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Aus: Ausgabe vom 21.02.2019, Seite 15 / Medien
Rückzugsgeplänkel

Handbuch der Manipulation

»Framing Manual« der ARD: Kritiker nennen es Sprachregelung für Mitarbeiter. Es ist mehr
Von Klaus Fischer
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Wollen für immer die »Guten« sein: ARD wirft mit Denkhilfen um sich

Eigentlich war es nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Doch Diskussionen hat das »Framing Manual« schon ausgelöst, als es außerhalb der ARD kaum jemand kannte. Inzwischen wird auch in Mainstreammedien darüber berichtet, obwohl diese sich selbst des Instruments der »Einbettung von Nachrichten bzw. Ereignissen in einen Deutungskontext« bedienen, also im Sinne ihrer verlegerischen (und damit weltanschaulichen) Tendenz manipulieren. Die Frage ist dabei nicht, wie irreführend kolportiert wird, ob man das darf, sondern eher: Wie lange geht das schon so?

Seit Jahrzehnten gibt es den Begriff »Meinungsmacher«. Alte Kämpen der 68er könnten sich erinnern, wenn sie nur wollten. Framing ist praktisch die englischsprachige Neuerfindung des Fahrrades. Diesmal vielleicht eines mit E-Antrieb, und weil die Aufregung um das so böse und dazu anarchisch strukturierte Internet bei der alten Garde groß ist.

Vielleicht lag Ulrich Wilhelm nicht ganz falsch, als er am Dienstag feststellte: »Die Aufregung um das Papier halte ich für völlig übertrieben.« Der aktuelle ARD-Chef, Intendant des Bayerischen Rundfunks und ehemaliger Pressesprecher von Kanzlerin Angela Merkel zielt dabei allerdings auf eine Bagatellisierung des Vorganges, denn die öffentlich-rechtlichen Medien galten bislang offiziell nicht als Propagandabeauftragte von irgendwem.

Im Grunde ist es immer die »Deutungsmacht«, auf der die politische und wirtschaftliche Existenz von Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendern und immer stärker auch von Internetformaten beruht. Diese Art Regiment des Staates bzw. der Gesellschaft war im politischen Selbstverständnis der alten BRD so direkt nicht vorgesehen. Das hat sich anscheinend geändert.

Denn es handelt sich beim Framing-Handbuch nicht einfach um eine »Initiative, sich mit Sprache und ihrer Wirkung eingehender zu beschäftigen«, wie die dpa am Dienstag schrieb, oder wie es die ARD jetzt zu interpretieren versucht. Es geht auch hierbei um Deutungshoheit und Meinungsmache, und das gerade nicht im Sinne einer imaginären »Allgemeinheit«. Das insinuieren dann unfreiwillig alte Hasen wie ARD-Chefredakteur Rainald Becker, als er am Dienstag sagte: »Ich persönlich hätte dieses Papier aber nicht gebraucht.«

Wie hohe Medienfunktionäre ticken, machte auch das sogenannte ARD-Generalsekretariat deutlich: »Jedes Unternehmen muss die Möglichkeit haben, in einem geschützten Raum über sich selbst zu diskutieren«, teilte es am Dienstag mit. Da drängt sich die Frage auf, weshalb eine scheinbar gesamtgesellschaftliche Einrichtung, die ihre »Unternehmung« mit steuerähnlichen Gebühren der Bürger finanziert, nicht offen diskutieren kann?

Am Sonntag hatte die Plattform Netzpolitik.org das 89seitige Papier ins Internet gestellt. https://kurzlink.de/framing-ard

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