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Ansteckungsgefahr

Von Helmut Höge
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Antifaschismus steckt an? Schön wär's ja.

In Fortsetzung der »Nachahmungstäter«: »Das Werden ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht«, heißt es im »Anti-Ödipus« von Deleuze/Guattari. Aber wie genau »geschieht« die Ansteckung? Ende 1967 fahre ich mit der Straßenbahn zur Arbeit in eine Schiffsmaklerei. Von meinem Gehalt hatte ich mir bereits eine Timex-Armbanduhr gekauft, einen schicken Morgenmantel und einen noch schickeren Karmann Ghia, einen Arbeiterporsche, wollte ich mir noch zulegen. Am Bremer Marktplatz steige ich aus und sehe, dass am Rathaus etwa hundert Menschen die Schienen blockieren. Sie demonstrieren gegen eine Fahrpreiserhöhung. Statt zur Arbeit zu gehen, setze ich mich zu ihnen. Bald kommen Polizisten. Sie zerren an uns und heben uns weg. Dabei reißt mir einer die Uhr vom Arm. Seitdem habe ich nie wieder eine feste Anstellung gehabt und mir vom Gehalt etwas Tolles kaufen müssen.

Man kann sagen, die Sitzblockade der Bremer Schüler hatte etwas Ansteckendes, zugleich hatte meine stupide Büroarbeit in der Schiffsmaklerei aber auch etwas Abschreckendes. Eine der Aufsatzsammlungen über Gabriel Tardes Theorie trägt den Titel »Nachahmung und Begehren«. Es war mein Begehren, mich von der Demonstration anstecken zu lassen – am Werden eines Rudels, einer Bande, eines Zusammenhangs (mit interessanten, kämpferischen Gleichgesinnten) teilzuhaben. Dieses Begehren entwickelte sich spontan aus dem hoffnungslosen Stumpfsinn meiner Festanstellung heraus. Beides gehört zusammen.

Die Rädelsführer der kleinen Bremer Bewegung waren Schüler aus der oberen Mittelschicht am altsprachlichen Elitegymnasium – gutaussehend, selbstbewusst, von Mädels umschwärmt, hatte ich das Bedürfnis, sie nachzuahmen. Ich entledigte mich meiner Büroarbeitskluft, ließ mir die Haare wachsen, ging in Kneipen und Clubs, wo sie sich trafen, kaufte Bücher, die sie diskutierten. Mein Tanzstil und mein Reden änderten sich, die Klamotten, die ich anzog, wurden immer billiger.

Was war das in der Schule unter uns Schülern für ein Terror gewesen – mit dem, was man trug, wie man aussah. Wenn ich heute junge Leute sehe, die sich schier verausgaben, um ein bestimmtes Aussehen nachzuahmen, schwanke ich zwischen Mitleid und Wut. Doch dann fallen mir meine eigenen Anstrengungen beim Nachahmen ein, und ich denke: Bei der Geburt und die Jahrzehnte danach sind wir kulturell so leer, dass wir uns unbedingt füllen müssen, angefangen mit der Sprache. Schon in der Kita sind wir dabei, irgendwelche kleinen Vorbilder nachzuahmen, indem wir etwa die gleichen Klamotten haben wollen, also so sein wollen wie unsere kleinen Freunde, später dann wie die umschwärmten Klassenkameraden. Und noch später an der Universität wollen wir so reden und diskutieren wie die Eloquentesten. Es sind alles Versuche, echt zu wirken. Zunächst, ohne dabei zwischen sinnvoll und idiotisch unterscheiden zu können.

So erzählte ich meinem linken Vater einmal begeistert, dass ich einen seiner Kollegen von der Kunsthochschule in der vordersten Reihe einer Demonstration gesehen hätte. Vorsicht, sagte er, das ist das allergrößte rechte Arschloch. Später lernte ich an den Unis eine Reihe von Dozenten kennen, die es auf die schönsten und klügsten Studentinnen abgesehen hatten, oder, wenn sie schwul waren, die interessantesten Studenten begehrten, wobei die aktive Verführung oft von den Jüngeren ausging. Ich unterstelle ihnen, dass es ihnen dabei vor allem um Nachahmung ging. Für gewöhnlich besteht die bloß darin, sich mit Gegenständen aus der Warenwelt einzudecken, sich zu vervollkommnen und ängstlich darauf achten, sich nicht das falsche Auto zu kaufen und die Kinder in die richtigen Einrichtungen zu stecken.

Wenn man nachts durch eine Gegend geht, in der sich Easyjetter herumtreiben, hat ausnahmslos jeder von ihnen ein Beck’s in der Hand, obwohl die Hälfte dieses Scheißzeug gar nicht mag. Und je weniger sie es mögen, desto schnöselig-cooler benehmen sie sich beim Kauf im Späti. Apropos: Dass die arbeitslos gewordenen Türken alle Dönerimbisse, Spätkaufläden oder Friseurläden eröffnen, hat auch mit dem Tardeschen Drang der Nachahmung zu tun. Traurig daran ist, dass sie sich so gegenseitig ins Elend konkurrieren. Und wenn die Rechten behaupten, die neuen Einwanderer wollten sich partout nicht »integrieren«, dann ist das nichts anderes, als Druck zu machen: damit sie nachahmen, nachahmen, nachahmen, also sich wirklich anstrengen, genauso belämmert wie die ganzen braven Deutschen um sie herum zu werden. Tarde bestand übrigens darauf, das Nachgeahmte zu modifizieren.

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