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Aus: Ausgabe vom 06.02.2019, Seite 12 / Thema
Gewerkschaftsbewegung

There Is Power in a Union

Vorabdruck. Machtaufbau durch Organizing. Erfahrungen aus den USA inspirieren deutsche Gewerkschaften
Von Florian Wilde
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Die Dienstleistungsgewerkschaft Service Employees International Union konnte ihre Mitgliedschaft durch Organizing-Kampagnen verdoppeln (Demonstration im April 2012 in Los Angeles für eine bessere Bezahlung der Reinigungskräfte)

In den kommenden Tagen erscheint im Hamburger VSA-Verlag das Buch »Keine halben Sachen. Machtaufbau durch Organizing« von der US-amerikanischen Gewerkschafterin Jane McAlevey. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag und leicht gekürzt das Vorwort von Florian Wilde. (jW)

Schon seit einigen Jahren belebt die Auseinandersetzung mit den Organizing-Methoden der US-amerikanischen Gewerkschaften die gewerkschaftliche Diskussion und Praxis in Deutschland. Eine systematische Kampagnenführung unter Einschluss gesellschaftlicher Bündnispartner, neue Formen der Ansprache betrieblich Aktiver, die gezielte Erschließung unorganisierter Bereiche und der Fokus auf den Aufbau betrieblicher Strukturen haben viele Gewerkschafter hierzulande inspiriert. Allerdings wurden in der deutschen Debatte bisher vor allem bestimmte Ausschnitte der amerikanischen Organizing-Diskussion rezipiert.

Betriebliche Arbeitermacht

Als im ausgehenden 19. Jahrhundert in den USA eine organisierte Arbeiterbewegung entstand, gehörte sie zu den damals dynamischsten der Welt. So ist es kein Zufall, dass der 1. Mai als internationaler Kampftag der Arbeiterklasse auf eine Auseinandersetzung in den USA zurückgeht: Am 1. Mai 1886 begann ein landesweiter Streik für den Achtstundentag, an dem sich bis zu einer halben Million Arbeiter beteiligten und der in Chicago in Auseinandersetzungen der Streikenden mit der Polizei mündete, die auf beiden Seiten zahlreiche Opfer forderten (»Haymarket Riot«).

Noch im selben Jahr wurde die American Federation of Labor (AFL) als nationaler Gewerkschaftsdachverband gegründet. Je mehr sie sich allerdings institutionalisierte, desto stärker tendierte die AFL dazu, bestehende Spaltungslinien in der Arbeiterklasse zu reproduzieren, statt sie zu überwinden. Dies lag insbesondere an ihrem Organisationsmodell. Sie zielte auf die Bildung von Berufsgewerkschaften ab, so dass es in einem Betrieb zahlreiche Gewerkschaften für die verschiedenen Berufsgruppen geben konnte. Dies beförderte soziale und rassistische Spaltungen innerhalb eines Betriebes und erschwerte gemeinsame Kämpfe. Den Kapitalismus und den Privatbesitz an den Produktionsmitteln stellte die AFL nicht grundsätzlich in Frage.

Vorwiegend sozialistisch oder anarchistisch orientierte Gewerkschafter schufen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Industrial Workers of the World (IWW) als alternativen Gewerkschaftsverband. Im Gegensatz zur AFL verstand sich die IWW nicht als Berufsgruppen-, sondern als Industriegewerkschaft, die die ganze Klasse über alle Spaltungslinien hinweg zu organisieren versuchte und ein radikal antikapitalistisches Selbstverständnis aufwies. Allerdings ebbte die anfängliche Dynamik der IWW bereits in den 1920er Jahren wieder ab.

Der große Aufschwung an Arbeiterkämpfen, den die USA in Folge der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren erlebten, machte die Bildung neuer und kämpferischerer Gewerkschaften erforderlich. Sie strukturierten sich nach dem Modell einer Industriegewerkschaft mit den Grundprinzipien »ein Betrieb – eine Gewerkschaft, eine Branche – eine Gewerkschaft« und schlossen sich in einem neuen Dachverband, dem Congress of Industrial Organizations (CIO) zusammen. Die CIO folgte einem Ansatz verbindender Klassenpolitik und wollte den Arbeiter nicht nur als Ausgebeuteten im Betrieb, sondern auch als Mitglied seiner Community organisieren und gleichzeitig die Arbeiterklasse als Ganzes, über alle Qualifikations- und Herkunftsunterschiede hinweg. Die CIO verdichtete und systematisierte die bisherigen Organisierungserfahrungen der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung hin zu einem spezifischen »Deep Organizing«-Modell, in dessen Fokus der Aufbau von betrieblicher Arbeitermacht durch Selbstermächtigung der Beschäftigten in unmittelbaren Klassenauseinandersetzungen gegen das Kapital standen. Im Deep Organizing steuern die Beschäftigten selbst ihre Kampagne und sind vom Anfang bis zum Ende – von der Entwicklung der Gewerkschaftsstrategie bis hin zu den Tarifverhandlungen – deren zentrale Akteure. So werden sie in die Lage versetzt, eigenständig kollektiv zu handeln, was wiederum einen nachhaltigen Aufbau von Gegenmacht im Betrieb ermöglicht.

Damit gelang es der CIO in zäher Arbeit, viele Industriezweige (darunter die boomende Automobilindustrie auch in den gewerkschaftsfeindlichen Südstaaten) zu organisieren. Zahlreiche Aktivisten aus der kommunistischen Partei, aber auch aus trotzkistischen und anderen linksradikalen Organisationen strömten in die CIO und wurden zu den Trägern ihres äußerst erfolgreichen Organizing-Modells. Die Führung der CIO um ihren antikommunistisch eingestellten Präsidenten John L. Lewis wusste die Fähigkeiten der linken Organizer klug zu nutzen. Die Macht der organisierten Arbeiterklasse war in den 1930ern schließlich so groß, dass sich das US-amerikanische Kapital zu umfangreichen sozialstaatlichen Zugeständnissen gezwungen sah, die sich in Roosevelts Politik des New Deal niederschlugen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlahmte auch der Schwung der CIO. Starkes Wirtschaftswachstum erleichterte Konzessionen der Unternehmer, und als sich die AFL bereit erklärte, sich dem offensichtlich weit erfolgreicheren Modell der Industriegewerkschaften zu öffnen, fusionierten beide Verbände 1955 zur AFL-CIO, die damals 35 Prozent der Beschäftigten in den USA gewerkschaftlich organisierte.

Die 1950er Jahre waren in den USA eine Periode extremer Reaktion, die insbesondere mit dem Namen des rechten Senators Joseph McCarthy verbunden ist. In ihnen kam es im Kulturbetrieb wie an den Universitäten, in den Verwaltungen wie in den Betrieben und Gewerkschaften zu einer regelrechten Hexenjagd auf Kommunisten und andere Linke. Im Tausch gegen die Konzessionsbereitschaft von Staat und Arbeitgebern ging die AFL-CIO eine politische Allianz mit dem McCarthyismus ein: Die Gewerkschaften wurden systematisch von linken Organizern »gesäubert«, und mit ihren radikalen Trägern verschwand auch das CIO-Modell des Deep Organizing weitgehend aus der Gewerkschaftsbewegung.

Hinzu kam, dass in diesen Jahren der ehemalige CIO-Aktivist Saul Alinsky ein Modell unter dem Begriff Organizing popularisierte, das sich ganz erheblich von dem der CIO unterschied. Das Ziel war die Verbesserung der Situation der Communities der am stärksten ausgeschlossenen und unterdrückten Gruppen in den USA. Sein Ansatz enthält vor allem Elemente, die Jane McAlevey als Mobilizing beschreibt. Sie umreißt Alinskys Organizing als Kampagnen, die von einem hauptamtlichen Apparat gesteuert werden, in denen die Betroffenen/Beschäftigten selbst eher eine Statistenrolle spielen und bei denen vor allem bereits überzeugte Aktivisten zu öffentlichkeitswirksamen Aktionen mobilisiert werden. Darin sieht McAlevey ein echtes Problem: »Der größte Schaden ist in unseren sozialen Bewegungen durch die Verlagerung der handelnden Hauptfigur entstanden – weg von der Basis und normalen Menschen hin zu verwegenen Hauptamtlichen, die als einsame Rächer im Namen der guten Sache agieren.«

Inspiriert von den Erfolgen aus der radikalen Phase der CIO und bewaffnet mit den Schriften Alinskys zog in den 1950er und 1960er Jahren eine neue Generation von Organizern los, um die schwarzen Communities zu organisieren und so die Bürgerrechtsbewegung voranzutreiben. Auch beim Aufbau der radikalen »Students for a Democratic Society«, dem amerikanischen SDS, kamen solche Organizing-Methoden sehr erfolgreich zum Einsatz – ein Hinweis darauf, dass sie auch für den Aufbau sozialer Bewegungen und linker Organisationen wichtige Instrumente bieten können.

Auch in den 1970er Jahren blieben die US-Gewerkschaften insgesamt sozialpartnerschaftlich orientiert. Allerdings strömten viele in den Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegungen des vorherigen Jahrzehnts politisierte Aktivisten neu in die amerikanischen Gewerkschaften und setzten sich punktuell durchaus erfolgreich – für ein Wiederanknüpfen an das Erbe einer klassenkämpferischen und internationalistischen Arbeiterbewegung ein.

Roll Back

Die in den späten 1970ern einsetzende Verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse zuungunsten der Arbeiterklasse machte sich jedoch auch in den USA bemerkbar, wo Ronald Reagan 1981 die Wahlen gewann und die Wende zum Neoliberalismus durchsetzte. Ähnlich wie Margaret Thatcher in England musste auch Reagan zunächst die Gewerkschaften schlagen, um seinen ex­trem beschäftigtenfeindlichen Kurs verwirklichen zu können. Und so wie Thatcher die britischen Gewerkschaften im großen Bergarbeiterstreik bezwang, triumphierte Reagan in einer Aus­einandersetzung um einen Streik der Fluglotsen im Sommer 1981 über die US-Gewerkschaften. Obwohl Hunderttausende Demonstranten zur Unterstützung der Streikenden strömten, blieb Reagan hart und setzte Massenentlassungen bei den Fluglotsen durch – eine historische Niederlage der US-amerikanischen Arbeiterbewegung. Auf diese einseitige Aufkündigung der sogenannten Sozialpartnerschaft folgten fast vier Jahrzehnte der Defensive und Schwächung der Gewerkschaften: Mitgliederzahlen und Tarifbindung brachen ein, während der prekäre Niedriglohnsektor explodierte und ganze Branchen heute fast gewerkschaftsfrei sind.

Angesichts dieser existentiellen Herausforderungen erfasste die Debatte um eine Erneuerung und strategische Neuausrichtung schon frühzeitig auch die US-amerikanischen Gewerkschaftsführungen. 1995 setzte sich in einer Kampfabstimmung in der AFL-CIO eine als New Labor oder New Voices bezeichnete Strömung durch, die sich für aggressive Organizing-Kampagnen aussprach. Insbesondere die Dienstleistungsgewerkschaft Service Employees International Union (SEIU) konnte so ihre Mitgliedschaft gegen den Trend zeitweise sogar verdoppeln und wurde unter ihrem Präsidenten Andy Stern zur größten Gewerkschaft in der AFL-CIO. Insgesamt gelang es New Labor aber auch wegen starker innergewerkschaftlicher Widerstände nicht, die AFL-CIO substantiell zu stärken und neu aufzustellen, und 2005 sahen sich die SEIU und sechs weitere Gewerkschaften zu einer Spaltung der AFL-CIO und der Gründung eines neuen Dachverbands veranlasst, der »Change to Win«-Coalition (CTW), um eine ganz dem Organizing verschriebene Gewerkschaftsarbeit zu ermöglichen. Allerdings konnte trotz aller Anstrengungen und trotz ressourcenstarker Kampagnen keine umfassende Trendwende erreicht werden: Insgesamt gehen die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften und die Tarifbindung nach wie vor zurück, und in vielen Tarifverhandlungen werden weiterhin eher bescheidene Ergebnisse erzielt.

Heute liegt der Organisationsgrad der US-Beschäftigten bei nur etwa elf Prozent (35 Prozent im öffentlichen Sektor, unter sieben Prozent in der Privatwirtschaft). Die Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder lebt in gerade einmal sieben der 50 Bundesstaaten, während die Südstaaten weitgehend »weiße Flecken« auf der gewerkschaftlichen Landkarte sind. Auch das Streikgeschehen ist deutlich zurückgegangen. Gab es in den 1950ern noch durchschnittlich 352 größere Arbeitsniederlegungen (mit jeweils mehr als 1.000 Streikenden) pro Jahr, waren es im vergangenen Jahrzehnt nur durchschnittlich 16 größere Streiks im Jahr. Während 1952 noch 2,7 Millionen Beschäftigte an Streikmaßnahmen beteiligt waren, ging diese Zahl bis 2013 auf nur 55.000 zurück.

Spezifika der US-Gewerkschaften

Insgesamt ist die Gewerkschaftslandschaft in den USA deutlich unübersichtlicher als in Deutschland. Gibt es hier mit dem DGB einen einzigen Dachverband, sind es in den USA seit 2005 zwei – die AFL-CIO und die Change to Win-Coalition (CTW). Sind in Deutschland acht Einzelgewerkschaften im DGB zusammengeschlossen, sind es in der AFL-CIO 56 und in der CTW gegenwärtig vier. Hinzu kommen noch weitere Gewerkschaften außerhalb der Dachverbände. Während die DGB-Gewerkschaften alle Branchen abdecken, organisieren viele US-Gewerkschaften auch weiterhin nur bestimmte Wirtschafts- bzw. Berufszweige. Zwischengewerkschaftliche Abgrenzungskonflikte sind daher keine Seltenheit.

Grundeinheit der Einzelgewerkschaften ist das Local. In ihm organisieren sich je nach Gewerkschaft bestimmte Betriebe, Beschäftigtengruppen oder geographische Standorte. In einigen Gewerkschaften sind diese Locals wiederum in branchenspezifischen, regionalen oder bundesstaatlichen Strukturen zusammengefasst. In den Betrieben gibt es keine Doppelstruktur aus Gewerkschaften und Betriebsräten. Da, wo eine Gewerkschaft im Betrieb als Beschäftigtenvertretung anerkannt wird, übernimmt ihr Local auch einige der Aufgaben, die in Deutschland von Betriebsräten erfüllt werden.

Anders als in Deutschland kennt man in den USA formell keine Branchentarifverträge, sondern nur Tarifverträge für einzelne Betriebe. Eine individuelle Gewerkschaftsmitgliedschaft ist weitgehend unbekannt. Wenn eine Gewerkschaft für einen Betrieb erfolgreich einen Tarifvertrag abschließt, übernimmt sie damit gleichzeitig die Vertretung aller Beschäftigten. Im Gegenzug für diese Vertretungsleistung werden sämtliche Beschäftigten automatisch zu Gewerkschaftsmitgliedern und ihr Mitgliedsbeitrag wird ihnen direkt vom Lohn abgezogen und der Gewerkschaft überwiesen.

Um allerdings einen Tarifvertrag überhaupt verhandeln zu können, muss eine Belegschaft sich zunächst mehrheitlich dafür entscheiden, eine Gewerkschaft als ihre Vertretung anzuerkennen. Um eine solche Anerkennungswahl bei der dafür vorgesehenen Schlichtungsstelle, dem National Labor Relations Board (NLRB), beantragen zu können, benötigt sie wiederum schon im Vorfeld eine Unterstützungsbekundung von 30 Prozent der Belegschaft, die »Authorization Cards« der Gewerkschaften unterschrieben haben müssen. Diese erste Hürde ist sehr hoch. Beschäftigte sind gesetzlich kaum vor einer Kündigung wegen gewerkschaftlicher Betätigung geschützt, und Gewerkschaftsvertreter haben kein Anrecht darauf, das Firmengelände eines unorganisierten Betriebs zu betreten. Kommt das Anerkennungsverfahren trotzdem in Gang, versuchen viele Unternehmen, es mit dem Einsatz von Union Buster (auf die Bekämpfung der Gewerkschaften spezialisierte Kanzleien und Agenturen) zu verhindern und in den Belegschaften sowie in der Öffentlichkeit Stimmung gegen die Gewerkschaft zu machen.

Ein sogenanntes Card-Check-Abkommen bedeutet dagegen, dass die »Autorisierungskarten« nicht der NLRB, sondern direkt dem Arbeitgeber vorgelegt werden, der daraufhin die Gewerkschaft freiwillig als Verhandlungspartner anerkennt. Manchmal sind Betriebsleitungen zu diesem für die Gewerkschaft weit unkomplizierteren Verfahren bereit, wenn sie dafür entsprechende Zugeständnisse erhalten. Aufgrund der genannten Hürden beim Aufbau von Interessenvertretungen kann es für Gewerkschaften gerade aus der gegenwärtigen Defensivposition heraus durchaus verlockend sein, entsprechende Card-Check-Deals mit den Unternehmern einzugehen, anstatt den mühevollen Weg der Anerkennung als Mehrheitsgewerkschaft im Betrieb zu beschreiten. Allerdings führt das häufig zu Kompromissen mit sehr geringen Verbesserungen für die Belegschaft.

In Deutschland hat eine gewerkschaftliche Betriebsgruppe auch dann das Recht, offen im Betrieb aufzutreten, wenn sie nur von einer Minderheit unterstützt wird. Zusätzlichen Schutz gewerkschaftlich Aktiver bietet zudem in der Regel die Institution des Betriebsrates. In den USA fehlt all dies. Gewerkschaftliches Engagement ist für die kaum vor Kündigung geschützten Beschäftigten auch gefährlich. Entsprechend spielt das Konzept der Leadership Identification – also die gezielte Gewinnung von in einer Belegschaft besonders respektierten Kollegen als Anführer der gewerkschaftlichen Organisierung – eine zentrale Rolle.

Das ohnehin für Gewerkschaften unvorteilhafte Regelwerk der Arbeitsgesetze in den USA ist in den letzten Jahren noch einmal verstärkt unter Beschuss geraten. Immer mehr republikanisch regierte Bundesstaaten – insbesondere im Süden – haben antigewerkschaftliche »Right to Work«-Gesetze erlassen. Die Begründung für diese irreführende Bezeichnung: Die Gewerkschaften gefährdeten die Schaffung von Arbeitsplätzen, da sie die Profite der Unternehmen schmälerten. In diesen »Right to Work«-Staaten wurde die Regelung aufgehoben, dass Mitarbeiter eines tarifgebundenen Betriebes für die erbrachte Vertretungsleistung automatisch Mitgliedsbeiträge an die Gewerkschaft zahlen, was starke finanzielle Einbußen zur Folge hat. In einigen Bundesstaaten wird der antigewerkschaftliche Kampf auf der politischen Ebene derart extrem geführt, dass die Behörden Druck gegen Unternehmer ausüben, die freiwillig zu Card-Check-Abkommen bereit sind.

Auch um den Beschränkungen des Arbeits- und Streikrechtes (das Gewerkschaften zum Beispiel Solidaritätsstreiks verbietet) sowie den Restriktionen der »Right to Work«-Gesetze zu entgehen, sind in den vergangenen Jahren mehr und mehr sogenannte Workers’ Centers entstanden, die sich insbesondere um die Organisierung prekärer und migrantischer Beschäftigter bemühen und sich oft hüten, als Gewerkschaft definiert zu werden, um nicht unter die antigewerkschaftlichen Gesetze zu fallen.

Von den USA lernen

Anfang des Jahrtausends untergrub die neoliberale Privatisierungs- und Deregulierungspolitik auch in Deutschland den bereits zuvor geschwächten Stand der Gewerkschaften und erleichterte es den Unternehmen, ihre Interessen durchzusetzen. In einigen Branchen kündigten sie die langjährige sogenannte Sozialpartnerschaft einseitig auf und bekämpften Betriebsräte und Gewerkschaften mit zunehmend aggressiven Methoden. In anderen Bereichen wurde weiterhin auf kooperative Beziehungen zu den Beschäftigtenvertretern gesetzt – nun allerdings mit dem Anspruch, angesichts der verschobenen Kräfteverhältnisse deutliche stärkere Zugeständnisse zu erhalten.

Gewerkschaftsarbeit war seit den 1990er Jahren trotz erodierender institutioneller Macht von einem Festhalten am betrieblichen Komanagement, von Rückzugsgefechten und Niederlagen gekennzeichnet. Eine grundlegende Antwort auf den Sozialabbau, den aggressiven Kurs der Unternehmer und die neuen Herausforderungen war nicht zu erkennen. Der schon Jahrzehnte andauernde Mitgliederschwund schwächte die Organisationsmacht der Gewerkschaften in wachsendem Maße. Niedergangsszenarien beherrschten die Debatte. Ein »Kapitalismus ohne Gewerkschaften« schien auch in Deutschland möglich. Doch parallel zur Durchsetzung der gewerkschaftsfeindlichen Agenda-Politik, den Hartz-Gesetzen und der Deregulierung des Arbeitsmarktes durch die Regierung Schröder/Fischer begannen kritische Gewerkschafter, nach neuen Wegen zu suchen. Ihr Interesse weckten die Erfahrungen einiger US-Gewerkschaften, die mit neuen Methoden völlig gegen den Trend gerade unter prekären, häufig migrantischen und weiblichen Beschäftigten enorme Organisierungserfolge erzielten.

Gewerkschafter, die sich um eine Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung bemühten, griffen begeistert Eckpunkte des amerikanischen Organizing auf:

– das Verständnis vom Unternehmer als Gegner statt als Partner;

– eine strategische Kampagnenführung, mit der versucht wird, den Unternehmer auf allen Ebenen anzugreifen: im Betrieb, aber auch in Politik, Medien und Öffentlichkeit;

– eine in Deutschland bisher unbekannte, intensive Recherchearbeit, um Schwachstellen des Unternehmers zu identifizieren und zu Angriffspunkten einer Kampagne zu machen;

– eine Bündnisarbeit, die politische Parteien, soziale Bewegungen und religiöse Gemeinden in die Kampagnen mit einbezieht;

– das gezielte und systematische Organisieren von bisher faktisch gewerkschaftsfreien Betrieben/Branchen;

– eine andere Form der Ansprache der Beschäftigten;

– das Mapping der Beschäftigten und ihrer Netzwerke innerhalb und außerhalb des Betriebes;

– die Konzentration auf die Aktivierung der Beschäftigten selbst, ihre Zusammenfassung in Aktivengruppen und deren Einbeziehung in die Planung und Ausgestaltung einer Kampagne.

Allerdings erwies sich der durch Jahrzehnte der »Sozialpartnerschaft« geprägte Apparat der deutschen Gewerkschaften häufig als konservativ und Neuerungen gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Zudem erschweren die Unterschiede im System der industriellen Beziehungen in den USA und in Deutschland eine schematische Übernahme der US-amerikanischen Organizing-Methoden. Mit Flächentarifverträgen sowie Betriebs- und Personalräten bestehen starke Institutionen, zu denen sich betriebliche Organizing-Projekte verhalten müssen und mit denen sie zum Teil in Konflikt geraten können.

In den letzten Jahren wird verstärkt versucht, Organizing in die Regelarbeit der Gewerkschaften zu integrieren. Dies vollzieht sich in den einzelnen Gewerkschaften auf unterschiedliche Weise. So sind Organizing-Methoden Bestandteil der Ausbildung vieler Gewerkschaftssekretäre geworden und kommen gezielt in der Erschließungsarbeit bisher gewerkschaftsfreier Betriebe zum Einsatz. Hier tut sich unter anderen die IG Metall hervor, die in vielen Landesbezirken ressourcenstarke »gemeinsame Erschließungsprojekte« (GEP) ins Leben gerufen hat. Aber auch im Verdi-Landesbezirk NRW besteht eine Erschließungsabteilung.

Das Organizing stieß in Deutschland wegen der weitverbreiteten Wahrnehmung der Krise des bisherigen sozialpartnerschaftlichen Modells auf großes Interesse. Während es von einigen nur als Methode zur Stärkung der Organisationsmacht in bisher gewerkschaftsfreien Randbereichen angesehen wurde, ohne die strategische Grundausrichtung der Gewerkschaften zu tangieren, waren andere von der Notwenigkeit einer umfassenderen strategischen Neuausrichtung der Gewerkschaften überzeugt.

Florian Wilde ist Referent für aktivierende Gewerkschaftsarbeit im Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Jane McAlevey: Keine halben Sachen. Machtaufbau durch Organizing, VSA-Verlag, Hamburg 2019, 248 Seiten, 16,80 Euro

McAlevey spricht auf der 4. Konferenz Gewerkschaftliche Erneuerung der Rosa-Luxemburg-Stiftung: »Aus unseren Kämpfen lernen«, die vom 15. bis 17. Februar in Braunschweig stattfindet.

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