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Aus: Ausgabe vom 18.02.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Rote Armee

Umkämpfte Geschichte

Ralf Rudolph und Uwe Markus haben ein Buch über Kriege der Roten Armee zwischen 1918 und 1946 geschrieben
Von Arnold Schölzel
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Kommandeure der Roten Armee im russischen Bürgerkrieg: Semjon Budjonny, Michail Frunse und Kliment Woroschilow (1920)

Die Rote Armee existierte vom 23. Februar 1918 bis Februar 1946, dann hieß sie Sowjetarmee. Das neue Buch von Ralf Rudolph und Uwe Markus mit dem Titel »Vergessene Kriege der Roten Armee« befasst sich im wesentlichen mit den 28 Jahren, in denen aus den Freiwilligenverbänden des Anfangs eine Armee geformt wurde, die den Zweiten Weltkrieg entschied. Ob die Kriege, über die hier berichtet wird, »vergessen« sind, sei dahingestellt. ­Exakter wäre wohl: Kriege, über die in deutschsprachiger Literatur selten zu lesen ist. Das trifft z. B. auf die sowjetische Intervention in Afghanistan 1929 oder die Besetzung des Nordiran zwischen 1941 und 1946 zu, nicht aber auf den Spanischen Krieg. Neben der Darstellung solcher Feldzüge enthält der Band Informatives zur inneren Entwicklung der Roten Armee, insbesondere biographische Skizzen hoher Offiziere, die in den 1930er Jahren ermordet wurden oder selbst Ermordungen veranlassten. Die Autoren bieten umfangreiches Zahlenmaterial, verzichten aber leider auf Quellenangaben.

Die wichtige Rolle, die Trotzki als Organisator der Roten Armee ab 1918 im Bürgerkrieg und gegen die Intervention der Westalliierten spielte, wird im ersten Abschnitt ausführlich geschildert. Konflikte, die sich zwischen ihm und anderen Kommandeuren wie Stalin, Woroschilow oder Budjonny ergaben, stellen die Autoren stark in den Vordergrund und schließen von ihnen auf spätere Vorgänge bis hin zur Ermordung Trotzkis. Das wirkt kurzschlüssig.

Einem ausführlichen Abschnitt über die Bedeutung der Kavallerie, der bis zur berittenen Kremlwache der Gegenwart geführt wird, folgen die Darstellung des polnisch-sowjetrussischen Krieges von 1919 und 1920 (»Abwehrfeldzug«) einschließlich der monströsen Geschichtsklitterung, die im heutigen Polen dazu üblich ist, sowie eine Schilderung der Kooperation von Roter Armee und Reichswehr der Weimarer Republik. Das deutsche Interesse an der »Notgemeinschaft« war demnach, die Auflagen der Sieger des Ersten Weltkriegs zu umgehen. Moskau »rechnete damit, dass der Westen und auch Japan bei günstigen außenpolitischen Konstellationen und einer erkennbaren Schwäche der UdSSR die Gunst der Stunde für eine erneute militärische Intervention nutzen würden«. Das galt damals wie heute, insofern ist es schade, dass die Autoren diese strategische Lageeinschätzung nicht zur Grundlage ihrer Darstellung machen.

Seit 1924 waren deutsche Offiziere als Berater in der Sowjetunion und durften Manöver beobachten, im Gegenzug kamen zwischen 1925 und 1931 156 sow­jetische Militärs und Wissenschaftler nach Deutschland. Es existierten gemeinsame Luftwaffen- und Panzerschulen und ein Testgelände für chemische Kampfstoffe. Spätestens mit der Machtübergabe an Hitler hatte sich das erledigt. Die Autoren halten fest: »Prototypen fast aller deutschen Waffen, die im Spanienkrieg und ab 1939 im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen, waren in der UdSSR getestet worden«, und nennen als Beispiel den Vorläufer des Sturzkampfbombers Ju 87.

In dieses Kapitel eingefügt ist eine biographische Skizze des sowjetischen Marschalls Michail Tuchatschewski, der früh nach Deutschland entsandt wurde und noch 1936 das Reichskriegsministerium in Berlin besuchte. Seine Verhaftung und Ermordung ein Jahr später wegen angeblicher Spionage und Verschwörung führen Rudolph und Markus wie viele andere Autoren auf eine Intrige des SD, des Sicherheitsdienstes der SS, zurück, räumen aber ein, dass die Unterlagen dazu »nicht mehr auffindbar« sind. Mit der anschließenden »Terrorwelle« gegen die militärischen Kommandoebenen, gegen Familien, Freunde und Bekannte der Denunzierten, habe Stalin »aus Paranoia und Machtkalkül die Rote Armee« enthauptet – Formulierungen, die öfter im Buch verwendet werden. Sie befriedigen nicht das Bedürfnis nach Erklärung, Politik lässt sich nicht auf individuelle Charakterzüge reduzieren. Insgesamt machen die Kurzbiographien gefolterter und erschossener Kommandeure deutlich: An ihnen wurden ungeheuerliche Verbrechen begangen.

Zu den »vergessenen Kriegen« zählen die Autoren im weiteren die Schlacht am Fluss Chalchin Gol in der Mongolei gegen Japan im Juli und August 1939, die Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee ab Mitte September 1939, der die Erschießung Zehntausender polnischer Offiziere und Funktionsträger folgte, den Winterkrieg gegen Finnland 1939/1940 sowie die Einverleibung Bessarabiens und der Bukowina 1940.

Das Buch enthält leider zahlreiche Druckfehler, das Literaturverzeichnis führt keine englischsprachigen Titel auf. Das ist bedauerlich, weil seriöse, auf Quellen gestützte Arbeiten vorliegen, die z. B. das von den Autoren aufgelistete »Stalin. Am Hof des roten Zaren« von Simon Sebag Montefiore als Machwerk entlarven. Unter den Verweisen in kyrillischer Schrift wird mehrfach die russischsprachige Wikipedia genannt – keine ernsthafte Quelle, so wie alles im Internet, sobald es um politisch Umkämpftes geht. Dennoch: Ein informatives Kompendium.

Ralf Rudolph/Uwe Markus: Vergessene Kriege der Roten Armee. Phalanx, Berlin 2019, 319 Seiten, 21,40 Euro

Die Autoren stellen ihr Buch am Dienstag, dem 19. Februar 2019, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie (Torstr. 6., 10119 Berlin) vor

Debatte

  • Beitrag von Cilly K. aus H. (18. Februar 2019 um 15:19 Uhr)
    Danke für die Rezension und auch dafür, dass ich mir das Geld für den Erwerb dieses Buches sparen kann. Ein Buch, das nicht mit Primärquellen arbeitet, taugt wenig für politische Erkenntnisse. Die Themen Sowjetunion, Stalin, Rote Armee etc. sind zu schwergewichtig, um nach dem Motto zu verfahren: »Warum Beweise, weiß doch eh jeder, was gewesen ist. Wir packen noch etwas dazu, dann lässt es sich besser verkaufen.« Wichtig der Hinweis von Arnold Schölzel auf die Tatsache, dass von den Autoren keinerlei englischsprachige Literatur empfohlen wird.
    Die Zusammenarbeit von Tuchatschewski mit den Japanern kann wohl als bewiesen angesehen werden (siehe Grover Furr: »Stalin Waiting for … the Truth«). Japaner versuchten russische Agenten einzuschleusen, um Stalin zu ermorden (s. Nürnberger Prozesse, Aktennotiz Himmlers). Sicherlich um damit eine Armeerevolte auszulösen.
    Ein amerikanischer Zeitzeuge und Prozessbeobachter in der SU der 30iger Jahre – der US-Botschafter Joseph E. Davies – kommt in seinem Tagebuch, das 1943 in deutscher Sprache unter dem Titel »Als USA-Botschafter in Moskau« erschienen ist, zu der Erkenntnis, dass die Anschuldigungen in den Prozessen glaubwürdig gewesen waren; niemals haben er und sein Militärattaché die Rote Armee als »enthauptet« betrachtet. Es lohnt sich, seine ausführlichen Beschreibungen über den Zustand der Roten Armee, gerade nach der Säuberung, zu lesen.
    Verfasst hatte Davis die Berichte im Tagebuch für seinen Präsidenten Roosevelt.
    Die Rote Armee hatte nach den Siegen gegen die Japaner eine starke militärische Moral und strotzte praktisch vor Selbstbewusstsein.
    Reinhardt Silbermann, Hamburg

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Heiko Schafberg: Bürgerliche Falschmeldungen Ich war schon letztens tief enttäuscht, als der Vorabdruck dieses Machwerkes in Ihrer Zeitung erschien. Jetzt setzen Sie mit einem Werbeartikel da noch eins drauf, und am Schluss muss man lesen, dass ...

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