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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Fiese Intrigen, drakonische Strafen

Tito Topin entwirft in seinem neuen Roman eine Diktatur vereinigter Gotteskrieger
Von Gerd Bedszent
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Würden sich in Tito Topins Romanwelt möglicherweise pudelwohl fühlen: Teilnehmer am »Marsch für das Leben«, 2018 in Berlin

Droht Europa die Errichtung einer theokratischen Diktatur? In »Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter« von Tito Topin ist sie bereits Realität. In der vom französischen Autor ausgemalten näheren Zukunft haben Katholiken, Evangelikale, radikale Sunniten, Schiiten und orthodoxe Juden, der ewigen Glaubenskriege überdrüssig, ein Bündnis geschlossen. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist nun aber keineswegs eine offene, tolerante Welt, richtet sich der theokratische Zusammenschluss doch gegen Freidenker, Ungläubige und Atheisten. Weltliche Feiertage sind verboten, ebenso Scheidungen, Schwangerschaftsabbrüche und gleichgeschlechtliche Ehen. Auf Vergehen wie Unzucht, Ehebruch und Homosexualität stehen drakonische Strafen. Von Pressefreiheit kann keine Rede sein.

Die meisten Menschen ordnen sich willig dem neuen Regime unter und akzeptieren die Dogmen der vereinigten Gotteskrieger. Wer sich in der Vergangenheit kritisch über die Religion oder ihre Repräsentanten geäußert hat, muss allerdings um sein Leben fürchten. Die Flucht in einen Teil der Welt, in dem sich der religiöse Fanatismus bislang nicht durchsetzen konnte, ist die einzige Möglichkeit zu überleben.

Der Pariser Journalist Boris ist einer der Verfolgten. Auf seiner Flucht vor einem katholischen Würdenträger, den er in vergangenen Zeiten als notorischen Pädophilen entlarvt hatte, erlebt er apokalyptische Szenen. Verzweifelte, zu Tode geängstigte Menschen durchbrechen Sperrketten des Militärs und drängen in Richtung der wenigen noch in Betrieb befindlichen Bahnhöfe. Doch auch auf dem flachen Land ist man nicht in Sicherheit. Europa zu verlassen, ist nur über einen portugiesischen Hafen möglich. Unterwegs schließen sich Boris weitere Flüchtlinge an. In Portugal angekommen, erleben sie jedoch eine böse Überraschung: Der rachsüchtige Bischof hat seinem Feind nicht nur die Polizei, sondern auch einen islamistischen Berufsmörder auf die Fersen gehetzt. Den rettenden Hafen bereits in Sicht, kommt, was kommen muss: der Showdown.

Näheres über die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe des auf den ersten Blick unwirklichen Szenarios finden sich nicht in dem schmalen Band. Die Machtübernahme der Gotteskrieger liegt in der Vergangenheit, erklärt wird sie nicht. Allerdings handelt es sich ja auch nicht um ein politisches Sachbuch, sondern um einen Thriller der finsteren Sorte.

Topin, so kann man es sehen, hat die politische Weltkarte schlicht umgedreht: Man ersetze das Frankreich des Buches durch den Sudan und Portugal durch Libyen – schon hat man unsere »schöne neue« Welt. Und dass radikale Sekten von Gotteskriegern ideologisch gesehen Zwillinge sind, unabhängig davon, zu welchem Gott sie beten, welche Riten und verstaubten Gesetze sie durchsetzen wollen, ist durchaus bekannt.

Davon abgesehen hat der Autor einen sehr spannenden, flüssig geschriebenen Roman vorgelegt, inklusive finsterer Intrigen, wilder Verfolgungsjagden und atemberaubender Rettungsaktionen. Eine gelungene Mischung aus den Werken von Raymond Chandler und Anna Seghers ist »Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter« obendrein. Dass die religiöse Rechte hier ihr wohlverdientes Fett abbekommt, kann man sowieso nur begrüßen.

Tito Topin: Tanzt! Singt! Morgen wird es schlechter. Aus dem Französischen von Katarina Grän, Distel-Literaturverlag, Heilbronn 2018, 190 Seiten, 14,80 Euro

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