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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 4 / Inland
Verdrängung

»Syndikat«-Kollektiv kämpft weiter

Organisatoren von Berliner Kiezkneipe wehren sich gegen britischen Immobilienhai
Von Ralf Wurzbacher
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Kundegbung in Solidarität mit dem »Syndi« für dessen Erhalt (Berlin-Neukölln, 17.10.2018)

Sie ist nicht wegzudenken, sie ist nicht wegzukriegen. Obwohl das »Syndikat« schon am 31. Dezember hätte dichtmachen müssen, hält die Neuköllner Kiezkneipe auch sechs Wochen nach dem Räumungstermin wacker die Stellung. »Der Betrieb läuft ganz normal. Die Leute kommen, trinken, feiern, alles wie immer«, erzählt Christian, der seit zwölf Jahren dem achtköpfigen Betreiberkollektiv angehört. Dabei herrscht seit Monaten Ausnahmezustand. Vor einem halben Jahr flatterte die Kündigung ins Haus, zum Jahresende sollte der linke Szene-, Künstler- und Nachbarschaftstreff aus der Weisestraße 56 im einstigen Berliner Arbeiterbezirk verschwunden sein – nach 33jährigem Bestehen.

Eine Begründung für den Rauswurf gab es keine, auch kein Wort dazu, was danach aus den Räumen im Erdgeschoss und den Mietern darüber wird. »Einfach nur: Zieht Leine!« sagt Christian. »Da war für uns sofort klar: Uns werdet ihr so leicht nicht los.« Am 2. Januar rückte der Hausverwalter zur Schlüsselübergabe an – und unverrichteter Dinge wieder ab. Kein neuer Mietvertrag, keine Schlüssel. Genauso war es zuletzt bei den Jugendklubs »Potse« und »Drugstore« und der Bar »Hafen« in Schöneberg gelaufen. Auch sie kämpfen gegen ihre Verdrängung und den Erhalt in Jahrzehnten gewachsener Milieus. Immobilienhaie scheren sich darum nicht, sie jagen nach Rendite. Tradition und Alteingesessene stören da nur.

Gegen wen das »Syndikat« konkret kämpft, das mussten Christian und seine Mitstreiter erst mühevoll auskundschaften. Die Spur führte von der »Deutschen Immobilien-Management« (DIM) in Berlin über eine Briefkastenfirma in Luxemburg bis schlussendlich nach London. Dort sitzt mit der Firma »Pears Global Real Estate« das, was man einen »Global Player« nennt. Das Vermögen des Unternehmens wird auf rund sechs Milliarden Euro geschätzt. Allerdings ist das Familienunternehmen ausgesprochen öffentlichkeitsscheu. Nachdem der Versuch, Kontakt zur deutschen Konzerntochter aufzunehmen, gescheitert war, reiste das »Syndikat«-Kollektiv vor Weihnachten kurzerhand in die britische Metropole und lärmte in Begleitung lokaler stadtpolitischer und anarchistischer Gruppen vor der Firmenzentrale.

»Die waren ziemlich baff«, schildert Christian. Die drei Pears-Brüder hätten sich nicht blicken lassen, auch sei die Liste mit 4.000 Unterschriften »aus Sicherheitsgründen« nicht angenommen worden. Immerhin hatte ein Sprecher der Gruppe einen Rat parat: Man solle sich woanders eine Lokalität suchen, Berlin sei doch so billig. »Die haben keine Ahnung, was hier läuft und was sie alles kaputtmachen«, meint der Wirt. »Die haben auch gar nichts gegen uns, die wollen einfach nur Profit machen.«

In der Bundesrepublik soll die »Pears-­Gruppe« rund 6.200 Miet- und Gewerbeeinheiten ihr Eigen nennen, die meisten davon in der Hauptstadt. Derzeit will das Unternehmen gleich mehrere eingemietete Betriebe vor die Tür setzen, darunter den Blumenladen »Pusteblume« in Friedrichshain oder das 50 Jahre alte Handwerksgeschäft »Heimwerk« in Moabit. Das Gesetz weiß der Konzern dabei auf seiner Seite. Für Gewerberäume gelten hierzulande keinerlei Beschränkungen in Sachen Miethöhe und -dauer. Zwar befindet sich gegenwärtig eine Bundesratsinitiative für ein neues Gewerbemietrecht in der Beratung, deren Ausgang ist aber offen.

Fürs »Syndikat« käme eine mögliche Neuregelung sowieso zu spät. Man wisse seit Mitte Januar, dass der Eigentümer eine Räumungsklage eingereicht hat, erklärt Christian. In den kommenden Wochen rechne man mit einem Gerichtstermin. Ganz hoffnungslos sei man nicht. »Vielleicht regen die Richter einen Vergleich an, oder man gewährt uns eine zweijährige Schonfrist.« Und wenn nicht? »Das werden wir sehen, sobald es soweit ist. Nur soviel steht fest: Wir kämpfen weiter.«

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