Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben

Drakonische Gesetze

Von Mumia Abu-Jamal
Locked_Up_For_Life_T_60053210.jpg
Cyntoia Brown im November 2012 während einer Anhörung in Nashville im US-Bundesstaat Tennessee

Ihr Name ist Cyntoia Brown, und sie hat die Hälfte ihres Lebens im Gefängnis verbracht. Warum? Weil sie als 16jährige Jugendliche einen Mann erschossen hatte. Warum begeht ein so junger Mensch eine solche Tat? Weil der Mann, den sie tötete, ein Freier war, und ihr Zuhälter sie wie einen Laib Brot an ihn verkaufte, nachdem er sie selbst vergewaltigt und unter Todesdrohungen gezwungen hatte, für ihn anschaffen zu gehen.

Als der Freier, ein 43jähriger Immobilienmakler, sich nach Cyntoias Worten »seltsam verhielt« und sie befürchtete, er wolle sie umbringen, fasste sie ihren ganzen Mut zusammen und erschoss ihn mit einer seiner eigenen Waffen. Das geschah 2004. Sie wurde verhaftet und im Alter von 16 Jahren aufgrund einer Entscheidung der Jury nicht nach Jugendstrafrecht, sondern als Erwachsene zu sechzig Jahren Gefängnis verurteilt. Fast fünfzehn Jahre dieser faktisch lebenslänglichen Strafe hat sie inzwischen im Frauengefängnis von Nashville im US-Bundesstaat Tennessee verbüßt. Regulär hätte sie erst nach 51 Jahren hinter Gittern, also im Alter von 67 Jahren, das Recht gehabt, vorzeitig auf Bewährung entlassen zu werden.

Der Filmemacher Daniel Birman hat Cyntoia begleitet, seit sie verurteilt wurde und brachte 2011 ihre Lebens- und Prozessgeschichte als Dokumentarfilm unter dem Titel »Me Facing Life: Cyntoia’s Story« ins öffentliche Bewusstsein. Seither setzten sich mehr und mehr Menschen in aller Welt dafür ein, dass der Fall neu aufgerollt wird. Der Hashtag »FreeCyntoiaBrown« machte vor allem seit der Wiederholung des Films im Fernsehen 2017 im Netz die Runde, wo­raufhin über eine halbe Million Menschen eine Petition für die sofortige Freilassung Cyntoias unterzeichnete.

Stars aus dem Showgeschäft wie Kim Kardashian, Cara Delevingne und Rihanna erhoben ihre Stimme zu Cyntoias Verteidigung und machten auf den Justizskandal aufmerksam. Die Sängerin Rihanna schrieb auf Instagram: »Stell dir vor, du wärst im Alter von 16 Jahren von einem Zuhälter mit dem Spitznamen ›Halsabschneider‹ zur Prostitution gezwungen worden. Nachdem du tagelang immer wieder von verschiedenen Männern unter Drogen gesetzt und vergewaltigt wurdest, kauft dich schließlich ein 43jähriges Raubtier und nimmt dich mit zu sich nach Hause, um dich sexuell zu missbrauchen.«

Der Reality-TV-Star Kim Karda­shian erklärte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, das Rechtssystem der USA habe versagt: »Es bricht mir das Herz zu sehen, dass ein junges Mädchen zur Prostitution gezwungen wird und dann, wenn sie den Mut hat, sich zu wehren, eine lebenslängliche Strafe bekommt.«

Erst am 7. Januar 2019 hat der Gouverneur des Bundesstaats Tennessee Bill Haslam sie endlich begnadigt und ihre Entlassung auf den 19. August des Jahres festgelegt. An diesem Tag wird Cyntoia Brown exakt 15 Jahre Haft abgesessen haben und als erwachsene Frau von 32 Jahren ein Leben hinter sich lassen, das aus einer Aneinanderreihung von Albträumen bestand. Sie wolle sich den Rest ihres Lebens dafür engagieren, »anderen Mädchen und Jungen zu helfen, nicht dort zu enden«, wo sie selbst gestrandet sei, erklärte sie nach ihrer Begnadigung. Ihr Anwalt Houston Gordon sagte, die Entscheidung des Gouverneurs solle als »nationaler Weckruf« verstanden werden, »die drakonischen Gesetze zu ändern«, die es erlauben, »dass Kinder und Jugendliche in Erwachsenengefängnisse gesteckt werden«. Sie seinen eben »keine kleinen Erwachsenen«.

Mehr aus: Ausland