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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Eine Einheit zerfällt

Die kolumbianische Koproduktion »Monos« von Alejandro Landes zeigt Probleme des Guerillakampfes
Von Kai Köhler
Wilson Salazar, Julián Giraldo, Sofía Buenaventura, Paul Cubides
Nicht auf die Kuh schießen: Lektion in Disziplin für jugendliche Guerilleros

Am Anfang steht ein Vertrauensspiel: Acht Jugendliche – sechs Männer und zwei Frauen – müssen mit verbundenen Augen etwas Ballähnliches in ein Tor befördern. Dabei unterstützen sie sich gegenseitig, orientieren sich durch Zurufe und treffen das Ziel.

Sie sind bereit zum Training – und zum Kampf. Als Außenposten einer südamerikanischen Guerillabewegung hausen sie im Bergland bei einem verlassenen Bunker, wo sie eine Geisel, eine US-amerikanische Technikerin, bewachen. Der Filmtitel »Monos« ist zugleich der Deckname der Einheit. Übersetzt bedeutet er: Affen. Damit ist angedeutet, dass die Zentrale über Stärke und Schwäche der Gruppe Bescheid weiß: Die Jugendlichen sind motiviert, zuweilen übermotiviert, aber nicht eben diszipliniert. Als der Verbindungsoffizier, ein erfahrener Kämpfer, den Affen eine Kuh bringt, die Bauern bereitgestellt haben, mahnt er denn auch dringlich, mit dem Tier verantwortungsbewusst umzugehen.

Natürlich geschieht das nicht, und bald wird die Kuh versehentlich bei einer übermütigen Ballerei erschossen. Die Regeln sind streng, dem Schützen droht die Todesstrafe. Der Versuch, den Kameraden davor zu bewahren, steht am Beginn eines Zerfalls, an dessen Ende viele Tote zu beklagen sind und kein politischer Nutzen steht.

Nun kann man mit Recht darauf hinweisen, dass dies den Leistungen von Kämpfern und Kämpferinnen zum Beispiel der kolumbianischen FARC keineswegs gerecht wird. Hätten die sich aus Ungeschick, Machtgier oder psychischer Überforderung mit Vorliebe gegenseitig umgelegt, wäre der Widerstand schon vor vielen Jahren zusammengebrochen. Der Film hat darum etwas politisch Zweifelhaftes. Gleichzeitig vermittelt er Erkenntnisse.

Was kann in einem lang andauernden Guerillakrieg geschehen, wenn Einheiten isoliert handeln müssen, welche Gruppendynamik entsteht? Wie bewältigen Jugendliche – von denen keiner zum Krieg gezwungen ist, die anfangs alle zur Sache stehen – den Konflikt? Wie geht man darin mit Gefühlen um? Die Mittel, um in einem Bürgerkrieg die Disziplin aufrechtzuerhalten und die Unterstützung der Bevölkerung zu behalten, müssen hart sein; wann schlägt diese Härte um und wird zur Angst der Kämpfer vor der Zentrale? Konkret: Ein armer Bauer gibt eine von vielleicht zwei Kühen, das Tier stirbt wegen einer Unbedachtsamkeit – muss der Schuldige sterben? Und zuletzt: Wie geht man mit einem Feind um, der ein Gesicht hat, in diesem Fall mit der Geisel? Im Kampf auf den Armeeangehörigen oder den rechten Paramilitär zu schießen, ist einfach. Aber kurz vor einer möglichen Befreiung befehlsgemäß die Frau zu töten, mit der man monatelang zusammengelebt hat?

Der Film gewinnt seine Spannung auch daraus, dass er eine dichte Folge solcher Entscheidungssituationen zeigt; und es müssen fast immer Menschen entscheiden, die von der Situation überfordert sind. Das ist kriegsgemäß, wie auch die sprachliche Verknappung (es sind eben keine Philosophen, die zur Handlung gezwungen sind). Vor allem ist »Monos« ein Film der Bilder, die die Landschaft in Szene setzen, und zwar nicht als optischen Reiz, sondern als Bedingung des Krieges. Das karge Bergland im ersten Teil entspricht einem Stand der Handlung, der noch mit der Auseinandersetzung mit Regeln zu tun hat. Der unübersichtliche Tropenwald danach zeigt ein Jeder-gegen-jeden, das zur Katastrophe führen muss. Folgerichtig ist am Schluss der Blick der Regierungsmacht von oben, aus dem Hubschrauber der Staatsarmee. So ist »Monos« bis ins Detail konsequent gestaltet und zeigt die Probleme eines Guerillakrieges.

»Monos«, Regie: Alejandro Landes, Kolumbien u. a. 2019, 102 Min., 10., 11., 12., 14.2.

Regio:

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