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Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Filmfestival

Armutsgarant Kino

Bundesweiter Protest von Beschäftigten bei Berlinale. Arbeitsniederlegungen bei Cinemaxx geplant
Von Susanne Knütter
Von der Arbeit im Kino kann kaum jemand mehr leben: Hier protest
Von der Arbeit im Kino kann kaum jemand mehr leben: Hier protestieren Vorführer und anderes Personal während der Berlinale 2019

Ein Austragungsort der Berlinale sind auch 2019 die Kinosäle der Kette Cinemaxx, mit der die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) derzeit Tarifverhandlungen führt. Der britische Kinokonzern Vue Entertainment, zu dem Cinemaxx gehört, plant, in diesem Jahr für mindestens 130 Millionen Euro alle 55 Kinos von Cinestar zu übernehmen. Mit 84 Spielstätten wäre Cinemaxx damit der größte Kinobetreiber in Deutschland. Aber nach zwei Tarifverhandlungen verweigere das Unternehmen noch immer »ordentliche Gehaltserhöhungen«, erklärte die Gewerkschaft am Freitag. Deshalb wurde am vergangenen Sonnabend bereits bei Cinemaxx in Offenbach und Hamburg gestreikt. Arbeitsniederlegungen sind auch am Berlinale-Austragungsort geplant. Verdi zufolge halte Cinemaxx bereits Streikbrecher bereit. Ein solches Vorgehen, sagte Verdi-Sekretär Jörg Reichel am Montag im Gespräch mit jW, sei in der Kinobranche gewohnte Praxis. Die Gewerkschaft geht davon aus, dass dies auch in Kenntnis oder mit Duldung der Berlinale-Festspielleitung organisiert werde.

Aus diesem Anlass versammelten sich zum Auftakt des Festivals am vergangenen Freitag etwa 150 Beschäftigte vor dem Kino am Potsdamer Platz. Eingefunden hatten sich Angestellte von Cinemaxx und Cinestar zum Beispiel aus Siegen, Saarbrücken, Hamburg, Bremen, Kiel, Dortmund, Düsseldorf und Hagen. Aus Berlin waren 18 Häuser vertreten, darunter auch Beschäftigte der Kinokette Yorck, erklärte der Cinemaxx-Beschäftigte Florian André Unterbürger vor Ort gegenüber jW. Bei ihr stehen Ende Februar Tarifverhandlungen an.

Die Arbeit werde in der Regel zu etwa 90 Prozent von Teilzeitkräften und zu zehn Prozent von Vollzeitkräften erbracht. Seit 2015 gilt in allen Kinos der Mindestlohn. Jeder zusätzliche Cent musste in der Vergangenheit mit Warnstreiks durchgesetzt werden, so eine Cinemaxx-Angestellte aus Dortmund am Freitag gegenüber jW. Ein Vollzeitbeschäftigter erhalte ein monatliches Bruttoeinkommen von durchschnittlich 1.600 Euro für eine 39-Stunden-Woche. Das entspricht einem Stundenentgelt von ca. 9,47 Euro. Für Vollzeitkräfte bedeute das niedrige Lohnniveau die Altersarmut, meinte Unterbürger. Studentische Nebenjobber könnten ihre Mieten nicht bezahlen.

Auch am Personal werde gespart, berichtete eine Cinemaxx-Angestellte aus Norddeutschland zu jW am Freitag. Die Arbeit, die früher zwei bis drei Personen verrichtet hätten, müsse nun ein einzelner stemmen. Das merke man unter anderem an den langen Schlangen vor den Kinokassen.

Der Umsatz an der Kinokasse sei laut Verdi im Jahr 2018 gegenüber 2007 um 2,49 Milliarden Euro gesteigert worden. Verantwortlich dafür seien u. a. die um 40 Prozent gestiegenen Eintrittspreise. Aber die Kinobetreiber würden weiterhin die Verantwortung für niedrige Löhne zurückweisen. Verdi-Sekretär Reichel machte diesbezüglich darauf aufmerksam, dass die kanadischen Pensionsfonds Omers Private Equity und Alberta Investment Management, zu denen Vue Entertainment gehört, nicht in Cinemaxx investierten, wenn sie sich davon kein Geschäft versprechen würden. Auch zwischen den niedrigen Löhnen und der Expansion des Unternehmens sieht er einen Zusammenhang.

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