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Aus: Ausgabe vom 13.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Die Perspektive der Aasgeier

Perlen wie Suff, Elend, Tod und Misogynie: Fatih Akins »Der Goldene Handschuh« im Wettbewerb
Von Peer Schmitt
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Da sollte es was geben, Kinder! (Jonas Dassler als Honka)

»Was ist das nur für ein kaputtes, krankes, verwüstetes Leben, denkt er. Ihn packt das blanke Entsetzen, und das will schon was heißen.« Fatih Akin hat für seinen gleichnamigen Wettbewerbsbeitrag Heinz Strunks »Der Goldene Handschuh« verfilmt. Da sollte es was geben, Kinder! Ich überflog den Roman in einer halben Nacht, um halbwegs sicherzugehen, dass ich – es ist der Zustand des Abscheus, der einen dazu verführt, als »Ich« zu schreiben – keine völlige Scheiße schreibe, so sehr hatte der Film mich angewidert.

Detailglücklich kalkuliert kommt das alles daher. »Wir sind uns freundschaftlich gewogen«, so Strunz über Akin auf der Pressekonferenz. In bestimmten Kreisen scheinen die Figur des Frauenmörders Fritz Honka (1934–1998) genauso wie die titelgebende Absturzkneipe, in der er seine Opfer fand, zu einer affirmativen Hamburger Heimatfolklore der frühen 70er stilisiert zu werden. Die Popkultur- und »True Crime«-Aasgeier laben sich am Verendenden und Verwesenden und steigen danach als Könige in die Lüfte. So läuft’s.

Strunks leicht müllige, latent parodistische Prosa – »Arztromanträume«, steht an einer Stelle – mag in diesen kaputten (kranken, verwüsteten) Zeiten beinahe schon als preiswerte Literatur durchgehen. Seine Protagonisten vergessen selten, daran zu »denken«, wie kaputt sie sind, während sie das Kaputte treiben: »Seine Phantasien werden immer abartiger«. Die »Kultur« erwischt sie dann gleichsam zwischen den Zeilen, etwa, wenn der Vertreter einer hanseatisch-aristokratischen Reeder-Familie in seiner Gedanken Lauf unter der Hand passenderweise zu Friedrich Nietzsche wird: »Nur oberflächliche Menschen suchen ständig und überall und zwanghaft in der Tiefe (…) An der Oberfläche gibt’s genug zu sehen, und vor allem Schönes, Klares, Helles. Ist doch ganz klar: unten Dunkel, Modder, Muff, oben das Gegenteil.«

Die Aasgeier hingegen sind – wie die aristokratischen alten Griechen – »oberflächlich aus Tiefe« (aber halten immer den Blick auf die Beute). Die Romangeschichte, wie Mitglieder der niedergehenden Reeder-Familie im Goldenen Handschuh mit ihrem komplementären Gegenbild – die kranken, halbtoten, perversen Underclass-Monster – einen gewaltigen Showdown von Suff, Elend, Tod und Misogynie zelebrieren, lässt Akins ansonsten ziemlich detailgetreue Verfilmung völlig weg. Sie hat einen anderen Showdown im Auge.

Honka (Jonas Dassler) macht sich in seiner verwahrlosten Wohnung zwischen Pin-up-Postern und Schnapsflaschen an einer Frauenleiche zu schaffen, scheint sie, mit einer Plastiktüte bewaffnet, besteigen zu wollen, entscheidet sich dann für die Säge. Nachdem er die Säge ein erstes Mal angesetzt hat, kotzt er ausgiebig. Er stärkt sich mit einem ordentlichen Schluck Fako (Fanta-Korn), bevor er sich ein zweites Mal an die Arbeit macht. Mittlerweile ist der Kopf der Frauenleiche außerhalb des Bildausschnitts. Es dominiert der Sound des (nicht sichtbaren) Knochensägens, während nebenbei Honkas (auch im Roman ausgiebig zitierter) Lieblingsschlager »Es geht eine Träne auf Reisen« auf dem Plattenteller liegt.

In der Farce der Pressekonferenz war vom Schlager nicht mehr – 70er-Jahre-mäßig kulturkritisch – als Soundtrack des Horrors die Rede, sondern nostalgisch von »Perlen« (die Perspektive der Aasgeier), die natürlich hervorragend zur liebevoll rekons­truierenden 70er-Jahre-Ausstattung des Films passen. Es ist ein Kostümfilm, in der Tat.

In der zweiten Sequenz steigen Schulmädchen die Treppe eines Gymnasiums herab. Gefilmt wie in den Zeiten der Schulmädchen-Reporte. Eine von ihnen ist eine Epiphanie für u. a. den Quasimodo-mäßig entstellten Honka: blond, traumhaft, lasziv, verklärt, in Zeitlupe. Die Erscheinung der Petra Schulz (Greta Sophie Schmidt). In Strunz-Prosa: »eine raffinierte Mischung aus Aristokratentochter und Vorstadtschlampe. Kullerrunde Kinderaugen in einem ordinären Backpfeifengesicht, teuer und billig, verdorben und unschuldig zugleich.« Die Aasgeier-Perspektive im Kern, oben und unten zugleich, die komplementären Gegensätze und das alles. Und natürlich die nie hinterfragte, selbstverständlich ironische Misogynie.

Die Epiphanie der Petra wächst sich im Film aus. In einer von Honkas Suff-Fick-Mord-Phantasien sieht er sie als laszive Fleischmamsell im weißen Kittel Gulasch hacken. Ihr gehört auch die Schlusseinstellung, in der die Frauenleichen in Honkas Wohnung eher zufällig entdeckt werden und die Pe­tra-Erscheinung sich, entrückt ihr Fahrrad schiebend, langsam in Kamerarichtung von der Szenerie wegbewegt.

Das ist es, was uns Akin auf den Weg gibt: Die filmische Phantasie eines Schulmädchen-Reports ins brutal Perverse gekippt. Im Nachhall einer von Krieg und Nachkriegszeit, als Täter und Opfer zerstörten Generation: Einer der Stammgäste des Handschuh ist ein ehemaliger Waffen-SS-Mann und Fremdenlegionär, Honka war Sohn eines KZ-Häftlings (einer der Gründe für seine erschreckend brutalisierte Kindheit), eines seiner Opfer ist eine im KZ zur Prostitution gezwungene Frau. Und das alles gleichsam als Splatter-Version eines Schulmädchen-Reports.

So hat die Kosslick-Ära mit »Der Goldene Handschuh« doch noch ihren adäquaten Abschlussfilm bekommen. Es muss eine Ära der obszönen Dummheit gewesen sein, denkt man.

»Der Goldene Handschuh«, Regie: Fatih Akin, BRD/Frankreich 2019, 110 min

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