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Aus: Ausgabe vom 19.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Heutige Elendstypen. »Die Dreigroschenoper« in Lübeck

Von Anja Röhl
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Als hätte die Kostümbildnerin tagelang unter Armen gelebt: Macheath (Michael Fuchs) und Polly (Sybille Lambrich)

Elisabeth Hauptmann, Bert Brecht und Kurt Weill transponierten die »Beggar’s Opera« (1728) in die 1920er Jahre, jetzt wird ihre »Dreigroschenoper« am Theater Lübeck in die heutige Zeit geholt – und das so überzeugend, dass ich noch Tage nach der Premiere (9. Februar) überall die Elendsgestalten aus dieser Inszenierung sehe: in der Berliner U-Bahn, auf dem Hamburger Hauptbahnhof, in der Regionalbahn, vor der Kaufhalle bei mir um die Ecke ... Es sind Kleinigkeiten. Mackie Messer (Michael Fuchs) zum Beispiel tritt in Lübeck in abgewetzter Lederjacke und labberiger Jogginghose auf, die fettigen Haare leger zurückgekämmt, Verbände an den Händen, kleinere Spuren von Raufereien im Gesicht. So typisch wie der kontrastierende Aufzug Pollys (Sybille Lambrich), die auf Kindfrau macht mit rosa Attributen aus Billigklamottenketten. Als Geschenk von Mackie bringt sie nach der Hochzeit einen riesigen rosa Teddy mit nach Hause; es ist, als hätte Tanja Liebermann (Kostüme) tagelang unter den Armen gelebt. Im Laufe der Inszenierung treten nur wenige Bettler auf, aber sie vervielfachen sich vor dem geistigen Auge.

Die Inszenierung von Malte C. Lachmann protzt nicht mit Technik. Es gibt keine Videos, auch keine versteckten Kameras für künstliche Perspektivwechsel. Szenenfolge und Musik des Brecht-Teams werden eins zu eins übernommen, doch der Gesang ist heutiger, leidenschaftlicher bei den Frauen, kein Gedanke mehr an Oper, eher an Punk, oft wie im Streit, und die karikierenden Stellen (»Liebeslied«: »Siehst du den Mond über Soho ...«) werden wunderbar selbstironisch überbetont.

Das Stück lohnt die Fahrt nach Lübeck, von Lachmanns Aufführung wird man noch hören. Ich sah großartige »Dreigroschenoper«-Aufführungen im Berliner Ensemble (BE) der 80er und im Deutschen Theater Berlin der 90er, im BE der 2000er dann eine schrecklich misslungene, sehr manierierte. In der Hansestadt ist nun wieder eine zu erleben, die ernst nimmt, was Brecht, Hauptmann und Weill wollten: ihre Zeitgenossen erreichen.

Schade, dass heute nur noch Gymnasiasten und Bürger ins Theater gehen, die Armen sind längst außen vor.

Nächste Aufführungen: 21.2., 1.3., 30.3., 19.30 Uhr, Theater Lübeck

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