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Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Liebe

Von Ronald Weber
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Liebe ist … nicht zuletzt ein gutes Geschäft – mehr als 40 Euro geben die Deutschen im Schnitt für ein Valentinstagsgeschenk aus (britische Valentinskarte aus dem Jahr 1876)

»Ich bin schon krank vor Liebe, / meine süße Valentine«, schrieb Herzog Karl von Orléans zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Die nach heutigem Verständnis leicht kalauernden Zeilen des Nachfahren der Troubadours stehen nicht nur am Beginn der uns heute wohlbekannten Tradition des Valentinstags, sie verweisen auch auf eine spezifische Eigenschaft der Liebe. So kann sich die menschliche Fähigkeit, eine intensive Gefühlsbeziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen, nicht allein positiv, sondern auch schmerzhaft und enttäuschend realisieren. Der Liebeskummer gehört zur Liebe notwendig dazu; Lieben ist als menschliche Praxis identitätsbildend wie identitätszerstörend.

Es zählt darüber hinaus, auch das zeigt das Gedicht, zur patriarchalen Tradition, dass die Frau das untätige Objekt der Liebe ist. Das änderte sich mit dem Aufstieg des Bürgertums zur herrschenden Klasse. Im Rahmen der Liebesehe konnte auch die Frau zum Subjekt werden. An ihrer Unterdrückung änderte das freilich wenig. Da die Ehefrau als wirtschaftlich Abhängige in einer dienenden Rolle verharrte, wirkte sie fortan, die eigene Unterwerfung als Liebe verklärend, aktiv an der Einrichtung dessen mit, was die russische Feministin Alexandra Kollontai als »Liebesgefängnis« bezeichnet hat. So wurde die romantische Liebe zum Mittel bürgerlicher Ideologie, das seine Wirkung auch in Zeiten der Singlegesellschaft nicht verloren hat.

Dessenungeachtet besitzt die Liebe das Potential, »das Bewusstsein seiner selbst aufzugeben, sich in einem anderen Selbst zu vergessen, doch in diesem Vergehen und Vergessen sich erst selber zu haben und zu besitzen«, wie Hegel bemerkte. So entspringt ihr die Motivation für den Entwurf eines besseren Selbst und einer wahrhaften Anerkennung des anderen. Sie ist in diesem Sinne niemals statisch, sondern ein wechselseitiger Prozess. Marx verstand sie daher als eine Art Arbeit. Brecht formulierte daran anknüpfend: »Schon von außen erscheinen Liebende wie Produzierende, und zwar solche einer höheren Ordnung.« Als Vorschein potentieller Gleichheit besitzt die Liebe einen über das Bestehende hinausweisenden Charakter, steht sie doch in scharfem Widerspruch zum Konkurrenz- und Eigennutzdenken des Kapitalismus. Wahre Liebe, will das heißen, ist erst im Kommunismus zu haben.

Platon unterschied zwischen der körperlich-sinnlichen Liebe (eros), einer auf Sorge ausgerichteten Zuneigung (philia), die sowohl Freundschaft als auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern umfasst, sowie der Liebe zu einem Höchsten (agape), also zu Gott bzw. in säkularisierter Form zu etwas Allgemeinem, der Menschheit etwa oder der Wahrheit. Hinzufügen lässt sich die Selbstliebe, die schon Aristoteles als Grundbedingung jeder Liebestätigkeit ansah.

Bis in die Gegenwart hält sich die auf die Antike zurückgehende und dann vom Christentum überformte Trennung in körperliche und geistige Liebe, in der sich stets auch eine Verachtung gegenüber dem niederen Volk ausdrückt. Noch Kant stellte fest: »Das Brünstigsein hat mit der moralischen Liebe eigentlich nichts gemein« und ordnete die »Geschlechtsneigung« der »Erhaltung der Art« zu. Daran schließen sich die nach wie vor verbreiteten Vorurteile gegenüber Homosexuellen ebenso an wie die noch immer vorherrschende Festschreibung des Liebesverhältnisses auf dauerhafte, treuebasierte Zweierbeziehungen.

Von den hehren Empfindungen der Liebe, von denen die Dichter bis heute singen, bleibt aus naturwissenschaftlicher Sicht wenig übrig. Liebe ist danach keine Herzens-, sondern eine Hirnangelegenheit, allerdings eine verdammt irrationale: Verliebte stehen unter starkem Einfluss von Dopamin, während zugleich diejenigen Hirnareale, die für vernünftige Entscheidungen zuständig sind, ihre Tätigkeit einschränken. Forscher vergleichen die Liebe daher mit Erscheinungen wie Sucht oder Obsession. Der Kaufrausch, in den nicht wenige vor dem 14. Februar verfallen, um ihre Liebsten zu beschenken, hat damit allerdings nichts zu tun.