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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Iran

Die Tage der Morgenröte

Vor 40 Jahren gaben die Streitkräfte des Schahs ihren Widerstand gegen die iranische Volksrevolution auf
Von Knut Mellenthin
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Alle Versuche des Schahs, die Massenbewegung zu beschwichtigen oder sie durch Einsatz des Militärs einzuschüchtern, scheiterten (Teheran, 13.2.1979)

In Iran wird am heutigen Montag der 40. Jahrestag der »Islamischen Revolution« gefeiert. Massendemonstrationen in Teheran und vielen anderen Städten schlossen die »Zehn Tage der Morgenröte« ab, die mit der Heimkehr von Ajatollah Khomeini am 1. Februar 1979 begannen. Bis zu fünf Millionen Menschen waren damals auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt unterwegs, um die Ankunft des religiösen Führers zu bejubeln, der vom Schah im November 1964 aus dem Land verbannt worden war und die Monate zuvor im Exil in Frankreich verbracht hatte. Zwei Wochen vor Khomeinis Rückkehr hatte der Schah mit seiner Familie den Iran verlassen und war zunächst nach Ägypten geflogen. Sein weiterer Weg führte ihn über Marokko, die Bahamas, Mexiko, die USA und Panama schließlich wieder zurück nach Ägypten, wo der schon seit längerer Zeit an Krebs Erkrankte am 27. Juli 1980 starb.

Die »Zehn Tage der Morgenröte« waren die Schlussphase eines revolutionären Machtkampfs, der ein Jahr zuvor mit Protesten von Studenten und Geistlichen begonnen hatte. Im Herbst und Winter 1978 waren an manchen Tagen landesweit bis zu neun Millionen Demonstranten auf der Straße. Zugleich breiteten sich Streiks in zentralen Bereichen der Wirtschaft aus. Historiker gehen davon aus, dass sich noch nie zuvor ein so großer Teil der Bevölkerung direkt an einer Revolution beteiligt hatte. Alle taktischen Versuche des Schahs und seiner Berater, die Massenbewegung durch Zugeständnisse zu beschwichtigen oder sie durch brutale Militäreinsätze mit Schusswaffengebrauch einzuschüchtern, scheiterten. Die Einsetzung eines Militärregimes und die unbefristete landesweite Verhängung des Kriegsrechts am 6. November 1978 half dem Monarchen ebenso wenig wie die Ernennung des sozialdemokratisch-gemäßigten Oppositionspolitikers Schapur Bachtiar zum Premierminister einer Zivilregierung am 3. Januar 1979.

Die Konfrontation spitzte sich nach Khomeinis Rückkehr aus dem Exil zu. Militärisch ausgerüstete Gruppen, teils mit linkem, teils mit religiösem Hintergrund, stellten sich den Streitkräften entgegen. Im Verlauf des 10. Februar 1979 übernahmen Demonstranten geschützt von Bewaffneten die Kontrolle über den Flughafen und die Rundfunksender Teherans, wo das Personal, das bis dahin gestreikt hatte, die Arbeit im Dienst der Revolution wieder aufnahm. Polizeistationen wurden erstürmt, weitere Waffen erbeutet. Viele Soldaten verließen ihre Posten oder liefen zur Oppositionsbewegung über. Am 11. Februar 1979, als Tag des Sieges der »Revolution« besonders gefeiert, erklärte die Führung der Streitkräfte, das Militär werde sich von nun an neutral verhalten und rief die Truppen in die Kasernen zurück. Der letzte vom Schah ernannte Ministerpräsident Bachtiar tauchte zunächst unter und flüchtete dann ins Ausland, wo er schließlich in Paris Aufnahme fand. Eine Übergangsregierung unter dem liberalen Oppositionspolitiker Mehdi Bazargan, die Khomeini schon am 4. Februar eingesetzt hatte, übernahm die Macht.

Warum gerade der Ajatollah zum nicht nur religiösen, sondern auch politischen Führer und Symbol einer beispiellos breiten Volksrevolution geworden war, ist vermutlich nicht exakt zu erklären. Grundsätzlich wurde die allgemein gesprochen islamische, genauer gesagt schiitische Grundlage und Orientierung des Iran von keiner relevanten Strömung bestritten. Unterschiedlich interpretiert wurde allerdings, welche Schlussfolgerungen sich daraus ergeben sollten. Das hat sich im wesentlichen bis heute nicht geändert. Viele, die damals die Revolution unterstützten, vertrauten mehr oder weniger darauf, dass Khomeini und seine Anhänger die Regeln der Demokratie respektieren würden, wie er in seinen Reden und Schriften versichert hatte.

Am 30. und 31. März 1979 fand ein Referendum über die inhaltliche Neubestimmung und formale Umbenennung Irans als »Islamische Republik« statt. Angeblich stimmten sagenhafte 98,2 Prozent der Vorlage zu. Durch einen weiteren Volksentscheid wurde am 2. und 3. Dezember 1979 mit einem ähnlichen Ergebnis eine neue Verfassung angenommen, die unter anderem das Prinzip der Wilajat-e Fakih festschrieb. Es stellt eine Eigenheit der schiitischen Form des Islam dar und meint eine Art Obhut der Geistlichen über die Bevölkerung. Indessen gibt es auch über die Interpretation dieses Grundsatzes und seine Konsequenzen Meinungsunterschiede.

Bereits im ersten Jahr der Revolution ging die religiöse Führung zunehmend repressiv gegen liberale und linke Organisationen vor und verbot einige populäre Zeitungen. Demonstrationen dagegen wurden von militanten Anhängern Khomeinis angegriffen, die Organisatoren in Haft genommen, Büros der Linken gestürmt und verwüstet.

Am 6. November 1979 erklärte Premierminister Bazargan seinen Rücktritt, der sich offensichtlich gegen diese Entwicklung richtete. Unmittelbarer Anlass dafür war allerdings, dass Studenten und andere Demonstranten zwei Tage zuvor die US-amerikanische Botschaft in Teheran gestürmt hatten. Bazargan war es nicht gelungen, Khomeini dazu zu bewegen, die Besetzer durch die Polizei entfernen zu lassen.

Am 12. November 1979 gab das iranische Außenministerium vier Bedingungen für die Freilassung der in der Botschaft festgehaltenen Diplomaten und Mitarbeiter bekannt: 1. Rückkehr des Schah in den Iran, um ihm einen fairen Prozess zu machen. 2. Rückgabe des Auslandsvermögens des Schah an den Iran. 3. Beendigung der Einmischung der USA in die Angelegenheiten des Iran. 4. Eine Entschuldigung für die früheren Verbrechen der USA gegen Iran.

Ein Versuch der US-Regierung unter James »Jimmy« Carter, die Botschaftsbesetzung durch einen militärischen Handstreich zu beenden, scheiterte am 25. April 1980. Die 52 Geiseln kamen erst nach 444 Tagen am 20. Januar 1981 frei. Wenige Stunden zuvor war der neue Präsident Ronald Reagan vereidigt worden. Offenbar im Rahmen einer geheimen Vereinbarung zwischen Teheran und Washington wurde am selben Tag ein Teil der unter Carter beschlagnahmten iranischen Guthaben im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar zurückerstattet.

Der Regierung aufs Maul hauen

Aus Ajatollah Khomeinis erster Rede nach seiner Ankunft in Teheran am 1. Februar 1979:

»Mohammed Reza Pahlavi, dieser üble Verräter, ist weg. Er flüchtete, nachdem er alles geplündert hatte. Er zerstörte unser Land und füllte unsere Friedhöfe. Er ruinierte die Wirtschaft unseres Landes. Sogar die Projekte, die er im Namen des Fortschritts betrieb, trieben das Land in den Verfall. Er unterdrückte unsere Kultur, vernichtete Menschen und zerstörte unser Potential an Arbeitskräften. Wir sagen, dass dieser Mann, seine Regierung, sein Parlament illegal sind. Blieben sie an der Macht, würden wir sie als Verbrecher behandeln und vor Gericht stellen. Ich werde meine eigene Regierung ernennen. Ich werde der jetzigen Regierung aufs Maul hauen. Ich werde die Regierung mit dem Rückhalt dieser Nation bestimmen, weil sie mich akzeptiert.

Diese Regierung repräsentiert ein Regime, dessen Führer wie auch sein Vater illegal an der Macht war. (…) Wie kann jemand, der vom Schah eingesetzt wurde legal sein? Wir sagen ihnen, dass sie illegal sind und verschwinden sollen. Wir erklären hiermit, dass diese Regierung, die sich bislang als legal präsentiert hat, in Wahrheit illegal ist. (…) Dieser Herr, (Ministerpräsident) Dr. Bachtiar, akzeptiert sich selbst nicht, und seine Freunde akzeptieren ihn auch nicht. Die Nation akzeptiert ihn nicht und die Armee ebenfalls nicht. Nur die USA geben ihm Rückhalt und sie haben die Armee angewiesen, ihn zu unterstützen. (…) Aber er sagt, dieses Land könne nicht zwei Regierungen haben. Richtig, die illegale Regierung muss weg. (…) Die Regierung, die wir wollen, beruht auf dem Rückhalt der Nation und Gottes. Wenn Sie behaupten, Ihre Regierung sei legal, leugnen Sie Gott und den Willen der Nation. Jemand muss diesen Mann auf seinen Platz verweisen.«

www.bbc.com/persian/revolution/khomeini.shtml

Übersetzung: Knut Mellenthin

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Elisa Nowak: Freiheit für Iran! Als ich im Juli 2018 in Teheran war, konnte ich einen kurzen Einblick in die Gesellschaft in der Hauptstadt erlangen. Das iranische Volk leidet sowohl unter dem Ajatollah-Regime als auch unter dem Str...
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