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Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 5 / Inland
Staatliche Fürsorge

Vergessene Kinder

Aktionswoche zur Unterstützung von Kindern aus Suchtfamilien gestartet. Bundesregierung glänzt bisher durch Untätigkeit
Von Ralf Wurzbacher
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Unterrichtsmaterial, das helfen soll, Grundschüler über Kindesmisshandlung aufzuklären (Hannover, 13.1.2014)

Unter Suchterkrankungen der Eltern leiden am meisten die Kinder. Sie schämen sich für ihre Lage, wahren nach außen den Schein einer intakten Familie und müssen vieles regeln, was Vater oder Mutter nicht schaffen. Und bei all dem lässt sie die Politik bisher auch noch komplett allein. Immerhin das könnte sich ändern: Durch einen Bundestagsbeschluss sowie die Aufnahme in den Koalitionsvertrag steht das Thema inzwischen auf der Agenda der Bundesregierung. Konkret passiert ist jedoch noch nichts. Um den Druck zu erhöhen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, haben diverse Verbände zum zehnten Mal in Folge eine Aktionswoche auf die Beine gestellt, die am vergangenen Sonntag begann und bis Samstag gehen wird.

Unter dem Motto »Vergessenen Kindern eine Stimme geben« werden in den nächsten Tagen bundesweit mehr als 120 Veranstaltungen in über 60 Städten stattfinden, viele davon als Weiterbildungsangebote für Fachkräfte. Entsprechende Aktivitäten laufen auch in den USA, Großbritannien und in der Schweiz. Ausrichter sind die Vereine »Kunst gegen Sucht«, »Such(t)- und Wendepunkt« sowie »NACOA Deutschland – Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien«. COAs steht für Children of Addicts und bezeichnet solche Heranwachsenden, die mit alkoholkranken oder von illegalen Drogen abhängigen Eltern unter einem Dach wohnen. Nach offiziellen Schätzungen trifft dies hierzulande auf über drei Millionen unter 18jährige zu, womit jedes sechste Kind aus einem Suchthaushalt kommt.

»Sie leiden extrem – nicht nur unter der Krankheit in der Familie, sondern vor allem auch unter der Stigmatisierung und Tabuisierung«, erklärte am Montag Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes, vor Pressevertretern in Berlin. Aus Scham oder Angst vor Konsequenzen suchten sich die Kinder oft keine Hilfe und würden statt dessen Rollen übernehmen, »die weder ihrem Entwicklungsstand noch ihren Kräften entsprechen«. Für den im Paritätischen Wohlfahrtsverband organisierten ­NACOA-Verein ergänzte Henning Mielke: »Nur eine winzige Zahl von Kindern hat heute in Deutschland das Glück, ein spezialisiertes Hilfsangebot nutzen zu können«. Umso wichtiger sei es, »dass in jeder Kita und jeder Schule die dort tätigen Menschen in der Lage sind, diese Kinder zu erkennen, zu verstehen und zu unterstützen, damit sie nicht die Süchtigen und psychisch Kranken von morgen werden«.

Das allerdings geschieht leider in den meisten Fällen. Nach Angaben des Verbands verfallen über 60 Prozent der in Suchthaushalten Aufgewachsenen später entweder selbst einer Sucht und/oder entwickeln psychische oder soziale Störungen. Häufig gingen sie dabei auch Beziehungen mit Lebenspartnern ein, die selbst abhängig sind. Dadurch wird ein Ausbrechen aus dem Teufelskreis noch schwerer. Gerade einmal ein Drittel gehe »mehr oder weniger unbeschadet« durchs Leben. Die Sucht ihrer Eltern kostet vielen schon in jungen Jahren die eigene Gesundheit. Nach dem aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK-Krankenkasse liegen die Ausgaben für Kinder aus Suchtfamilien 32 Prozent über dem Schnitt der Gleichaltrigen.

»Vergessene Kinder« wären die Betroffenen gleich »in doppeltem Sinne«, erläuterte Mielke gestern im Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB). Eine Kindheit im Schatten elterlicher Sucht sei gekennzeichnet von ständiger Angst, Unsicherheit und einem Mangel an Zuwendung und Geborgenheit. Nicht selten wären Gewalt, Vernachlässigung und Missbrauch im Spiel. Dazu komme noch das »Vergessen« des Gesetzgebers, der sich der Problematik »bisher so gut wie überhaupt nicht« angenommen hat. »Die Kinder haben bis heute keinen gesetzlichen Anspruch auf Unterstützung und Hilfe.«

Nach einem 2017 gefällten Beschluss des Bundestags soll sich das zwar ändern. Derzeit arbeitet eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe entsprechende Vorschläge für die Bundesregierung aus. Auf Ergebnisse wartet man bis dato aber vergebens. Das Parlament trug der Koalition außerdem auf, Sucht und psychische Erkrankungen mit Aufklärungskampagnen zu entstigmatisieren und das Thema in die Aus- und Weiterbildung von Erziehern, Lehrern, Ärzten und Psychotherapeuten aufzunehmen. Auch das sei »bislang nicht ansatzweise umgesetzt«, beklagte Rosenbrock. Er forderte die Bundesregierung auf, die vom Parlament beschlossenen Schritte in diesem Jahr zu starten und die dafür notwendigen finanziellen Mittel in angemessenem Umfang im Bundeshaushalt 2020 bereitzustellen.