Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. Februar 2019, Nr. 46
Die junge Welt wird von 2161 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.02.2019, Seite 1 / Titel
Tarifrunde TVL 2019

Genug gekürzt

Streik der Landesbeschäftigten: Es geht nicht nur um Lohn. Probleme im öffentlichen Dienst sind grundsätzlicher Art
Von Susanne Knütter
chm_ 20190213_3768.jpg
Gute Arbeitsbedingungen kommen am Ende auch dem Nachwuchs zugute. Demonstration am Mittwoch in Berlin

Im Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst wollen die Gewerkschaften mit Warnstreiks in Sachsen, Bayern und Berlin den Druck auf die Landesregierungen erhöhen. In der Hauptstadt haben laut der Gewerkschaft GEW am Mittwoch rund 12.000 Lehrkräfte, Erzieher, Sozialpädagogen, Hochschulbeschäftigte, Feuerwehrleute, Bibliothekare und andere Angestellte des öffentlichen Dienstes die Arbeit ganztägig niedergelegt. Zudem sind Gewerkschaftsangaben zufolge rund 3.800 Lehrer aus dem Raum Zwickau und Chemnitz in den Warnstreik getreten. In Würzburg beteiligten sich nach Auskunft von Verdi rund 380 Landesbeschäftigte unter anderem in der Uniklinik am Arbeitskampf. In Berlin blieben wegen des Warnstreiks zahlreiche Kitas geschlossen, und es fielen laut GEW mindestens 20.000 Unterrichtsstunden an Schulen aus. Mit den seit Montag laufenden Aktionen wollen die Gewerkschaften in den Verhandlungen für rund eine Million Tarifbeschäftigte ihre Forderungen durchsetzen.

Am Ende der aktuellen Tarifrunde wird es eine Lohnerhöhung geben. Aber die Probleme im öffentlichen Dienst, das machten die Beschäftigten am Mittwoch auf der zentralen Demonstration in Berlin klar, sind grundlegender. Es geht darum, dass Beschäftigte für die gleiche Arbeit genauso bezahlt werden sollten. Das betrifft zum Beispiel die Vergütung von Beamten und Angestellten, wie ein Lehrer der Ernst-Litfaß-Schule sagte. Ähnliches gilt für die unterschiedliche Entlohnung von Landesangestellten und Bundesbeschäftigten, wie Sabine Krohm, Erzieherin eines Charlottenburger Kindergartens, gegenüber jW erklärte. Ein angemessenes Gehalt habe mit Wertschätzung zu tun. Und da habe sich seit 1990 nichts getan. Die Anforderungen seien gestiegen, so Krohm, aber eine Aufwertung des Berufes habe nicht stattgefunden.

Größtes Problem bleibt die hohe Arbeitsbelastung im öffentlichen Dienst allgemein und im Sozial- und Erziehungsdienst im besonderen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Seit drei bis vier Jahren werden die Fachkräfte durch Sozialassistenten ersetzt, die keine Erzieherausbildung haben, berichtete die Erzieherin einer Neuköllner Kita. Sie dürften zwar keine pädagogische Verantwortung übernehmen. »Aber von oben hört man: der Erzieher-Kind-Schlüssel stimmt.« Sabine Krohm führt die schlechten Arbeitsbedingungen auch darauf zurück, dass die privaten Kindertagesstätten bei der Kinderbetreuung eine Auswahl vornehmen dürften. Senatseigene Kindergärten dürften das nicht, was Krohm prinzipiell richtig findet. Aber dann sollten die Arbeitsbedingungen entsprechend angepasst werden.

Ein im Gefangenenwesen angestellter Polizist machte auf gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen, z. B. in Form »verkeimter Wasserleitungen« und pilzbefallener Duschräume aufmerksam. Besonderen Anstoß nahm er an der umfassenden Notbesetzung, zu der die Berliner Polizei für die Zeit der Warnstreiks verpflichtet wurde und die einem großen Teil der Angestellten die Teilnahme an den Warnstreiks verwehre.

Auch Heike Markus, Beschäftigte an einer sogenannten Brennpunktschule in Hohenschönhausen, machte im Gespräch mit jW auf grundlegende Probleme aufmerksam: »Mehr Geld und bessere Lehrer sind schön und gut. Aber warum gibt es denn ›Brennpunktschulen‹?« Sie forderte gemeinsam mit ihren Kollegen das Ende der Auslese im Bildungswesen, die Abschaffung des Numerus Clausus und eine Gemeinschaftsschule für alle.

Ähnliche:

  • Zeit für einen neuen Tarifvertrag und höhere Gehälter: Studentis...
    19.05.2018

    Kopierer standen still

    Letzte Lohnerhöhung vor 17 Jahren: Studentische Beschäftigte der Berliner Hochschulen traten für eine Woche in den Ausstand
  • »Gute Löhne durchboxen«: Beschäftigte der Berliner Volkssolidari...
    11.04.2018

    Die Lücke schließen

    Tarifrunde bei Berliner Sozialverband Volkssolidarität: Verdi will Lohnabstand zum öffentlichen Dienst verringern
  • Beschäftigte im öffentlichen Dienst kämpfen unter anderem für 5,...
    27.03.2015

    Streik im Regen

    In Berlin legen 12.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst die Arbeit nieder, darunter viele Lehrer und Erzieher. Auch solidarische Schüler sind dabei

Regio: