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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 8 / Inland
Internationale Schülerbewegung

»Dann bleibt nur, die Bildung zu boykottieren«

»Fridays for Future«: Schüler fordern weltweit stärkeren Einsatz gegen Klimawandel. Ein Gespräch mit Nele Brebeck
Interview: Ralf Wurzbacher
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Schulstreik für Klimaschutz: Protest vor dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Berlin

Im Januar sind erstmals auch in Deutschland Schülerinnen und Schüler in größerer Zahl auf die Straße gegangen, um gegen die Klimapolitik der Bundesregierung zu protestieren. Vorläufiger Höhepunkt war mit 10.000 Teilnehmern ein Zentralstreik in Berlin anlässlich der zeitgleich tagenden Kohlekommission. Wie geht es weiter mit der Bewegung?

Ich bekomme als Mitorganisatorin in der Hamburger Ortsgruppe sehr viel mit und kann sagen, dass die Bewegung stetig wächst. Im Moment bereiten wir auf internationaler Ebene einen Streik für den 15. März vor, an dem wir uns auch hierzulande beteiligen werden. Zudem entstehen Woche für Woche neue Ortsgruppen. Am 18. Januar waren wir bundesweit in über 50 Städten mit über 30.000 Leuten auf den Straßen.

Wie kommt es, dass sich ausgerechnet an den Schulen soviel Unmut wegen der klimapolitischen Tatenlosigkeit der Bundesregierung regt?

Ich glaube, dass das gar nicht soviel mit Schule selbst zu tun hat. Vielmehr sorgt der Umgang mit dem Klimawandel gerade in meiner Generation für sehr viel Unmut, und der überwiegende Anteil von uns besucht derzeit die Schule. Wir haben nur begrenzte Möglichkeiten, uns auf politischer Ebene zu behaupten. Klar, man kann auf die Straße gehen und demonstrieren. Aber wenn das nichts bewirkt, dann bleibt nur die Option, die Bildung zu boykottieren.

Heißt das, es wird jetzt jeden Freitag gestreikt?

Wir hoffen darauf, dass das nicht nötig sein wird und wir die politisch Verantwortlichen auch so überzeugen können. Aber falls nicht: Die Bereitschaft ist auf jeden Fall vorhanden!

Welche Rolle spielt bei all dem die schwedische Schülerin Greta Thunberg?

Eine sehr wesentliche: Greta hat Schülerinnen und Schülern weltweit mit ihrem Streik den nötigen Funken Hoffnung vermittelt, den es brauchte, um das Entstehen dieser Bewegung möglich zu machen. Das Spannende ist, dass diese gleichermaßen von Angst und Hoffnung geprägt wird. Auf der einen Seite ist dort die Angst, die Greta in ihrer Rede beim Weltklimagipfel in Katowice im Dezember 2018 ansprach und die wir alle – mal mehr, mal weniger stark – spüren. Auf der anderen Seite ist da aber auch die Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist. Dass Greta zu politischen Veranstaltungen wie dem Weltklimagipfel oder dem Weltwirtschaftsforum in Davos als Rednerin eingeladen wird, macht Hoffnung, die Politik könnte unsere Interessen doch noch wahrnehmen.

Glauben Sie das wirklich?

Greta hat in ihrer Rede in Davos unseren Planeten ein »brennendes Haus« genannt. Diese Metapher trifft es sehr genau, denn durch die Erderwärmung brennt unsere Welt ja tatsächlich: Australien kämpft derzeit mit einer Dürreperiode, im vergangenen Sommer wüteten Waldbrände extremen Ausmaßes in Kalifornien, die Meldungen über abschmelzende Polkappen häufen sich, und in Deutschland hatten wir im vergangenen Jahr gefühlt nur zwei statt vier Jahreszeiten. Der Report des Weltklimarates IPCC und die Debatte um den Hambacher Forst haben schließlich ein Thema angestoßen, das die Politik schon sehr lange vor sich hergeschoben hatte: das richtige Datum für den Kohleausstieg. Liest man sich den IPCC-Bericht durch, dann findet man sehr konkrete Aussagen darüber, wann ein solcher Kohleausstieg hätte stattfinden sollen – nämlich schon gestern. Deshalb ist der kürzlich in Berlin ausgehandelte »Kohlekompromiss« für unsere Generation eher eine Zumutung und folglich nicht hinnehmbar.

Hat die Bewegung auch eine antikapitalistische Stoßrichtung?

Ich denke, das ist eine Interpretationsfrage. Eine unserer zentralen Forderungen ist, dass Klimaschutz und Wirtschaft nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.

Freut es Sie, dass die EU-Kommission Klimaproteste ausdrücklich begrüßt hat?

Noch sehr viel mehr freuen würde es uns, wenn die EU-Kommission auch auf unsere Forderungen einginge und entsprechend handelte.

Nele Brebeck (19) studiert Rechtswissenschaft und engagiert sich bei »Fridays for Future« in Hamburg

fridaysforfuture.de