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Aus: Ausgabe vom 07.02.2019, Seite 2 / Ausland
Seenotrettung im Mittelmeer

»Man will keine Zeugen für das, was passiert«

Privates Rettungsschiff »Sea-Watch 3« in sizilianischem Hafen festgehalten. Organisatoren appellieren an Berlin. Gespräch mit Ruben Neugebauer
Interview: Kristian Stemmler
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An die Kette gelegt: Rettungsschiff »Sea-Watch 3« im Hafen von Catania (31.1.2019)

Nach einer zehntägigen Odyssee auf dem Mittelmeer mit 47 geretteten Flüchtlingen an Bord konnte die »Sea-Watch 3« vergangene Woche in den Hafen des sizilianischen Catania einlaufen, wird aber seitdem dort festgehalten. Wieso durfte sie noch nicht wieder auslaufen?

Weil wir noch eine Liste angeblicher Mängel abarbeiten müssen, die die italienische Küstenwache festgestellt hat. Offensichtlich wurde Druck auf die Küstenwache ausgeübt, irgendwas zu finden. Die Mängelliste ist sehr lang, und darauf stehen teils absurde Dinge. Etwa, dass wir Dixi-Klos an Bord haben, die nicht mit dem Abwassertank des Schiffes verbunden sind.

Das klingt nach den üblich gewordenen Schikanen gegen die auf dem Mittelmeer aktiven Seenotretter. Nur, wieso hat Sie dann die italienische Justiz in Schutz genommen?

Selbst Staatsanwalt Carmelo Zucca­ro, der für seine Kampagnen gegen Seenotretter bekannt ist, musste zugeben, dass unser letzter Einsatz notwendig war, um Leben zu retten. Er musste einräumen, dass die Flüchtenden ohne unser Eingreifen sehr wahrscheinlich nicht überlebt hätten. Daher war es auch aus Sicht der Justiz gerechtfertigt, nach Italien zu fahren.

Was hat es dann mit dem Vorwurf auf sich, die »Sea-Watch 3« sei nicht als Rettungsschiff registriert?

Dieses alte Argument wird immer wieder hervorgeholt. Das Schiff ist in den Niederlanden als Yacht oder nichtkommerzielles Motorschiff registriert. Allerdings steht in der Registrierung unter Schiffstyp »Rettungsschiff«. Die niederländischen Behörden wissen genau, was wir mit dem Schiff tun. Es gibt zahlreiche Länder, wo Seenotrettung so organisiert ist, dass Rettungsschiffe als yachtähnliches Fahrzeug oder ähnliches zugelassen sind. Aber der italienische Innenminister Matteo Salvini und sein Verkehrsminister Danilo Toninelli lassen eben keine Möglichkeit aus, uns in ein schlechtes Licht zu rücken.

Wie viele Menschen konnten Sie mittlerweile retten?

Seit unserer Gründung haben wir weit mehr als 30.000 Flüchtlinge gerettet. Zu den offiziellen Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des sogenannten Mauerfalls haben wir uns damals gefragt: Wie kann es sein, dass man der Toten an der innerdeutschen Grenze gedenkt, während man neue Mauern um Europa zieht und dort weitaus mehr Menschen ums Leben kommen? Allein in diesem Januar sind mehr Menschen im Mittelmeer ertrunken, als über die gesamte Zeit des Bestehens an der Mauer ums Leben kamen.

Wie lange schon werden Seenotretter behindert?

Seit 2016 beobachten wir eine kontinuierliche Kriminalisierung. Man will keine Zeugen für das, was auf dem Mittelmeer passiert. Und da ist der EU jedes Mittel recht, Leute wie uns fernzuhalten.

Wie viele Rettungsschiffe sind derzeit auf hoher See unterwegs?

Momentan leider gar keines. Und auch die beiden Beobachtungsflugzeuge sind aus technischen Gründen derzeit nicht im Einsatz. Man muss einmal im Jahr eine Überholung machen, und die ist dummerweise gerade jetzt.

Das UN-Flüchtlingskommissariat hat gerade erst festgestellt, dass sich die Todesrate auf dem Mittelmeer mit Verweis auf fehlende Rettungsschiffe praktisch verdreifacht habe.

Das ist sehr bitter, dass mehr Menschen wegen der Kriminalisierung der Seenotretter ertrinken, und wir zugleich wegen irgendwelcher technischer Kleinigkeiten im Hafen festgehalten werden.

Welche Rolle spielt die Bundesregierung bei allem?

Sie tut nichts, um das Sterben im Mittelmeer zu verhindern und das ist fatal. Offenbar ist es die Strategie der Bundesregierung, die sogenannte libysche Küstenwache zu unterstützen. Dabei ist klar, dass diese völkerrechtswidrig Menschen nach Libyen zurückbringt. Wir haben überhaupt nichts dagegen, wenn die Küstenwache Aufgaben der Seenotrettung übernimmt. Aber die Bundesregierung muss sich klar gegen völkerrechtswidrige Rückführungen aussprechen und jegliche Kooperation daran knüpfen, dass die Genfer Flüchtlingskonventionen auch beachtet werden. Sonst ist sie Mittäterin.

Ruben Neugebauer ist Sprecher der deutschen Organisation Sea-Watch, die das Rettungsschiff »Sea-Watch 3« betreibt

Debatte

  • Beitrag von Dirk N. aus P. ( 7. Februar 2019 um 08:34 Uhr)
    Solche Menschen wie Herr Neugebauer sind mitverantwortlich dafür, dass sich viele Menschen auf die gefährliche Passage über das Mittelmeer begeben. Es kann niemals die Verzweiflung dieser Menschen sein, einen derart langen Weg nach Europa zu nehmen. Vielmehr sind ökonomische Gründe wichtiger als die vorgebrachten Fluchtgründe. Zum wiederholten Male fällt mir auf, dass die jW ganz unreflektiert das illegale Handeln dieser zweifelhaften Organisation mit keiner Silbe kritisiert. Ein Abgleich mit geltenden Gesetzen täte Not. Mein Abo wackelt.
    • Beitrag von Jörg Tiedjen (Redaktion) ( 7. Februar 2019 um 10:29 Uhr)
      Lieber Leser, man kann aber doch auch aus ökonomischen Gründen verzweifelt sein! Und warum sollen eigentlich Menschen aus ärmeren Ländern nicht reisen dürfen? Die These, dass nun ausgerechnet Initiativen wie »Sea-Watch« für die »Migration« mitverantwortlich seien (mehr als Wirtschaft, Kriege, Neokolonialismus, kapitalistische Dust Bowles, Klimawandel etc.), wurde übrigens durch Studien und Recherchen von Journalisten widerlegt (über Suchmaschinen zu finden). Freundliche Grüße Jörg Tiedjen, Leserbriefe
    • Beitrag von Hans D. aus B. ( 7. Februar 2019 um 10:59 Uhr)
      Woher kennt Herr Dirk N. eigentlich die Motive der Flüchtenden so genau? Hat er sich vor Ort in den Herkunftsländern informiert? Hat er sich bei hier in Europa Ankommenden kundig gemacht? Oder folgt Herr Dirk N. nur gemeinhin üblichen Klischee-Vorstellungen über sogenannte »Wirtschaftsflüchtlinge«? Und wie kommt es eigentlich zu dem krassen Unterschied in der Art und Weise des Reisens zwischen z. B. einem Westeuropäer und etwa einem Westafrikaner?

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