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»Organisation Gehlen«

Hintergrund: Braune Wurzeln des BND

Der BND, der heute stolz seine neue Berliner Zentrale eröffnet, hat seine Ursprünge unmittelbar im Spionageapparat der Nazis. Hervorgegangen ist er aus der »Organisation Gehlen«, die die US-Besatzungsbehörden im Juni 1946 als Nachrichtendienst gegründet hatten. Ihre zentrale Figur, der Generalmajor der Wehrmacht Reinhard Gehlen, war zuvor Leiter der Abteilung »Fremde Heere Ost« gewesen, die für das Nazireich Spionage gegen die Sowjetunion betrieben hatte. Gehlen überführte nun große Mengen an Material, darüber hinaus seine persönlichen Netzwerke inklusive seiner klandestinen Kontakte im Osten in die neue Organisation, die damit – und das war ja auch gewünscht – von Anfang an einen antisowjetischen Spionageschwerpunkt bekam. Für Gehlen ging die Kooperation mit den USA in Ordnung, denn sie ersparte ihm Haft und erlaubte es ihm, seinen Kampf gegen den Bolschewismus in anderem Rahmen weiterzuführen.

Die Organisation Gehlen hat damit den BND, der am 1. April 1956 offiziell aus ihr heraus gegründet wurde, in zweierlei Hinsicht geprägt. Zum einen ist Spionage im Osten stets ein zentraler Schwerpunkt der bundesdeutschen Auslandsspionage geblieben. Zum anderen war es kein Betriebsunfall, dass der BND nicht nur zahlreiche Nazis in seine Reihen aufnahm, sondern immer wieder auch mit schwerstbelasteten NS-Massenverbrechern kooperierte. Walther Rauff etwa, SS-Offizier und für die Entwicklung und den Einsatz von Gaswagen in der Schoah verantwortlich, war von 1958 bis 1962 als BND-Agent in Chile aktiv. Auch Klaus Barbie, von 1942 bis 1944 Gestapochef in Lyon und für seine Beteiligung an der Deportation der jüdischen Bevölkerung und für sein mörderisches Vorgehen gegen die Résistance berüchtigt, betätigte sich im bolivianischen Exil für den bundesdeutschen Auslandsgeheimdienst. Franz Six, SS-Brigadeführer und ebenfalls an der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas beteiligt, arbeitete dem Dienst gleichermaßen zu. Das sind nur drei Beispiele für die Kontinuitäten in der deutschen Auslandsspionage, die zu feierlichen Anlässen, so etwa zur Eröffnung einer neuen Zentrale, gern vergessen werden. (jk)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 3, Schwerpunkt

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