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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Italien

Italien: »Too big to fail«

Roms Staatsschulden liegen vor allem bei französischen und deutschen Banken
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Schild einer Bank in Rom (Oktober 2018)

Am Donnerstag senkte die Europäische Kommission die Wirtschaftswachstumsprognose für Italien von 1,29 auf 0,2 Prozent für 2019. Bereits am Montag hatte Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg die Höhe der Beteiligung der europäischen Banken an italienischen Staatsanleihen und privaten Schulden offengelegt.

Der gefährlichste Bestand an öffentlichen Krediten in der EU – rund 1,5 Billionen Euro – steht in den Bilanzbüchern der Kreditinstitute in Rom und Mailand. Ein Ausverkauf dieser Wertpapiere könnte die Kreditgeber in Frankfurt und Paris schnell in Mitleidenschaft ziehen, denn deutsche und französische Banken halten italienische Staatsanleihen und private Schulden in Höhe von 344,2 Milliarden Euro. Dies zeigte eine am Montag veröffentlichte Bloomberg-Analyse, die auf den Daten der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde basiert.

Französische Banken sind mit 285,5 Milliarden Euro am stärksten betroffen. Die beiden größten Geldhäuser des Landes, BNP Paribas und Credit Agricole, halten Staatsanleihen und Schulden aus Italien im Wert von 143,2 Milliarden bzw. 97,2 Milliarden Euro. Aber auch die deutschen Banken wären mit einer Gesamtsumme von 58,7 Milliarden Euro von einem Ausverkauf der italienischen Wertpapiere beeinflusst. Der Bestand bei Deutsche Bank und Commerzbank beträgt 29,6 Milliarden bzw. 12,4 Milliarden Euro.

Nachdem Griechenland im Sommer das dritte Spardiktat verlassen hat, droht nun in Italien die nächste Staatsschuldenkrise des Euro auszubrechen. Allerdings ist das Land mit einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt von 1,7 Billionen Euro nach Deutschland (3,3 Billionen Euro) und Frankreich (2,3 Billionen Euro) die drittgrößte Euro-Volkswirtschaft.

Die Größenunterschiede bei der Beteiligung der europäischen Banken sind enorm. Zum Vergleich hatte der Anteil der deutschen und französischen Banken an den griechischen Staatsanleihen, laut der Bank for International Settlements, bei 23,8 Milliarden bzw. 56,9 Milliarden Dollar gelegen.

2011 konnte eine Verlängerung der Kredite an Griechenland durch die EU-Kommission diesen Banken, allen voran Société Générale und Deutsche Bank, Zeit kaufen, um die giftigen Wertpapiere abzustoßen. Im Falle Italiens ist so eine Regelung, schon wegen der Höhe der Kredite, kaum möglich. Bloß Italiens Finanzierungsbedarf würde die volle Kapazität des Europäischen Stabilitätsmechanismus (410 Milliarden Euro) in nur einem Jahr erschöpfen.

Daraus kann man nur schließen, dass ein italienischer Staatsbankrott den gesamten Euro-Raum in den Abgrund stürzen würde und deswegen auf keinen Fall zugelassen wird. Europas bestehende Rettungsmechanismen wurden während der Griechenland-Krise auf die Schnelle und unter immensen Druck zusammengeschraubt. Italien wird sich aber kaum wie Griechenland unter Druck setzen und kaputtsparen lassen. (jW)

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