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Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 16 / Sport

Buenos Aires brodelt

Von André Dahlmeyer
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Leicht entflammbare Rechnungen: Protest gegen Zinserhöhungen in Buenos Aires, Januar 2019

Einen wunderschönen guten Morgen! Im chinesischen Horoskop ist 2019 das Jahr der Ratte – wie im Gründungsjahr Argentiniens. Europäische Touristen werden in Argentinien meist als »Ratas« (Ratten) bezeichnet, weil sie lange durch den Subkontinent reisen und vergleichsweise wenig ausgeben. Es gefällt den Silberländern gar nicht, dass die europäischen Ratten die Welt sehen möchten, aber nicht gewillt sind, die Preise von Dritte-Welt-Ländern zu bezahlen, die allerdings in der Regel tatsächlich deutlich höher sind als daheim. Es muss ja auch fast jeder Scheiß importiert werden.

Tausende von Milchbauern haben während der bisherigen Amtszeit von Präsident Mauricio Macri ihren Job an den Nagel gehängt. Die Trockenmilchgeschenke der Vorgängerregierung (eine dissidentische Peronistenclique), die deren Vertreter Hilfsbedürftigen im Tausch gegen Wahlstimmen untergeschoben hatten, sind immer noch auf dem Schwarzmarkt zu finden, genau wie die Abermillionen von Netbooks, die in den Schulen gratis an alle Schüler und Lehrer verteilt worden waren. Meist vertickten die Eltern der Schüler diese Elektroapparate aber sofort wieder.

Was soll ein Land wie Argentinien, in dem zwei Drittel der Bevölkerung schwarzarbeitet, auch groß anstellen können? Es ist ein reiches Land, aber es ist in der Hand von 120 Agrarfamilien, die ihren Besitzstand zu wahren wissen. Sie horten ihre verfluchten genmanipulierten Körner in den Silos, bis ihnen der Weltmarkt Nebelhornsignale in den Allerwertesten bläst. Niemand möchte in so einem Land leben. Zu allem Übel frisst der Teutone dem Silberländer das gute argentinische Rindfleisch weg. Ja, es ist nicht der Syrer oder Albaner, der unsere Rinder reißt, es ist der Deutsche. Deutsch-argentinische Freundschaft? Das war mal. Damals, 1976–1983, als die Mädchen uniformgeil und die Jungs bismarckgeil waren.

Heute schwimmen keine Leichen mehr im Wasser, sondern Kühe mit dem Bauch nach oben, hauptsächlich im Litoral, wegen der fiesen Überschwemmungen, während in der nördlichen Andenregion Patagoniens Waldbrände wüten, im Nordwesten, in Salta, hingegen Schlammlawinen, die in den letzten Jahren immer schwerer in Mode gekommen sind. Man kann es keinem recht machen, außer den Teutonen, die greifen immerhin ab, was in den Schlachthöfen übrigbleibt.

Buenos Aires brodelt. 2.500 Geschäfte haben allein im Januar geschlossen. Hunderttausend Otto Normalverbraucher sind ohne Strom, obwohl die Tarife explodiert sind. Argentinien macht müde, denkt der Argentinier, derweil die Gewalt immer näher rückt. Von der häuslichen nicht zu schweigen: 28 Femizide gab es bisher allein in diesem Jahr. Aber die jüngeren argentinischen Frauen sagen ihren Erzeugerinnen längst: »Mama, wenn du Oma werden willst, kauf dir ’n Hund!«

Copa-Libertadores-Gewinner River Plate kickte am Sonntag im Monumental auf einem knüppelharten Boden gegen Tabellenführer Racing Club. Die beiden Trainer, Marcelo Gallardo (River) und Eduardo Coudet (Racing) wurden 2004 zusammen mit River Plate argentinischer Meister. Racing war chancenlos und verlor nach zwei Treffern des Kolumbianers Juanfer Quintero mit 0:2. Seit acht Spielen war die »Académia« ungeschlagen. Der einzige ernsthafte Verfolger, Defensa y Justicia, gewann am Montag mit einem Last-Minute-Tor gegen die Argentinos Juniors mit 2:1 und zog nach Punkten gleich. Am letzten Spieltag treffen sich beide im Cilindro von Avellaneda, dem Stadion von Racing. Die Tordifferenz entscheidet in Argentinien keine Meisterschaften. Bei Punktgleichheit gibt es ein Finale.

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