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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Männer auf der Bremse

Die Retrospektive »Selbstbestimmt – Perspektiven von Filmemacherinnen« zeigt selten aufgeführte Werke aus West und Ost
Von F.-B. Habel
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Augenfällig realistisch: »Das Fahrrad« von Evelyn Schmidt

In den Filmen von Regisseurinnen aus Ost und West stehen immer wieder Frauenschicksale im Mittelpunkt. Crescentia Dünßer und Marina Döcker holen in ihrem Interviewfilm »Mit Haut und Haar« (1999) weit aus, befragen Damen zwischen Mitte 70 und Anfang 90, darunter die Schauspielerin Tana Schanzara und die Keramikerin Hedwig Bollhagen, nach ihrem Werdegang, Kindheitserinnerungen und von den Weltkriegen geprägten Lebensphasen. Als Pendant dazu hätte Helke Misselwitz’ DEFA-Dokumentarfilm »Winter adé« von 1988 gepasst, in dem die Autorenfilmerin versucht, dem Leben ihrer Großmutter auf die Spur zu kommen. Mit »Aktfotografie, z. B. Gundula Schulze« (1983) und »Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann« (1989) ist die Regisseurin jedoch mit zwei anderen beispielhaften Arbeiten vertreten.

Es hat sich viel getan in Sachen Frauenemanzipation seit Gründung der beiden deutschen Staaten vor 70 Jahren, doch bis heute klafft eine Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit. Filme von Frauen gab es in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg sehr wenige, nach dem Zweiten Weltkrieg indes hatten viele Frauen gelernt, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn Männer oft als Bremse fungierten. In den 50er Jahren (die mangels entsprechender Filme aus der BRD kein Gegenstand dieser Retrospektive sind) gab es in der DDR erste Regisseurinnen auf dem Gebiet des Dokumentarfilms, des Animationsfilms und auch des Kinderspielfilms. Hier brachte die propagierte Frauenförderung bereits Ergebnisse. In der BRD rekrutierten sich Regisseurinnen aus den nun gegründeten Filmhochschulen, aber auch durch Wechsel aus anderen Professionen. Lange musste die erfolgreiche Schauspielerin Margarethe von Trotta ihren damaligen Mann Volker Schlöndorff bearbeiten, ehe sie die Koregie bei »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« übernehmen durfte. Danach war der Bann gebrochen. Ihr Film »Die bleierne Zeit« (1981), angelehnt an die Biographien der Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin, ist in einer digital restaurierten Fassung Teil der Retrospektive.

Etwa zur gleichen Zeit drehte Evelyn Schmidt bei der DEFA ihren dritten Spielfilm »Das Fahrrad« über den Alltag einer jungen Arbeiterin, der in der DDR wegen des allzu augenfälligen Realismus allerdings in die Kritik geriet. Schmidts Laufbahn ist ein Beispiel dafür, wie viele Steine Filmfrauen (typischerweise von Männern in den Schaltstellen) in den Weg gelegt wurden. »Das Fahrrad« durfte nicht auf internationalen Festivals gezeigt werden, der DEFA-Außenhandel war aber doch inkonsequent genug, den Film für gute Devisen ans ZDF zu verkaufen.

Ein knappes Jahrzehnt zuvor war Iris Gusner, die in Moskau Filmregie studiert hatte, mit ihrem Debütfilm »Die Taube auf dem Dach« gestrauchelt. Der Film, der jetzt in einer digital restaurierten Kopie vorliegt, führt ins Bauarbeitermilieu und weist Parallelen zu »Spur der Steine« auf. Damals konnte die Geschichte um eine von Heidemarie Wenzel gespielte junge Bauleiterin in der DDR nicht veröffentlicht werden.

Im Westen waren Streiks ein Thema. Die Schweizerin Cristina Perincioli studierte Film in Berlin und drehte an der DFFB »Für Frauen, 1. Kapitel« (1971), eine Dokufiction, in der vier Frauen einer Edeka-Filiale um gleiches Geld für gleiche Arbeit kämpfen.

Dass Frauenfilme nicht zwingend bitterernst sein müssen, zeigte May Spils, die als bundesdeutsche Regisseurin in den 60er Jahren eine Pionierin war, mit ihrem Kassenerfolg »Zur Sache, Schätzchen« (1967/68), der im Vorfeld der »68er« den Nonkonformismus in der Subkultur propagierte.

Die Kuratoren haben sich dafür entschieden, vor allem sehr selten gezeigte Werke aller Genres von Filmemacherinnen wie Jutta Brückner, Doris Dörrie, Sieglinde Hamacher, Hermine Huntgeburth, Jeanine Meerapfel, Gitta Nickel, Dore O., Ulrike Ottinger, Helga Reidemeister, Helke Sander und Pe­tra Tschörtner wiederaufzuführen, was aufregende Entdeckungen verspricht.

Katalog: Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother (Hg.): Selbstbestimmt – Perspektiven von Filmemacherinnen. Stiftung Deutsche Kinemathek sowie Bertz- und Fischer-Verlag, Berlin 2019, 216 Seiten, 163 Fotos, farbig und schwarzweiß, 25 Euro

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