Am Mittwoch (Ortszeit) hatten sich bereits Tausende Menschen auf der Angostura-Brücke im Bundesstaat Bolívar an der Grenze zu Brasilien versammelt. Der Präsident der Verfassunggebenden Versammlung, Diosdado Cabello, warnte dort die Aggressoren, dass »Venezuela ein Volk von Kämpfern« sei, das sich jedem Angreifer entgegenstellen werde.

Berlin: Sa., 23.2., 14 bis 16 Uhr, Pariser Platz (Brandenburger Tor)

Frankfurt am Main: Sa., 23.2., 16.30 Uhr, An der Hauptwache

Mainz: Mo., 25.2., 16.00 Uhr, Hauptbahnhof

Debatte

  • Beitrag von Fritz D. aus H. (21. Februar 2019 um 22:54 Uhr)
    Mir fiel ein alter Song von Harry Belafonte ein: Mathilda.

    »Mathilda, Mathilda, Mathilda, she takes me money and run Venezuela.«

    Wäre zu aktualisieren:

    »Guevara, Guevara, Guevara, rise from your grave and run Venezuela!«

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