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Aus: Ausgabe vom 16.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Merkste selber, ne!?

Und jetzt auch noch: »Weil du nur einmal lebst – Die Toten Hosen auf Tour« (Berlinale-Special-Gala)
Von Maximilian Schäffer
totehosen.jpg
»Schlechte Vorsätze kann man ihnen nicht vorwerfen«

Weiß der Geier, wieso eine Fandoku über Die Toten Hosen bei der Berlinale läuft. Noch dazu, wenn das 107minütige Werk den Titel »Weil du nur einmal lebst« trägt, der seinen intellektuellen Tiefgang gut anzeigt. Solche Begleitfilmchen stiller Verehrer gehören vielleicht auf Ultra-Deluxe-Platinum-Fan-DVD-Box-Sets, aber nicht ins Kino, geschweige denn auf ein internationales Filmfestival.

Gealterten Rockmusikern auf Tour zu folgen, kann interessant sein, solange es sich nicht um ehemalige Spaß-Punker und heutige Deutschrocker aus der betont nicht-rechten, aber eben auch nicht mehr ganz so linken Ecke handelt. Campino und Konsorten reißen altersgemäß brave Zoten, inszenieren sich als ein bisschen wild und sehr bodenständig. Jack Wolfskin mit Merkel-Appeal gegen Nazis.

Wenigstens deutschtümeln die Volkshymnen der Düsseldorfer Herren nicht aufdringlich. Schlechte Vorsätze kann man ihnen nicht vorwerfen. Der Zuschauer lernt im Film: 1. Die Toten Hosen sind sehr gute Arbeitgeber und einfach Pfundskerle. 2. Ihr Sänger sieht für sein Alter von 56 noch verdammt gut aus, ist Perfektionist und Kickboxer. 3. Als Rockmusiker hat man manchmal Probleme mit dem Gehör. 4. Die Band ist einfach superduperobergeil und besonders live eine Wucht. 5. Das war’s.

Weil die belanglose Lobhudelei von Regisseurin Cordula Kablitz-Post (»Deutschland, deine Künstler – Campino«) keinen, der halbwegs bei Trost ist, irgendwie interessiert, aber nichtsdestotrotz durch »Film und Medien Stiftung NRW«, staatliche »Filmförderungsanstalt« und »Deutschen Filmförderfonds der BKM« finanziert wurde, folgen nun ein paar Stimmen besorgter Steuerzahler zum Thema Die Toten Hosen:

»Campino ist sogar als Bonbon Mist.« – Axel B. (49)

»Pseudointellektueller Bierzelt-Schlagerpunk.« – Jan S. (43)

»Andreas Freges (Campinos) Bruder hat bei der Abwicklung der Lehman-Brothers-Bank Millionen verdient, und das erste Album der Toten Hosen hieß ›Unter falscher Flagge‹. Merkste selber, ne!?« – Merlin A. (32)

»Tote Hosen – anderes Wort für klinischer Hörsturz.« – Tarek S. (29)

»Wir sind mehr.« – Felix S. (27)

»Schunkel-Schlager mit nostalgischem ›Underground‹-Parfum, das der gepflegte Studienrat vorzugsweise ungestört von vorlauten Jugendlichen auf einem Gut in der Toscana zu konsumieren pflegt.« – Sven H. (45)

»Campino ist der Robert Habeck des deutschen Punks.« – Ole N. (20)

»Neben den Ärzten immer noch die ungeschicktere Wahl. So konnte musikalische Geschmacksbildung in den 90ern scheitern.« – Christopher S. (28)

»Wenn ich sehe, wie deren Frontsänger seine ›Punker-Einstellung‹ in Weichspülermanier an die Möchtegern-Linken verkauft, möchte ich meinen Billigfraß-Mageninhalt instant in den Porzellanbehälter befördern!« – Franz D. (28)

»Weil diese ausgefransten Sichelmöhren nur scheiß Musik machen.« – Dan H. (31)

»Die Toten Hosen hören sich an wie Freiwild, wenn die irgendwann mal links gewesen wären.« – Jan O. (49)

»Scheiße.« – Maximilian S. (28)

»Weil du nur einmal lebst – Die Toten Hosen auf Tour«, Regie: Cordula Kablitz-Post, BRD 2018, 106 min, 16.2.

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