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Aus: Ausgabe vom 19.02.2019, Seite 1 / Titel
Post-»Kommunismus«

Dumping für alle

Paketsparte der Deutschen Post soll mehr Gewinn einfahren. Plan: Gleich schlechte Löhne bei Mutterkonzern und Billigtochter
Von Ralf Wurzbacher
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Nicht nur weniger Gehalt, auch der Abbau von »vielen hundert Stellen« droht: DHL-Bote in der Müchner Innenstadt

Die Vision der Bosse bei der Deutschen Post AG: Gleich schlechte Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten – bei gleich schlechter Bezahlung. Nach einem aktuellen Medienbericht will der gelbe Riese zum 1. April die Paketsparte des Mutterkonzerns mit seiner vor drei Jahren gegründeten Billigtochter Delivery unter einem Dach vereinen. Durch Senkung der Lohnkosten sowie Synergien in der Verwaltung verspricht sich Konzernchef Frank Appel ein Gewinnplus von einer halben Milliarde Euro, schrieb am Montag Die Welt. Insgesamt drohten mit dem Umbau »viele hundert Stellen« wegzufallen, heißt es weiter.

Im März 2018 war das Unternehmen schon einmal mit ähnlichen Plänen in die Schlagzeilen geraten. Dass es mit der Umsetzung zum 1. Mai nicht hinhaute, ist dem Widerstand des Konzernbetriebsrats zu verdanken. Dieser war jedoch in der Vorwoche vor dem Düsseldorfer Landgericht damit gescheitert, eine Anpassung der Löhne der Delivery-Mitarbeiter auf das Niveau des Haustarifvertrags der Post durchzusetzen. Nun kennt Appel offenbar kein Halten mehr. »Den geltenden Regelungen entsprechend« sei es möglich, in der Paketzustellung gemeinsame Betriebe zwischen Post AG und den Tochtergesellschaften der DHL Delivery einzurichten, gab Die Welt einen Unternehmenssprecher wieder. Allerdings sei »noch nicht entschieden, wann eine solche Betriebsorganisation umgesetzt wird«.

Weil sie nach den ungünstigeren Bedingungen des Speditions- und Logistikgewerbes vergütet werden, erhalten die rund 13.000 bei Delivery Angestellten im Schnitt ein Viertel weniger Geld als ihre Kollegen bei der Post DHL Group. Der gängige Stundensatz liegt bei zwölf Euro, während beim Mutterunternehmen 20 Euro üblich sind. Obendrein arbeitet die konzerninterne Dumpingkonkurrenz pro Woche eineinhalb Stunden länger, bei kürzeren Pausenzeiten und geringeren Überstundenzuschlägen. Außerdem sind die Einsatzbereiche der Delivery- von denen der Post-Zusteller bislang strikt getrennt.

Diese »Spaltung« dürfte sich bald erledigt haben. Dann muss sich der Bedienstete erster Klasse mit dem der zweiten Klasse gemein machen, und über kurz oder lang werden sich auch die Verdienstmöglichkeiten nivellieren. Ausgemacht ist, dass neue Kräfte – wie bisher schon – künftig nur noch zu den schlechteren Konditionen der 46 Delivery-Regionalgesellschaften unter Vertrag genommen werden. Aber selbst festangestellte Postler will Appel »egalisieren«. Nach Welt-Informationen schlägt er vor, die Delivery-Beschäftigten in den Haustarifvertrag zu übernehmen. Allerdings solle dies »kostenneutral« geschehen, was bedeutet: Der Tarifangestellte muss bluten, damit der Billigmalocher ein paar Euro mehr bekommt.

Passend dazu sollen gegenwärtig Verhandlungen mit Beschäftigtenvertretern über ein komplett neues Entgeltsystem im Gang sein. Die Gespräche drehten sich ferner um ein Ende des Kündigungsschutzes sowie darum, die Fremdvergabe von Zustellarbeit über den vertraglich erlaubten Rahmen von zehn Prozent auszuweiten. Die geplanten Maßnahmen würden »zu Unmut unter den Beschäftigten führen«, zitierte die Welt Christina Dahlhaus, Bundesvorsitzende der Fachgewerkschaft DPVKOM. Sie beklagte eine »Rolle rückwärts« und »verdeckte Leiharbeit«. Der Konzern sei mit seinem Konzept der Billigzustellung gescheitert. Zutreffender ist wohl: Beim Ausbeuten macht die Post demnächst keine Unterschiede mehr.

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