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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Kritische Revolutionsforschung

Verbannte Perspektive

Sammelband mit Beiträgen marxistischer Historiker zur Revolution von 1918/19 erschienen
Von Nina Hager
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Demolierter Eingang zum Stadtschloss in Potsdam

Fast unüberschaubar ist mittlerweile die Zahl der Veröffentlichungen zum 100. Jahrestag der Novemberrevolution. Dabei zeigt sich erneut, wie gegensätzlich bis heute die Deutungen der Ereignisse sind. Der sozialdemokratische Historiker Heinrich August Winkler hatte 2004 in seinem Buch »Griff nach der Deutungsmacht« erklärt: »Wer über historische Deutungsmacht verfügt, übt mittelbar auch politischen Einfluss aus.« Auch Verschweigen gehört – wenn es nutzt – dazu.

Im vorliegenden Sammelband »Novemberrevolution 1918/19. Ereignis, Deutung, Bedeutung« betonen die Herausgeber eingangs, dass das Jubiläum genutzt werde, um die Geschichte der Novemberrevolution im Sinne der Herrschenden »umzuschreiben oder die damaligen Revolutionäre zu diffamieren« – auch um den Blick auf eine reale historische Alternative zum Kapitalismus zu verstellen. In den Beiträgen beschäftigen sich marxistische Historiker deshalb nicht nur mit den Ereignissen in den Revolutionsmonaten sowie mit deren Folgen, sondern setzten sich eben auch mit »Deutungen« auseinander.

Im einleitenden Text »Der Platz der Revolution 1918/19 in der deutschen Geschichte und im Geschichtsbild der Deutschen« schreibt zum Beispiel Gerhard Engel: »Nach jeder Revolution tobt der Kampf derer, die sich gegenübergestanden hatten, unvermindert weiter, nun eben auf dem Gebiet der Deutung des Geschehens. Das gilt besonders für die deutsche Revolution 1918, die ein herausragender Teil jener revolutionären Welle war, die im Gefolge der russischen Revolution 1917 große Teile Europas erfasste.« Ludwig Elm (»Die Novemberrevolution im Urteil bürgerlicher und sozialdemokratischer Politik- und Geschichtswissenschaftler«) untersucht frühe Positionen zur Revolution von 1918/1919 und die dabei zunächst – mehrheitlich – »historisch und geschichtsideologisch rechtfertigende Bewertung der gesellschaftspolitisch gegenrevolutionären und restaurativen Koalitionen und ihrer Politik«. Auf die Sicht der Kommunistinnen und Kommunisten bzw. der marxistischen Geschichtsschreibung gehen Ralf Riedl (»Die Novemberrevolution im Spiegel der marxistischen Historiografie der DDR«), aber in ihren breiter angelegten Beiträgen auch Heinz Karl (»Die Gründung der KPD und ihre Wirkung«) sowie Raimund Ernst (»Die deutsche Revolution von 1918/19. Revolutionäres Erbe und Strategieentwicklung in der Politik der KPD«) ein. Riedl beschäftigt sich zwar auch kurz mit der Einschätzung der Revolution durch die KPD in den 1920er Jahren sowie mit dem Wandel in der Bewertung nach dem Erscheinen des »Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KPDSU« (1938), untersucht aber vorrangig die Geschichtsdebatten in der DDR bis Ende der 50er Jahre.

Gerhard Engel beschränkt sich in seinem Beitrag nicht auf eine Deutungsgeschichte, sondern geht vor allem auf die Rolle der Räte in der Revolution ein. Gerrit Brünings Beitrag »Novemberrevolution und Räterepublik in Bremen« sowie Kurt Baumanns »Erziehung der Arbeiterjugend zum Klassenbewusstsein. Die Hamburger Arbeiterjugendbewegung in Weltkrieg und Novemberrevolution« sind konkreten historischen Ereignissen gewidmet. In den Band wurde auch ein – bereits 2008 veröffentlichter – Artikel des 2018 verstorbenen österreichischen marxistischen Historikers Hans Hautmann aufgenommen, der sich mit der Revolution in Österreich und insbesondere mit dem Vorgehen der österreichischen Sozialdemokratie beschäftigt.

Sehr lesenswert ist auch Rainer Zilkenats »Konterrevolution und ›Antibolschewismus‹. Eduard Stadtler und das konterrevolutionäre Netzwerk 1918/19«. Eingangs geht es dabei um die wirtschaftlichen sowie politischen Interessen des Monopolkapitals und die 1918/19 durchaus unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie zunächst die Revolution verhindert und – nach dem 9. November – niedergeschlagen bzw. abgewürgt werden kann.

Der Sammelband vereint Beiträge älterer und junger marxistischer Historiker. Das zeugt davon, dass, auch wenn marxistische Wissenschaft aus den Lehranstalten des Landes weitgehend verbannt ist, marxistisches Denken nicht verhindert werden kann. Weniger erfreulich ist es, dass kein einziger Beitrag von einer Historikerin stammt. Störend wirkt, dass Fußnoten manchmal eine viertel Seite und noch mehr einnehmen. Weniger wäre hier besser gewesen.

Marx-Engels-Stiftung/Gerrit Brüning/Kurt Baumann (Hrsg.): Novemberrevolution 1918/19. Ereignis, Deutung, Bedeutung. Neue-Impulse-Verlag, Essen 2018, 296 Seiten, 19,80 Euro

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