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Aus: Ausgabe vom 07.02.2019, Seite 12 / Thema
Bauen im Sozialismus

Vom Hochhaus zum Turm

Vorabdruck: Über die Gestaltung des Ostberliner Stadtzentrums und den Umgang mit dem architektonischen Erbe der DDR
Von Bruno Flierl
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Der Berliner Alexanderplatz während des Umbaus – im Hintergrund der Rohbau des Fernsehturms, der am 7. Oktober 1969 anlässlich des Staatsfeiertags der DDR eröffnet wurde (Aufnahme von 1968)

In der kommenden Woche erscheint im Berliner Verlag Das Neue Berlin der Band »Haus, Stadt, Mensch. Über Architektur und Gesellschaft«, der verschiedene Gespräche enthält, die Frank Schumann mit dem Architekten Bruno Flierl geführt hat. Wir dokumentieren da­raus im folgenden das leicht gekürzte Kapitel über Stadtplanung und Städtebau in der DDR. Die Redaktion dankt den Autoren und dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Wie kam es zu neuen Städten in der DDR?

Neue Städte in der DDR entstanden an neuen Schwerpunkten der Industrie, an der das Land aufgrund der Nachkriegsteilung Deutschlands großen Mangel hatte: Stalinstadt, später Eisenhüttenstadt genannt (Metallurgie), Hoyerswerda (Braunkohle), Schwedt (Petrochemie). Sie entstanden in den 50er Jahren allesamt neben vorhandenen Orten, städtebaulich komponiert in Sichtbeziehungen zu den neuen Industriewerken.

Gleichzeitig begann in den 50er Jahren der Aufbau in den alten Städten, bevorzugt in den zu Aufbaustädten erklärten Orten, vor allem in Berlin. In den 60er Jahren entstanden Halle-Neustadt für die Werktätigen der nahe gelegenen Chemieindustrie und das Siedlungsband zwischen Rostock und Warnemünde für die Werktätigen des Hafens, der Werften und der Fischerei. Sie wurden von Beginn an städtebaulich-räumlich auf die vorhandenen Städte hin orientiert. Gleichzeitig erfolgte in Berlin und in ausgewählten Städten forciert der Aufbau der Zentren.

In den 70er Jahren entstanden dann – vor allem seit 1973 im Rahmen des Wohnungsbauprogramms der DDR – große Wohngebiete am Rande der Städte wie Berlin-Marzahn, Leipzig-Grünau, Jena-Lobeda, Magdeburg-Olvenstedt … Zugleich gab es einzelne durchaus beachtliche, aber in der Breite nicht verfolgte Ansätze zur Modernisierung und Erhaltung von Altbaugebieten einiger Städte, in Berlin beispielsweise das Viertel um den Arnim-Platz im Stadtbezirk Prenzlauer Berg.

In den 80er Jahren war – trotz aller Anstrengungen beim Aufbau der größeren DDR-Städte, vor allem von Berlin – der Verfall der Mittel- und Kleinstädte nicht zu übersehen.

Lag es am mangelnden Willen oder an der ökonomischen Leistungskraft?

Für die angestrebte Gestaltung der Stadt als Ganzes erwies sich die DDR letzten Endes politisch, ökonomisch und auch kulturell zu schwach. Und das führte dann auch – zusammen mit dem Projekt eines realen Sozialismus insgesamt – zu ihrem Ende als Gesellschaft und Staat.

Der Prozess des Städtebaus in der DDR wird freilich erst verständlich, wenn er in seinem Zusammenhang mit der ihn tragenden gesellschaftspolitischen und ökonomischen, insbesondere baupolitischen und bauökonomischen Entwicklung in der DDR im internationalen Konflikt des Kalten Krieges begriffen und bewertet wird, in den die DDR an der Seite der Sowjetunion mit den Westmächten und der Bundesrepublik Deutschland verwickelt war. Nicht zuletzt gehört zur Geschichte des Städtebaus in der DDR ihre Verflechtung mit der Architekturentwicklung von der Moderne über den Neohistorismus erneut zur Moderne und dann zur Postmoderne.

Sozialistische Mitte

Und was war das politisch-ideologische Hauptproblem der Stadtplanung beim Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Städte in der DDR?

Zum Hauptproblem wurde immer wieder die Planung eines neuen »sozialistischen« Zentrums der Stadt: praktisch und symbolisch wirksam in der auf den Sozialismus orientierten Gestaltung und Umgestaltung der Städte in der DDR, besonders ihrer zu Aufbaustädten bestimmten Bezirksstädte und der Hauptstadt Berlin. In erster Linie gehörte dazu die Herausbildung eines sogenannten Zentralen Ortes mit Zentralem Gebäude und Zentralem Platz als Ausdruck sozialistischer Zentralität: praktisch und symbolisch als die neue Mitte der Stadt – orientiert am Vorbild des sowjetischen Städtebaus in Theorie und Praxis.

In Moskau war 1935 – nach Wettbewerben zur Gestaltung des Zentrums der Hauptstadt der Sowjetunion und zum Sowjetpalast als dem neuen zentralen Gebäude am historischen zentralen Ort der Stadt – der Entwurf einer beeindruckenden politischen und städtebaulich-architektonischen Zen­tralität entstanden: ein 300 Meter hohes Turmhochhaus über einem kuppelförmigen Sitzungssaal, gekrönt von einer 100 Meter großen Lenin-Skulptur. Dazu wurde die Christ-Erlöser-Kathedrale, der Hauptsitz der orthodoxen Kirche Russlands, abgerissen. Sie stand in Verbindung mit dem Kreml als dem historischen Machtzentrum der Zaren, jetzt der Sowjetmacht.

Dieses Vorhaben wurde nie verwirklicht. Zuerst wegen des Krieges, 1957 dann wegen der von Chruschtschow an Stalin und am Stalinismus geübten Kritik aus dem Plan gestrichen. Man hätte sich beispielsweise an der von Hannes Meyer 1927 im Wettbewerb zum Völkerbund-Palais in Genf als moderner Typus von Bürohochhaus mit saalförmigem Flachbau vorgestellten, dort aber zurückgewiesenen – später jedoch beim Bau des United Nations Building 1946 in New York nach dem Entwurf eines Architektenteams unter der Leitung von Le Corbusier realisierten – Idee orientieren können, als es um das Projekt des So­wjetpalastes ging. Das aber geschah nicht.

Was der zentrale Ort in Berlin sein sollte, entschied sich im Sommer 1950. Er sollte im Bereich der Spreeinsel entstehen: mit einem zentralen Platz am Ort des im Krieg weitgehend zerstörten Schlosses und mit einem zentralen Gebäude als Hochhaus östlich der Spree, beide durch eine Brücke über den Fluss miteinander verbunden. Darauf bestand vor allem Walter Ulbricht. Er wollte aus dem historischen Berliner Lustgarten, in der Weimarer Republik traditioneller Ort der KPD-Demonstrationen mit Ernst Thälmann, den um die Schlossfläche vergrößerten zentralen Platz der DDR-Hauptstadt machen: mit dem Namen von Marx und Engels und in Kombination mit dem zentralen Gebäude des Staates jenseits der Spree.

Mit dieser Bestimmung des neuen Zentralen Ortes der DDR-Hauptstadt war zugleich das Todesurteil für den im Krieg so verheerend zerstörten Berliner Schlossbau gesprochen, den einstigen Herrschaftsbau der brandenburgischen Kurfürsten, preußischen Könige und deutschen Kaiser. Das Schloss sollte nicht wiederaufgebaut werden: aus politisch-ideologischer Ablehnung des preußisch-deutschen Imperialismus – ganz abgesehen davon, dass ein Neubau für die DDR zu jener Zeit ökonomisch gar nicht realisierbar gewesen wäre.

Es steht unverändert der Vorwurf im Raum, die DDR habe das Berliner Schloss abgerissen, was einen Kulturfrevel sondergleichen darstelle, wobei man geflissentlich übersieht, dass auch in der Bundesrepublik – etwa in Braunschweig – damals Schlösser abgetragen wurden.

Wenn von Nicht-Freunden der DDR immer wieder behauptet wird, sie habe das Berliner Schloss abgerissen, so ist das schlichtweg falsch. Richtig ist: Die DDR hat es nicht wiederaufgebaut! Und lange Zeit – 25 Jahre – hat sie es weder ökonomisch noch politisch vermocht, an seiner Stelle etwas Neues zu bauen. Der auf diese Weise entstandene Marx-Engels-Platz für Stand- und Fließ-Demonstrationen und Paraden blieb außer an Festtagen das ganze Jahr über zumeist leer und öde: ein urbanes Loch in der Mitte der Stadt.

Stadt- und Staatskronen

Was aber sollte dieses zentrale Gebäude sein? War es anfangs noch als Volkshaus in der Tradition der Volkshäuser der deutschen Arbeiterbewegung im späten 19. Jahrhundert gedacht, nicht höher als die historischen Dominanten der Stadt, wie ein Entwurf von Kurt Liebknecht von 1950 zeigt, kam es bereits im August desselben Jahres – nach der damals gültigen stalinistischen Architektur- und Städtebauideologie – zum Beschluss, das zentrale Gebäude als Regierungshochhaus zu errichten, als höchstes Gebäude der Stadt. Diese Entscheidung war das Ergebnis der überaus raschen Entwicklung von der zur Gründung der DDR noch verkündeten Idee einer Volksdemokratie zur Realität eines sich inzwischen schon institutionalisierenden Staatssozialismus nach sowjetischem Muster.

Ein erster Entwurf für ein solches Gebäude von Richard Paulick 1951 demonstrierte die gewünschte Analogie zum sowjetischen Hochhausbau der Nachkriegszeit, besonders in Moskau. Dagegen hatte der von Edmund Collein vorgestellte Entwurf eines schlanken, »deutschen« Hochhausturms keine Chancen.

Alle Versuche von Architekten, das kriegszerstörte Schlossgebäude nicht gänzlich aufzugeben, schlugen fehl: so der Vorschlag von Richard Paulick, das schwer beschädigte Gebäude vorerst unfallsicher einzuzäunen und später wiederaufzubauen, aber auch der Vorschlag von Hans Scharoun, den Schlüter-Hof genannten Teil des Schlosses zu erhalten und mit einer Tribüne am Marx-Engels-Platz zu verbinden.

Einen besonderen Vorschlag unterbreitete Gerhard Kosel, kurz nachdem er 1954 aus sowjetischer Emigration in die DDR gekommen war. Er wollte dieses Gebäude durch seine Lage inmitten einer Spree-Seen-Landschaft noch zusätzlich aufwerten, anfangs noch in der Gestalt sowjetischer Turmhochhäuser, später in der Gestalt moderner Scheibenhochhäuser – ohne Rücksicht darauf oder mit der Absicht, dass dann die gotische Nikolaikirche im Wasser der erweiterten Spree versunken wäre. Dazu kam es jedoch nicht.

Gab es analoge Überlegungen für die Bezirksstädte in der DDR, die nach den Beschlüssen der II. Parteikonferenz der SED 1952 zur Schaffung der Grundlagen des Sozialismus als politisch-administrative Zentren von 14 neuen Bezirken anstelle der traditionellen fünf Länder institutionalisiert worden waren?

Wie in Berlin sollten auch dort zentrale Gebäude die DDR-Staatsmacht auf Bezirksebene symbolisieren. In Dresden war kurze Zeit sogar daran gedacht, das zentrale Gebäude als »Haus der Partei« zu errichten. Allesamt sollten diese Gebäude so etwas wie die neuen Kathedralen der Gesellschaft sein, nicht religiös, aber ideologisch wirksam: in jedem Fall als Stadtkrone und Staatskrone zugleich. Keines dieser Gebäude ist jedoch gebaut worden.

Lag es an den Baukapazitäten oder am Zweifel, ob solche Politkathedralen in deutsche Städte passten?

Natürlich lag es in hohem Maße daran, dass die ökonomischen Voraussetzungen zur Realisierung einer solchen Bauaufgabe einfach fehlten. Vor allem aber lag es daran, dass der politisch-ideologische Zweifel an Sinn und Nutzen solcher Gebäude generell gewachsen war, befördert aus Moskau selbst. Dort nämlich hatte 1954 der neue führende Mann, Nikita Chruschtschow, auf der Allunionskonferenz der Bauschaffenden die Repräsentationsarchitektur Stalins kritisiert und damit den Weg zu einer modernen sozialistischen Architektur geöffnet. Als dann 1958/59 der »Ideenwettbewerb für die sozialistische Umgestaltung des Stadtzentrums der Hauptstadt der DDR, Berlin« stattfand, war zu beobachten, dass es für das noch immer geforderte zentrale Gebäude als Regierungshochhaus keinen Entwurf mehr in traditionell sowjetischer Hochhausgestalt, sondern generell nur in der Gestalt moderner Architektur gab, und dass in einigen Entwürfen demonstrativ auf ein Regierungshochhaus verzichtet wurde. Während Hermann Henselmann als zentrales Bauwerk einen 300 Meter hohen »Turm der Signale« – einen Fernsehturm in kosmoider Gestalt als Symbol für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt unserer Zeit – vorschlug, präsentierte Alexander Naumow aus Leningrad ein saalförmiges Gebäude für die Volkskammer, also statt eines Zeichens für die Exekutive ein Zeichen für die Legislative der Gesellschaft. Davor wollte er eine 270 Meter hohe Stahlnadel errichten: als Point de vue (Blickfang, jW) des Boulevards Unter den Linden. Vergleichbar der Nadel am Gebäude der Admiralität in Leningrad, dem ehemaligen zaristischen St. Petersburg, als Point de vue des Newski-Prospekts.

Beide Entwürfe wurden meines Wissens offiziell kritisiert und damit abgelehnt.

Ja. Trotzdem fanden sie ein paar Jahre später – in Funktion und Gestalt gewandelt – Berücksichtigung. Zuerst hatte Josef Kaiser 1960 in einer internen zweiten Stufe des Zentrumswettbewerbs mit einem spektakulären Entwurf vorgeschlagen, das zentrale Gebäude als Sitzungssaal der Volkskammer mit einer 90 Meter hohen gläsernen Halbkugel zu errichten: als Zeichen für eine transparente sozialistische Demokratie. Kaiser verstand das auch als Gegenbau zu der von Albert Speer 1938 für Adolf Hitler entworfenen »Großen Halle«, der Machtkathedrale der angestrebten Welthauptstadt Germania. Vielleicht wurde deshalb sein Entwurf brüsk abgelehnt.

Ebenfalls abgelehnt wurde 1960 der Entwurf des Architektenkollektivs Gerhard Kröber/Kurt W. Leucht, dem auch ich angehörte. Wir hatten vorgeschlagen, das gesuchte zentrale Gebäude nicht als ein Hochhaus für die Regierung, sondern als einen Flachbau für die Tagungen der Volksammer und für Kongresse zu errichten, stadträumlich betont wie bei Naumow durch eine Stahlnadel.

Nach Ansicht von Walter Ulbricht sollte aber das zentrale Gebäude unbedingt ein Hochhaus sein: als Gegenbild zu den Kapitalhochhäusern im Westen, besonders in der Bundesrepublik. Davon ausgehend gab es – vor der Öffentlichkeit verborgen – weitere Vorschläge für ein zentrales Gebäude als Regierungshochhaus in einer Spree-Seen-Landschaft: von Gerhard Kosel und – zum großen Erstaunen vieler – auch von Hermann Henselmann, der zuvor noch den Bau eines Regierungshochhauses strikt abgelehnt hatte.

Ersatzdominante

Als dann aber 1961 die Aufgabe anstand, im internationalen Telekommunikationsnetz – abgestimmt mit den Nachbarstaaten der DDR und dem noch immer fungierenden Kontrollrat der ehemaligen Siegermächte – in Berlin-Ost einen Fernsehturm zu errichten und für ihn kein besserer Standort als der Volkspark Friedrichshain gefunden werden konnte, kam Bewegung in das Nachdenken über die nicht vollendete Gestaltung des Stadtzentrums von Berlin-Ost. Das Ergebnis war die 1962 getroffene Entscheidung, auf den Bau eines zentralen Gebäudes als Regierungshochhaus zu verzichten, dafür aber den Fernsehturm – quasi als dessen Ersatzdominante – in die Mitte des Zentrums westlich des S-Bahnhofs Alexanderplatz zu verlegen. Folglich musste der Alexanderplatz nicht – wie ursprünglich geplant – lediglich zu einem metropolitanen Verkehrsknotenpunkt, sondern auch zu einem großstädtischen Einkaufsbereich mit attraktiver Aufenthaltsqualität entwickelt werden.

Anstelle des ursprünglich geplanten Regierungshochhauses sollte nunmehr zwischen Spandauer Straße und Spree ein Gebäude für die Volkskammer und öffentliche Kongresse gebaut werden, wie im Entwurf von Köber/Leucht 1960 vorgeschlagen.

Nach diesem Konzept wurden dann der neue Alexanderplatz sowie der Fernsehturm samt seinem Umfeld zwischen Rathausstraße und Karl-Liebknecht-Straße – bei maßstäblicher Einbeziehung der gotischen Marienkirche – bis 1970–1972 fertiggestellt.

Um die Urheberschaft des Fernsehturms gab es jahrelang einen heftigen Streit. Wen sehen Sie als Urheber?

Die ursprüngliche Idee zum Bau eines solchen Fernsehturms stammte 1958/59 von Hermann Henselmann. Der dann bis 1969 errichtete Fernsehturm wurde aber nicht von Henselmann projektiert, sondern von einem Architektenkollektiv des VEB Industrieprojektierung mit Fritz Dieter für die Kugel und Günter Franke für den Turmschaft.

Und das Kongress- und Parlamentsgebäude kam dann als Palast der Republik.

Genau. Der 1962 vorgesehene Bau des zentralen Gebäudes für die Volkskammer und für öffentliche Kongressfunktionen wurde 1973–1976 als Palast der Republik westlich der Spree am Rande des Marx-Engels-Platzes realisiert. In dem von Bauten nun frei gebliebenen Raum zwischen Spree und Spandauer Straße fand 1984 das Marx-Engels-Forum mit einem Marx-Engels-Denkmal seinen Platz.

Wie bewerten Sie das Ergebnis dieser Suche nach sozialistischer Zentralität in der DDR-Hauptstadt aus historischer Sicht?

Dieser zentrale gesellschaftspolitische Bereich der DDR- Hauptstadt entstand in einem heftigen – leider zu wenig öffentlich ausgetragenen – Streit und insgesamt gesehen zugleich in einem Lernprozess, Zentralität im Interesse sozialistischer Stadtentwicklung funktionell und baulich-räumlich zu begreifen und zu verwirklichen. Kein Wunder, wenn der Zentrumsbereich eben wegen seiner hohen DDR-Identität – getragen von einer breiten Akzeptanz der Bevölkerung – von den Feinden der untergegangenen DDR und Feinden einer inneren Vereinigung der Deutschen in Ost und West 1990 aus politisch-ideologischen Gründen auf die Abrissliste kam: geglückt mit der materiellen Entsorgung des Palastes der Repu­blik, nicht aber mit der des Fernsehturms.

Die Hinterlassenschaften

Wie geht man generell mit dem städtebaulichen Erbe der DDR um?

Mit dem Untergang der DDR ist nicht zugleich auch die mit ihr entstandene gebaute Umwelt untergegangen. Im Gegenteil, sie ist als gebaute DDR noch da: in der Substanz und in der Erinnerung. Und die Menschen sind noch da, die sie schufen und in ihr lebten.

Um zu wissen, wie mit dieser immer noch gegenwärtigen Erbschaft einer historisch abgeschlossenen gesellschaftlichen Periode unter den gesellschaftlichen Verhältnissen im heutigen neuen Deutschland – der um die DDR vergrößerten alten Bundesrepublik – umzugehen ist, kommt es darauf an, die Vergangenheit mit dem Blick auf die Zukunft kritisch zu analysieren und zu bewerten. Das verlangt, das Gewordene in beiden ehemals getrennten Deutschländern unter den konkreten Bedingungen seines Entstehens und seines Gebrauchs zu begreifen, bevor beurteilt werden kann, was es heute und künftig praktisch und kulturell wert ist, ob es und wie es angeeignet werden kann – oder nicht. Modifiziert gilt gerade auch hier, was Goethe im »Faust« schrieb: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, / Erwirb es, um es zu besitzen.«

Bezogen auf die Geschichte der DDR heißt das, die generelle Frage nach dem Umgang mit den Fakten und Folgen des realen Sozialismus der DDR von gestern im realen Kapitalismus der Bundesrepublik Deutschland von heute für morgen zu beantworten.

Und wie sieht das konkret aus?

Ganz unterschiedlich. Immerhin beschloss das Land Berlin mit der Vereinigung der Stadt, die Ostberliner Denkmalliste zu übernehmen. So kam auch die Karl-Marx-Allee – die in den 1950er Jahren als Stalinallee im Stil einer »Architektur der nationalen Traditionen« gebaute und dann in den 1960er Jahren vom Strausberger Platz bis zum Alexanderplatz in moderner Architektur fortgesetzte große Magistrale Ostberlins – auf die Gesamtberliner Denkmalliste. Weiterhin wurden die Wohnbauten an der Karl-Marx-Allee infolge des Einigungsvertrages, der die Pflicht der öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften zur Privatisierung großer Teile ihrer Bestände enthielt, größtenteils veräußert. Nur so meinten die Wohnungsbaugesellschaften, den großen Instandsetzungsbedarf finanzieren zu können. Die Privaten investierten und nutzten die Steuerabschreibungsmöglichkeiten im Denkmalbereich.

Im Unterschied dazu wurde mit dem 1999 beschlossenen »Planwerk Innenstadt« die darin fixierte Politik einer »kritischen Rekonstruktion« als retrospektiver Rückbau in die Zeit vor der DDR praktiziert: demonstrativ mit dem Abriss des Palastes der Republik und mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum an dessen Stelle. Dieser wie auch der Abriss anderer Gebäude zeugten vom Ungeist des Kalten Krieges im geteilten Deutschland, der zwar formell zu Ende gekommen war, heute jedoch noch immer real weiterlebt: nicht verborgen, sondern – wie es scheint – sogar als offizielle Stadtplanungspolitik in Berlin, die den 1990 im Einheitsvertrag erklärten »Beitritt der DDR zur BRD« nicht als Vereinigung, sondern als Akt der Vereinnahmung und Unterordnung versteht und praktisch umsetzt.

Gentrifizierung

Die privat getragene und mit öffentlichen Mitteln geförderte denkmalgerechte Instandsetzung der Bauten an der Karl-Marx-Allee hat gegen die Absicht des Planwerks Innenstadt gewirkt, insbesondere den neuen Teil der Karl-Marx-Allee durch vormoderne Stadtstrukturen zu überformen und damit zu entwerten. Indem man nämlich ganz auf die private Instandsetzung orientierte, wurde der Prozess der Gentrifizierung in Gang gesetzt, durch den die angestammte Bewohnerschaft, insbesondere in den Wohnpalästen der alten Karl-Marx-Allee, Schritt für Schritt verdrängt wurde und wird.

Empörend ist vor allem, dass das mit öffentlichen Fördermitteln sanierte Baudenkmal des Restaurants Moskau, das gegenüber dem Kino International stets eine wichtige öffentliche Funktion für die Karl-Marx-Allee als zentraler Magistrale Ostberlins hatte, nun ausschließlich für private Veranstaltungen genutzt wird. Ebenso ist es eine grandiose antiurbane Fehlentwicklung, dass das Kino Kosmos nicht mehr als Kino, sondern als »Eventschuppen« genutzt wird. Man kann eine Stadt sowohl durch Zubauen, durch ideologisch motivierten Abriss, aber auch durch geduldete Fehlnutzung ruinieren. Hier versagt offenbar die Stadtpolitik, indem sie sich damit abfindet. Oder: Will sie das so?

Bruno Flierl, Jg. 1927, ist Architekt und Publizist. Er war von 2001 bis 2004 Mitglied der Internationalen Expertenkommission »Historische Mitte Berlin« und setzte sich für den Erhalt des Palastes der Republik ein.

Bruno Flierl: Haus, Stadt, Mensch. Über Architektur und Gesellschaft. Gespräche mit Frank Schumann. Das Neue Berlin, Berlin 2019, 287 Seiten, 19,90 Euro

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