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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 8 / Ausland
Versorung mit Wasser in Kurdistan

»Rojava erlebt Krise durch die Wasserpolitik der Türkei«

Staudämme als politische Waffe: Kurdische Bewegung kämpft mit Versorgungsengpässen. Ein Gespräch mit Ercan Ayboga
Interview: Christof Mackinger
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Blick auf den Ilisu-Staudamm und den historischen Kern des Ortes Hasankeyf (29.4.2018)

Seit Jahren beschäftigen Sie sich mit dem Konflikt um Wasser zwischen der Türkei und Kurdistan. Wie kam es dazu?

Im Jahr 2000 habe ich begonnen, mich gegen den Ilisu-Staudamm im Südosten der Türkei bzw. in Nordkurdistan zu engagieren. Aktiv bin ich in der »Initiative zur Rettung von Hasankeyf«. Hasankeyf ist ein 12.000 Jahre alter Ort am Tigris und soll durch den Staudamm überflutet werden. Von diesem Damm profitieren nur ein paar Unternehmen und die türkische Regierung. Im Zuge dessen fing ich an, mich allgemein gegen Talsperren einzusetzen. 2009 habe ich in Istanbul ein alternatives internationales Wasserforum mitorganisiert. Seit 2012 bin ich Teil der »Ökologiebewegung Mesopotamiens«, einem breiten Bündnis von Ökoaktivisten in Nordkurdistan.

Was ist die politische Dimension im Wasserkonflikt in der Region?

Die Türkei setzt vermehrt auf den Bau von Talsperren und Wasserkraftwerken. Dadurch werden Hunderttausende Menschen vertrieben. Es werden Gebiete überflutet, in denen es Städte und Hunderte Dörfer gibt. Im kurdischen Gebiet der Südosttürkei werden die Talsperren auch als Mittel gegen die kurdische Guerilla und aufständische Bevölkerung benutzt.

In Nordkurdistan entspringen die beiden großen Flüsse Euphrat und Tigris, von wo sie nach Syrien und in den Irak weiterfließen (siehe jW vom 14.6.). Die Staudammbauten der Türkei wirken sich dort sehr negativ aus. Am Euphrat innerhalb Nordkurdistans wurden fünf große Talsperren gebaut, in Syrien und dem Irak gibt es dadurch deutlich weniger Wasser und die Qualität ist schlechter geworden. Die Türkei setzt das auch als politische Waffe ein.

Welche Lösungen kann es geben?

Vom 5. bis 7. April wird in Irakisch-Kurdistan das Wasserforum Mesopotamiens stattfinden, um darüber zu diskutieren. Wir sagen: Das Wasser ist für alle da! Eine vernünftige sozial-ökologische und demokratische Wasserpolitik ist möglich, wenn die Communities vor Ort miteinbezogen werden.

Das betrifft auch die Demokratische Föderation Nordsyrien, um die es in Ihrem Buch »Revolution in Rojava« geht. Wie sieht dort aktuell die Situation aus?

In einigen Aspekten ist das ökologische Bewusstsein seit der Revolution 2011 in Rojava gewachsen. Die Städte sind grüner geworden, es gibt weniger Müll, Wälder werden nicht mehr abgeholzt, die Landwirtschaft ist in Teilen ökologischer geworden und die Grundwasservorkommen werden weniger stark ausgebeutet. Es gibt aber eine Abhängigkeit vom Öl – das ist ein großer Widerspruch in Rojava. Gefördert wird für den Eigengebrauch, für Mobilität, fürs Heizen und für die Verteidigung. Ein bedeutender Teil des Stroms wird mit Diesel produziert, mit kleinen Kraftwerken und Generatoren. Das verpestet natürlich die Luft. Hinzu kommt, dass Rojava durch die Wasserpolitik der Türkei eine Krise erlebt. Wenn die Flüsse, die alle aus dem Norden kommen, weniger Wasser führen, bedeutet das weniger Trinkwasser, Landwirtschaft und Strom.

In welchem Verhältnis steht der Demokratische Konföderalismus, die Selbstverwaltung in Rojava, zur Ökologie?

Die drei Säulen des Demokratischen Konförderalismus sind die radikale Demokratie, Geschlechterbefreiung und Ökologie. Die beiden ersten sind recht gut entwickelt, im Bereich Ökologie beginnt alles erst langsam. Dort geht es darum, das gesamte Leben – also Wohnen, Produzieren, Konsumieren und die Ernährung – ökologisch auszurichten, so dass die Ressourcen auch in hundert Jahren noch zur Verfügung stehen, aber auch die Rechte der Natur gewahrt bleiben. Das heißt natürlich auch: weg vom Kapitalismus.

Was ist die Perspektive für Rojava?

Wichtig sind internationale Öffentlichkeit und Solidarität. Unter diesen Voraussetzungen ist es schwieriger, Rojava anzugreifen. Darauf sollten sich alle fokussieren, die eine demokratische Alternative in Syrien und im Mittleren Osten unterstützen wollen.

Ercan Ayboga ist Autor und Umweltaktivist in der »Ökologiebewegung Mesopotamiens«

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