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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Schweigen und alles wissen

Geschlechterordnung und Kastenherrschaft: »The Red Phallus« von Tashi Gyeltshen
Von Kai Köhler
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Gehört in die rechte Hand: Kunsthandwerk von hohem Ansehen

Ist es peinlich, wenn der Vater von Beruf Phallusschnitzer ist? So scheint es zunächst. In einer Schulpause schläft die 16jährige Sangay auf ihrer Bank, und als sie aufwacht, hat ein Mitschüler einen großen Penis auf die Tafel gezeichnet. Später schleppt das Mädchen die Werke des Vaters zu den Abnehmern. Wenn die Tochter die mächtigen Phalli übergibt, wirkt sie keineswegs glücklich.

Es wird wenig gesprochen in dem Debütfilm von Tashi Gyeltshen und noch weniger erklärt. Ein Großteil der Zeit vergeht damit, dass die Figuren bei ihren Tätigkeiten gezeigt werden, vor allem auf den Wegen durch das Bergtal in Bhutan, in dem sich die Handlung abspielt. Man muss sich orientieren, nach welchen Regeln gelebt wird in den verstreut liegenden Hütten, deren Bewohner sehr genau übereinander Bescheid wissen.

Deutlich wird immerhin, dass der Vater als Kunsthandwerker ein hohes Ansehen genießt und die Traurigkeit seiner Tochter jedenfalls nicht auf ihren sozialen Rang zurückgeht. Doch warum wird sie verhöhnt? Sie hat einen Geliebten, den sie an einem heimlichen Ort trifft (auch das weiß wohl jeder). Ist dies das moralische Problem? Dass der Geliebte ein Jahrzehnt älter ist, Familie hat?

Er behandelt sie grob, denn sie ist ja nur eine Frau. Sie behandelt ihn kaum besser, denn er entstammt einer niederen Kaste: Schlachter, die seit Generationen das Blut unschuldiger Tiere vergossen haben. Solchen Leuten kauft man vielleicht das Fleisch ab, aber sie sind doch unrein und bleiben es.

Behandelt wie der letzte Dreck, verhält er sich wie der letzte Dreck. Und wenn der angesehene Herr Phallusschnitzer zu ihm kommt und ihm den Umgang mit der Tochter verbieten will, bleibt dem Schlachter immer noch der Hinweis auf ein Vergehen des Vaters, von dem auch jeder weiß, selbst wenn niemand darüber spricht.

Dramaturgisch ist das günstig: eine umgrenzte Gesellschaft, die ihre Moral und die Regeln, damit umzugehen, nur allmählich enthüllt. Die Verschränkung von Geschlechterordnung und Kastenherrschaft in einer überschaubaren Gemeinschaft entfaltet eine Dynamik, die zur Katastrophe führen muss. Diese ist klug durch Aussparung gestaltet. Die entscheidenden Momente der Gewalt sieht man nicht. Man kann sich das vorstellen, wie auch den Zusammenbruch dieser Welt, den die letzte Szene ankündigt.

»The Red Phallus«, Regie: Tashi Gyeltshen, Bhutan/Deutschland/Nepal 2018, 82 Min., 11., 13., 14., 17.2.

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