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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Unlösbarer Konflikt

Mischa Hedingers Dokumentation »African Mirror« zeigt die Widersprüche des kolonialen Blicks
Von Kai Köhler
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Filmemacher René Gardi bei der Herstellung afrikanischer Ursprünglichkeit

Eine Dokumentation informiert über ihren Gegenstand, aber auch über den Dokumentaristen, dessen Blick sie zeigt. Wenn der Schweizer Reiseschriftsteller, Fotograf und Filmemacher René Gardi nun unter dem Titel »African Mirror« vorgestellt wird, so heißt dies, dass Gardi dieses Spannungsverhältnis von Innen und Außen verfehlt habe: Im Spiegel sieht man immer nur sich selbst.

Gardi prägte das westeuropäische Afrika-Bild in den 50er und 60er Jahren. Seinem Publikum präsentierte er das angeblich ganz Fremde: nackte, glückliche »Wilde«, die – und hier kommt ein erster Konflikt hinein – mit ein klein wenig mild-verständnisvoller Missionierung schon bald eine gewisse Kulturhöhe erreichen könnten.

Glücklich bleiben oder glücklich werden – Mischa Hedinger verzichtet in seinem Dokumentarfilm auf Erklärungen, statt dessen montiert er alte Bilder und Auszüge aus Gardis Aufzeichnungen derart, dass die Widersprüche des kolonialen Blicks deutlich werden. Auf den ersten Reisen entdeckte Gardi im Bergland im Norden Kameruns etwas, was er für ein Paradies hielt und am liebsten einzäunen wollte – ein gutes Jahrzehnt später klagte er über Touristen, die auf organisierten Reisen mit seinen Fotobänden in der Hand die »Wilden« besichtigten.

Aber sie brachten Geld; und Geld brauchten die Kameruner, um die Steuern der französischen Kolonialmacht zu bezahlen. Schon dieser Zwang, auf dem Markt zu verkaufen, musste die alte Subsistenzwirtschaft zerstören. Ganz naiv berichtete Gardi, wie er den Kolonialbeamten beim Kassieren der Steuern half und die ihn zum Dank mit ihren Autos zu einem besonders abgelegenen Stamm fuhren. Ein paar Jahre später hatten die letzten nackten Einwohner des Paradieses nach ein paar Probeaufnahmen keine Lust mehr, für Gardis Kamera ihr Leben nachzuspielen. Er musste ein paar Schwarze aus der Stadt kommen lassen, die sich für Geld der inzwischen gewohnten Kleidung entledigten und »Ursprünglichkeit« darstellten.

Bei Gardi geraten verschiedene europäische Ideologien vom »guten Wilden« und von kultureller Entwicklung in einen unlösbaren Konflikt. Afrika erscheint damit wirklich nur als Spiegel. Hedingers Montage regt zu der Frage an, die sich Gardi nie gestellt hat: was eigentlich die Afrikaner über ihn dachten und wie sie die Arbeit bei ihm genutzt haben, um sich in der Moderne zu etablieren.

»African Mirror«, Regie: Mischa Hedinger, Deutschland/Schweiz/Frankreich 2019, 84 Min., 12., 15.2.

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