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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Umsturzpolitik

Zum Beispiel Jugoslawien

Von Jörg Kronauer
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Von NATO-Raketen zerstörtes Einkaufscenter in Pristina (26.3.1999)

Die Rolle, die der BND bei der Zerschlagung Jugoslawiens gespielt hat, verdeutlicht exemplarisch, weshalb es jeder Bundesregierung vorteilhaft erscheinen muss, die Spione vor Ort in Reichweite zu wissen. Der Dienst hatte von Pullach aus schon in den 1960er Jahren seine Fühler in Jugoslawiens Teilrepublik Kroatien ausgestreckt und hielt in den 1970ern engen Kontakt zu dem kroatischen Geheimdienstler Ivan Krajačić, um den sich damals führende Separatisten in Zagreb scharten, unter ihnen ein gewisser Franjo Tudjman. Parallel stellte der BND Beziehungen zwischen den Zagreber Separatisten und der bundesdeutschen Ustascha-Emigration her, darunter – das berichtet der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom – Führungspersonen der alten Ustascha wie Branimir Jelić, Präsident des »Kroatischen Nationalkomitees« in der Bundesrepublik, der seinerseits Kontakt zu Bonner Regierungsstellen hielt. Seit Beginn der 1980er Jahre trieb der BND – so hat es Schmidt-Eenboom formuliert, der Pionierarbeit in der Erforschung der Rolle des Diensts bei der Zerlegung Jugoslawiens geleistet hat – »die Teilung Jugoslawiens mit allen nachrichtendienstlichen Mitteln voran«. Zudem stellte er »zu nahezu allen Persönlichkeiten« Beziehungen her, »die nach 1990 in Kroatien und Slowenien wichtige politische, publizistische und nachrichtendienstliche Funktionen« besaßen. Überaus praktisch wär’s damals wohl für die Regierung gewesen, den Dienst komplett in Bonn zu haben.

Auch bei der Abspaltung des Kosovo ist der BND ein wichtiges Instrument der bundesdeutschen Politik gewesen. Er hatte – das hat ebenfalls Schmidt-Eenboom recherchiert – bereits Anfang der 1990er Jahre begonnen, enge Kontakte zur kosovo-albanischen Emigration in Deutschland aufzubauen, die recht zahlenstark war und zu der auch einflussreiche Anführer der kosovarischen Exilszene gehörten – Bujar Bukoshi zum Beispiel, einer der Gründer der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK). Der BND hat zudem die Terrormiliz UCK unterstützt, teilweise wohl über die Lieferung von Rüstungsgütern an Albanien; von dort aus wurden die Geräte in die benachbarte Südprovinz Serbiens weitergereicht. Insofern war der Dienst auch stets gut über die tatsächliche Entwicklung im Kosovo informiert. Hans Leyendecker berichtete in der Süddeutschen Zeitung – wohl nach Gesprächen mit BNDlern – Mitte April 1999, »viele der Geschichten über angebliche Massengräber und Greueltaten der Serben« würden »von Pullach als nachrichtendienstliche Desinformation bewertet, mit der Politik gemacht werde«. Das jedoch hätte die Bundesregierung auch dann gewiss nicht vom Krieg gegen Jugoslawien abgehalten, hätte der zuständige BND-Auswerter in räumlicher Nähe gearbeitet und seine Erkenntnisse interessierten Stellen persönlich vortragen können. Denn der BND ist natürlich ein Instrument der Regierung, das sie gerne in Reichweite hat, aber keines, das sie von politisch gewollten Kriegen abhält.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • E. Rasmus: Von Berlin in die Welt Die junge-Welt-Seite »Gute Visitenkarte« mit dem Beitrag über die »Zerlegung« Jugoslawiens war für mich sehr interessant und untermauert meine Anschauungen, die ich kürzlich in einem Gespräch kundtat....

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