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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Aufsätze zur Revolutionsgeschichte

Neues vom Junkerstaat

SPD, Gewalt, Spartakus: Die Probleme der deutschen Revolution sind nicht ausdiskutiert
Von Leo Schwarz
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Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD, r.) schreitet die Front angetretener Soldaten ab (undatiert)

Der Stapel neuer Bücher zur Revolution von 1918/19 besteht, das zeigt bereits eine flüchtige Sichtung, vor allem aus Saisonliteratur, die sich daran abarbeitet, die Revolution in irgendein Modell nützlicher Geschichte zu pressen. Beiträge auf Quellenbasis, die neue Erkenntnisse oder Deutungen bieten, sind selten. Woher, mag man einwenden, sollen sie auch kommen: Zu dem Thema wird seit beinahe drei Jahrzehnten nicht mehr systematisch geforscht. Dass so etwas trotzdem geht, beweist der VSA-Verlag mit dem schmalen Bändchen »Vom ›Kriegssozialismus‹ zur Novemberrevolution«. Das enthält drei Aufsätze von Historikern, die den Gegenstand nicht erst im Jubiläumsjahr 2018 entdeckt haben.

Heiner Karuscheit versucht in seinem Beitrag, die Politik der SPD-Führung in den Revolutionsmonaten zu erklären. Wichtig sei das, weil die Partei sowohl für die »Zerschlagung der Revolutionsbewegung« als auch die »ausbleibende Fundierung des Weimarer Staats« verantwortlich sei. Diese kritische Bewertung ist nicht neu und wurde in den 1960er und 1970er Jahren auch von sozialdemokratischen Historikern geteilt. Karuscheit will sie all erdings anders begründet wissen »als bisher üblich«. Es sei falsch, der vermeintlich »verbürgerlichten« SPD-Führung vorzuwerfen, sie habe in den Revolutionsmonaten eine reformistische, bürgerlich-demokratische Staatskonzeption etwa im Sinne Eduard Bernsteins favorisiert. Es sei noch viel schlimmer: Die Parteiführung habe einem »preußisch-obrigkeitlichen« Staatsverständnis angehangen und deshalb nicht nur sozialistische Forderungen blockiert, sondern sogar die »Kernforderungen einer bürgerlichen Revolution« abgewehrt: eine Landreform etwa oder die Entmachtung des ostelbischen Militäradels. Die »alte Ordnung« sei 1918/19 so ziemlich komplett gerettet worden.

War die Republik von Weimar also nicht mal ein richtiger bürgerlicher Staat? Karuscheit spricht von einem »im Gewand der Republik weiter existierenden Junkerstaat«. Deshalb sei auch die »Sozialismusstrategie« der KPD fehlerhaft gewesen: Auf der Tagesordnung habe die Vollendung der bürgerlich-demokratischen Revolution gestanden. Der »marxistischen Geschichtsschreibung« insbesondere in der DDR wirft Karuscheit vor, die »andauernde Vormachtstellung des preußischen Junkertums« negiert und bereits in das Kaiserreich eine »bürgerliche Herrschaft« hineingedeutet zu haben, um so die Notwendigkeit des Übergangs zum Sozialismus begründen zu können – ein erstaunlich krasses Fehlurteil, denn gerade das hat die DDR-Geschichtswissenschaft nicht gemacht. Sie hat immer bestritten, dass die Bourgeoisie nach 1871 einen »entscheidenden Anteil an der Machtausübung« erhalten hat. Es waren marxistische Einzelgänger wie Geoff Eley und David Blackbourn, die das Gegenteil behauptet haben.

Klaus Wernecke setzt sich mit der 2017 in deutscher Übersetzung erschienenen Arbeit von Mark Jones über die Gewaltgeschichte der Revolution auseinander. Völlig richtig attestiert er dem irischen Historiker, dass dessen vereinzelt auch von linken Autoren ungeprüft akzeptierte kritische Attitüde eine »reaktionäre Delle« aufweise. Es sei eine Verzerrung zu behaupten, dass 1918/19 aufgrund von furchteinflößenden Gerüchten schließlich jeder auf jeden geschossen habe: »Dass es überwiegend die bewaffnete Macht der alten Herrschaft im Bündnis mit der neuen war, die hier in der Hauptsache zielgerichtet schoss, wird durch eine flache Mentalitätsgeschichtsschreibung entsorgt.«

Seit einigen Jahren spricht sich herum, dass der Spartakusbund mit dem »Spartakusaufstand« vergleichsweise wenig zu tun hatte und es sich dabei vor allem nicht um einen geplanten, putschartigen »Aufstand« handelte. Bernhard Sauer hat mit seinem Aufsatz über »Legende und Wirklichkeit« des »Spartakusaufstandes« nochmals detailreich Argumente geliefert. Im Januar 1919 habe sich eine spontane Massenbewegung gegen die rechtssozialdemokratische Regierung gerichtet; die Demonstrationen in den Januartagen seien die größten gewesen, die »Berlin je erlebt hat«. Die »abenteuerliche« Forderung »Sturz der Regierung« sei am 5. Januar 1919 »aus der Situation heraus« aufgestellt worden.

Heiner Karuscheit/Bernhard Sauer/Klaus Wernecke: Vom »Kriegssozialismus« zur Novemberrevolution. SPD und »Junkerstaat«. »Spartakusaufstand«. Gewalt von oben, Gewalt von unten. VSA, Hamburg 2018, 148 Seiten, 12,80 Euro

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