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Aus: Ausgabe vom 14.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Gute Kybernetik

Fixpunkt Chile ’73: »Weitermachen Sanssouci« (Forum)
Von Peer Schmitt
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»Wie die Spielecke eines Kindergartens« (links: Sophie Reus)

Was macht die Filme von Max Linz eigentlich so angenehm? Zuvorderst natürlich, dass sie Komödien sind, die sich der dringlichsten Komödienherausforderung – um so gut wie jeden Preis eben komisch zu sein – mit beeindruckender Tapferkeit nicht entziehen. Sein neuer Film »Weitermachen Sanssouci« (Sektion Forum) ist auch wieder saukomisch geraten.

Weitermachen! ruft die Komödie der Welt zu, ihr werdet schon sehen. Unbedingt weitermachen möchte man an einem Berliner Institut für Simulationsforschung. Ein Raum mit einer imposanten Weltkugel vor einer blauen Wand zeugt davon wie die Spielecke eines Kindergartens. Eine Landschaft der permanenten Evaluation voller Opportunisten, Hochstapler, Halbschurken, intriganten Karrieristen und sonstigen grotesken Gestalten – Comedy of Manners.

Sophie Rois steht dem Institut als oberste Simulationsforscherin mit der ihr eigenen Souveränität vor und erzählt zugleich seine Geschichte als Erzählstimme aus scheinbar weiter Ferne. Obwohl diverse Katastrophen stattgefunden haben werden, hat man offenbar immer weitermachen dürfen. Wie das Klima, das ja irgendwie immer da ist.

Diese Komödie hat zwei Gegenstände. Der eine symptomatologisch: das Klima und seine Katastrophe. Der andere ist historisch/epistemologisch: die Kybernetik, wie es in den 60ern und 70ern unablässig hieß. »Weitermachen Sanssouci« könnte demnach auch »Management und Katastrophe« überschrieben sein. Heutzutage ist das Management dazu da, Schaden anzurichten und wieder zu begrenzen. Das war nicht immer so. Im Film ist der Punkt der historischen Alternative das »Project Cybersyn«, das der britische Kybernetiker Stafford Beer und sein Technikerteam für die Regierung Allende 1971–73 in Chile durchzuführen versuchten, bevor gewisse äußere Mächte entschieden, dass diese Idee vielleicht zu gut war.

Stafford Beer im Februar 1973: »In Chile widme ich mich mit größter Anstrengung der Verteilung von Macht. Die Regierung hat damit ihre Revolution gemacht, ich finde das gute Kybernetik.« (»In Chile, I know that I am making the maximum effort towards the devolution of power. The government made their revolution about it; I find it good cybernetics.«) Gute Kybernetik, das ist vielleicht so etwas wie gute Filme. Das gab es einmal, damals.

Was macht die Filme von Max Linz eigentlich so angenehm? Widerständig setzen sie ein 70er-Jahre-Filmbild gegen den, wie es an einer Stelle heißt, »digitalen Trash« von heute. Der ist der wahre Weltuntergang. Andererseits ist der Weltuntergang natürlich Symptom der Zeitalter der Angst. Von Spätmittelalter bis Barock. Immer waren da das Warten auf das Ende und die Angst. Beinahe wie heute.

Nur schienen die Bilder damals viel dringlicher. Die Kunstgeschichte zeugt davon. Der Film von Max Linz zeigt sie auch, diese alten Bilder von der Apokalypse. Noch ist nicht alles zerstört worden.

»Weitermachen Sanssouci«, Regie: Max Linz, D 2019, 80 min, 15., 17.2.